Newsnational Donnerstag, 14.02.2013 |  Drucken

Ein Nachruf zum 10. Todestag von Annemarie Schimmel

Als Annemarie Schimmel Anfang Februar 2003 mit 80 Jahren in Bonn starb, gab es in den Zeitungen bundesweit zahlreiche kleinere und größere Artikel, die noch einmal an das Leben dieser großen Dame der deutschen Orientalistik erinnerten.

8 Jahre zuvor, 1995, hatte es monatelang wie ein Sturmwind durch den deutschen Medienwald gerauscht, als bekannt wurde, dass Annemarie Schimmel in diesem Jahr in Frankfurt/Main den Friedenspreis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels überreicht bekommen sollte.

Auch die Nachrufer zu ihrem Tode 2003 ließen sich immer noch in zwei Kategorien einteilen: Die erste bestand aus denen, die hämisch bis polemisch das Ansehen der Toten herunter machten nach der gängigen Devise: Wer den Islam liebt und versucht, ihn zu verstehen, ist wohl nicht ganz bei Trost! Wir wollen dieses ehrlose Gesindel keines weiteren Gedankens würdigen. De mortuis nihil nisi bene!

Die Schreiber der zweiten Kategorie erwähnten zwar die großen wissenschaftlichen Verdienste von Annemarie Schimmel und ihre unbestreitbare Fähigkeit, viele orientalische Sprachen nicht nur zu verstehen, sondern sich regelrecht in sie hinein fühlen zu können, aber steckten sie dann doch in den Elfenbeinturm verklärter, feingeistiger Wissenschaft, die sich nicht die Finger schmutzig macht an der „brutalen Wirklichkeit“.

Auch dieses Bild ist grundfalsch.

Annemarie Schimmel war eine sehr unorthodoxe Wissenschaftlerin. Liest man ihre Bücher und vergleicht sie mit anderen orientalistischen Publikationen, so fällt rein äußerlich auf, dass ihre Texte flüssig lesbar geschrieben und nicht permanent von Fußnoten, Kommentaren und Quellenangaben zerstückelt sind. Sie schrieb nicht allein für die Wissenschaft, sondern wünschte sich eine breite, interessierte Leserschaft, die den Islam fair, möglichst authentisch und ohne alle Vorurteile kennen lernen sollte, um sich so ein eigenes, gerechteres Bild machen zu können.

Schon zu Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere in der unmittelbaren Nachkriegszeit irritierte sie durch ihre unkonventionellen Methoden manche Kollegen und bekam Kritik zu spüren, die sich vom Belächeln und Kopfschütteln bis zu handfester Polemik, sie sei wissenschaftlich unseriös, bewegte. Sie begegnete dem durch eisenharte, wissenschaftliche Disziplin, sie musste einfach besser sein als ihre Kritiker, - und sie war besser. In dieser Zeit entwickelte sie bereits ein für sie lebenswichtiges Prinzip: sie ließ sich einfach nicht auf einen persönlichen Meinungsstreit ein. Manchmal referierte sie die Thesen anderer, bekannte, dass sie selbst anderer Meinung sei, aber polemisierte nicht. Stattdessen setzte sie Fakten dagegen, literarische Fundstücke, die niemand widerlegen konnte. Eine klassisch-humanistische Methode wissenschaftlicher Auseinandersetzung, die sie übrigens bei den großen islamischen Gelehrten der Blütezeit orientalischer Kultur als Prinzip der Diskussionspraxis wiederfand.

Das heißt nicht, dass die Haltung ihrer Neider sie nicht berührte. Oft genug las sie kopfschüttelnd irgendeinen polemischen Unsinn über den Islam und musste ihren Ärger schnell mit einem Raki, einem türkischen Schnaps, hinunterspülen.

Nun ist die Orientalisten-Szene immer ein Spezialisten-Fach gewesen, und die wenigen, die es schafften, hier Fuß zu fassen, arbeiteten meist allein, kannten sich aber genau aus ihren Veröffentlichungen. Als Teil der klassischen Philologie spielt sich das Leben eines Orientalisten weitgehend in Bibliotheken und hinter Büchern ab. Die junge Annemarie Schimmel hatte mit 19 promoviert und war mit ungeheurer Energie, Willenskraft und Neugier begabt. Sie hatte weder Zeit noch Lust, Schreibtischkämpfe mit anderen Gelehrten zu führen, bei denen oft genug nur Rangordnungen und akademische Titel als Argumente benutzt wurden. Es drängte sie regelrecht hinaus in die Länder, deren Literatur und Kunst sie in den westlichen Bibliotheken kennen gelernt hatte. Dazu kam eine andere seltene Begabung: sie konnte in wenigen Monaten eine Sprache erlernen, und im  Orient ist oft schon ein einziges Volk vielsprachig. Das machte ihr so schnell keiner nach.

„Diese Frau ist ein Rocker, the Lady is a tramp“, bezeichnete sie  ein gemeinsamer Freund  unorthodox, aber treffend, einer von ihren zahlreichen Bewunderern, die es Gottseidank auch gab. Er hatte sie Anfang der 80er Jahre des vorigen Jh. in Pakistan kennengelernt. Da war sie schon fast 60 Jahre alt.

Sie konnte ein Kamel und natürlich auch ein Pferd reiten und tat es auch. Sie übernahm von den orientalischen Gelehrten die Methode, ganze Bücher in der Originalsprache auswendig zu lernen. Damit gewann sie deren Anerkennung und Wohlwollen und so manche Tür wurde ihr geöffnet, die anderen verschlossen blieb.

Sie mischte sich unter die Leute, saß stundenlang mit den frommen Betern an einem Heiligengrab, aß, wenn sie eingeladen wurde, auf dem Boden sitzend aus einer Schüssel und trank aus einem Krug mit ihren Gastgebern, ein Sakrileg für den kolonialistisch geprägten westlichen Wissenschaftler der Nachkriegszeit.

Dabei war sie keineswegs eine  hemdsärmelige Abenteuertouristin. Sie wusste um den      „Adab“, jene respektvolle Höflichkeit, die im Orient das Zusammenleben der Menschen bestimmt, und handelte danach. Sie besaß von Natur aus bei aller Herzlichkeit jene vornehme Zurückhaltung, die Orientalen schätzen. Man fragt nicht nach allem, auch wenn es deutlich sichtbar ist.

Diese Verhaltensweisen riefen bei manchen Kollegen Stirnrunzeln hervor, denn sie war ja auch eine Frau! Man darf ohne Übertreibung sagen, dass wenige Frauen im Deutschland des 20. Jahrhunderts ein solches Höchstmaß an Emanzipation erreicht haben. Ausgerechnet Alice Schwarzer, selbsternannte Vorkämpferin für Frauenemanzipation in Deutschland, wagte es, diese Frau blindwütig und grundlos zu verleumden. Wir werden später noch darauf zu sprechen kommen. Ihre Tiraden im Jahre 95 erwiesen sich zwar schon beim Lesen als haltlos und lächerlich. Erschreckend aber, dass niemand ihr Einhalt geboten hat.

Später, da war Annemarie Schimmel schon über 70, erzählte sie schmunzelnd, wie sie einmal in jungen Jahren ihre Orientalisten-Kollegen geschockt hatte. Man hatte sie gefragt, ob sie denn als Frau „in diesen Ländern“ keine Probleme bekäme, wenn sie sich allein dort länger aufhalte. Ihre Antwort: „Überhaupt nicht, im Gegenteil, in diesen Ländern fühle ich mich als Frau mehr respektiert als hier, an den von Männern dominierten westlichen Universitäten.“

In den Jahrzehnten bis dahin konnte sie völlig ungestört, von der Öffentlichkeit unbeachtet, ihrer Arbeit nachgehen. Begabt mit einem phänomenalen Gedächtnis nahm sie alles auf, was sie sah und hörte, ohne Kamera oder Tonbandgerät, und konnte später beinahe aus dem Stand druckreif darüber sprechen.

Es war der Geist und der Duft der islamischen Kultur, dem sie auf diese Weise nahe kam und der aus ihren Texten und Büchern herüber weht. Nur so kann man sich einer anderen Kultur wirklich nähern, wie sie bewies -, nicht durch die Bibliotheken in Ost und West, die sie natürlich auch kannte, die ihr immer wieder Fundgruben waren, und in denen sie so manchen verborgenen Schatz entdeckte. „Hier schlummern noch riesige Kontingente ungelesener Manuskripte und warten darauf, ans Tageslicht gefördert zu werden, genug für 100 Orientalisten in 100 Jahren,“ sagte sie oft.

Ihre Übersetzungen sind über die sprachliche Präzision hinaus von hoher dichterischer Qualität. „Nur Dichter können Dichter übersetzen,“ meinte sie und wies auf ihr großes Vorbild Friedrich Rückert hin.

Durch ihre „Feldforschung“ in den orientalischen Ländern bekam sie natürlich auch das anhaltenden Zerstörungswerk mit, das die westlichen Kolonialmächte im Orient an den dortigen lebendigen sozialen und religiösen Strukturen angerichtet hatten, und versuchte in der persönlichen Begegnung, wo immer sie konnte, den Menschen zu helfen. Mehr noch als materielle Hilfe, so wurde ihr dort oft gesagt, hilft den Menschen die Tatsache, dass eine bekannte westliche Wissenschaftlerin mit Respekt und Liebe, ja, Verehrung, zu ihnen kommt, mit ihnen auf dem gleichen Boden sitzt, mit ihnen isst und trinkt und ihre Lieder mitsingt.

Später, als sie schon eine V.I.P. im Orient war, war sie es, die dem Militärdiktator Zia ul-Haqq in Pakistan Anfang der 80er Jahre des vorigen Jh. die Ideen des Muhammad Iqbal, der als „geistiger Vaters Pakistans“ bezeichnet wird, nahe brachte. Sie kannte dessen Werke wie niemand sonst. Iqbals Visionen eines modernen Staates auf der Grundlage der universalen Werte des Islam mit seinen perfekten Wirtschafts-, Sozial- und Bildungs-Strukturen, die schon zur Zeit der Mogul-Herrscher Neid bei den westlichen Monarchien geweckt hatten, bis dann die Engländer Ende des 18. Jh. diese riesige Region „Hindustan“ mit der altbewährten „teile und herrsche“- Taktik zu ihrer Kolonie machten, waren Zia ul Haqq zunächst völlig unbekannt. Als Annemarie Schimmel ihm davon erzählte, wurde er regelrecht „verwandelt“, wollte mehr und genauer darüber informiert werden, und beschloss, sich zu einem  besonnenen Volksführer verändern zu wollen, der sein Land im Sinne Iqbals reformiert. . Diese beginnende Freundschaft beschrieb sie später als ein regelrechtes Lehrer-Schüler-Verhältnis. Sie dauerte nicht lange. Der Westen, das zeigte sich bald, war nicht fähig und willens, die positiven Veränderungen eines „orientalischen Diktators“ wahrzunehmen, geschweige denn, zu akzeptieren, zumal ja dann die „Gefahr“ bestand, Pakistan, damals wie heute  von US-Geheimdiensten kontrolliert, könnte „selbstständig“ werden. Genau aus diesem Grunde war ja sein Vorgänger Bhutto, der nach dem Bangladesh-Krieg fürchterlich auf die USA schimpfte und selbständige Wege suchte, 1977 von Zia ul-Haqq weggeputscht und hingerichtet worden. Als Zia ul-Haqqs Pläne im Westen bekannt wurden, wurden sie sofort mit den bewährten Horror-Begriffen „Gottesstaat“ und „Einführung der Scharia“ abqualifiziert. Kurze Zeit später, 1988, war alles vorbei. Zia ul-Haqq und ein Teil seiner Regierung stürzte mit einem Flugzeug ab, Unfallursache ungeklärt.

Annemarie Schimmel war nie parteiisch, es sei denn für die Wahrheit, auch wenn sie nicht schmeckte. Sie nutzte ihren legendären Ruf  im gesamten Zentralasiatischen Raum, um viele Menschen dort, nicht nur Künstler und Wissenschaftler, direkt zu unterstützen. Auch humanitären Organisationen, die sich an sie wendeten, konnte sie dank ihrer persönlichen Kontakte oft helfen, wenn die Bürokratie schier unüberwindlich schien. Nie hat sie auch nur ein Wort darüber verloren. Die  Menschen im Westen wussten nichts davon, die im Osten umso mehr. Das gehörte zu ihrem Privatleben, und das ging niemanden etwas an.

Manchmal vermuteten einige, jetzt sei sie sogar zum Islam übergetreten. Aber diesen Gefallen tat sie ihnen nicht. Sie wusste genau, dass damit ihre Karriere zu Ende gewesen wäre, denn ein Konvertit zum Islam galt damals wie heute im Westen als Verrückter oder Verräter, dem nicht mehr zu trauen ist. So behauptete sie demonstrativ ihr evangelisches Christentum. Das gab ihr noch eine andere Sicherheit: Sie konnte sich so immer eine objektive Distanz bewahren und auch über islamische Kontroversen und Extreme berichten, von den Ismailiten bis zu den Wahhabis, ohne sich von einer Partei vereinnahmen zu lassen. Kein Zweifel war, dass ihre besondere Liebe den islamischen Mystikern, den Sufis galt.

In all ihren Bücher spiegelt sich dieses Bemühen um respektvolle Objektivität wieder. Natürlich las sie das meiste der im Westen veröffentlichten Islam-Literatur. Aber oft schon nach wenigen Seiten ließ sich erkennen, wie sie einmal sagte, welch unerträglicher Unsinn, bar jeder faktischen Grundlage, da geschrieben wurde. In ihren Büchern versuchte sie nicht, gegen die Meinung anderer Autoren zu kämpfen oder gar zu polemisieren, sondern durch Darlegung der wahren Sachverhalte Klarheit zu schaffen. Sie kämpfte nicht gegen die Windmühlen der Ignoranz, sondern versuchte, den Wind in die Richtung echten Wissens zu drehen.

Streng genommen ist es gar nicht der Islam, sondern schlicht die wissenschaftliche Wahrheit über ihn, um die sie sich bemühte und die sie in immer neuen Publikationen darlegte. Sie stellte dar, übersetzte, zeigte auf, aber hielt sich zurück mit eigenen Theorien, die sie angesichts der Fülle des Materials sowieso für überflüssig hielt. Bei den islamischen Dichtern und Denkern fand sie eine Geistesverwandtschaft in eben dieser klassisch-wissenschaftlichen Methode der Wahrheitssuche, die das abendländische Denken seit dem Mittelalter nachhaltig beeinflusst hatte, wie sie in einigen Büchern nachwies.

Und damit erfüllte sie sogar auch eine wichtige Forderung des Koran, „jedem Schlechten mit einem Guten zu begegnen“. Das erklärt u.a. die große Zahl ihrer Publikationen. Immer wieder kam ein Büchlein hinzu mit Übersetzungen islamischer Texte und einer präzisen Darstellung der historischen und wissenschaftlichen Zusammenhänge, Bücher, die niemals Bestseller werden konnten, aber doch gelesen wurden.

All das geschah, ohne dass die Öffentlichkeit sich groß dafür interessierte. Geschützt vor den Schlagzeilen der Medien konnte sie ein ungeheures Pensum an öffentlichen Vorträgen absolvieren. Wer immer die alte Dame erlebt hat in zum Teil überfüllten Hörsälen, wie sie voller Schwung und Energie und unglaublicher Konzentration den gebannt lauschenden Zuhörern Zusammenhänge vermittelte, Schatztruhen des Islam öffnete und auf Zwischenfragen präzise Antworten gab, kann sich leicht vorstellen, welches Energiebündel sie gewesen sein muss, als sie in jüngeren Jahren darauf brannte, das, was sie in den Büchern gefunden hatte, in der Wirklichkeit am Herzschlag der Menschen dieser Kulturen zu erleben.

Sie benutzte fast nie ein Manuskript, sprach mit geschlossenen Augen 90 Minuten druckreif und als einmal ein Freund sie später fragte, was sie denn so gesagt habe, weil er nicht dabei gewesen wäre, sagte sie schelmisch: „Wenn du willst, kann ich dir den Vortrag wörtlich noch einmal genauso halten!“

Ein türkischer Junge, der in den 90er Jahren solch einen Auftritt erlebte, sagte denn auch voller Bewunderung: „echt cool, diese Frau!“, was nahtlos an die Aussage fünfzehn Jahre früher anschließt: „Sie ist ein Rocker!“ Welcher Wissenschaftler kann heute solche „Ehrentitel“ für sich in Anspruch nehmen?

Dann kam das Jahr 1995 und änderte ihr Leben. Es begann damit, dass im April der Frankfurter Börsenverein des deutschen Buchhandels sie für seinen jährlichen Friedenspreis nominierte. Plötzlich wurden die Medien auf sie aufmerksam. Und dann brach eine Schmutz- und Schlammlawine über sie herein, wie man sie bis dato nicht gekannt hatte. Los getreten hatte sie ein kleiner Buchhändler aus Aachen, der sechs Jahre zuvor in einem Vortrag gehört hatte, dass sie „Verständnis für den Ärger der Muslime über Rushdie“ hätte, denn er habe die heiligen Personen und Riten des Islam verspottet und sie damit zutiefst beleidigt. Sie wiederholte 1995 in einigen Interviews diese Aussage, die juristisch hieb- und stichfest war und keinerlei „Morddrohungen“ o.ä. enthielt. Sie war übrigens die einzige bekannte Stimme in Deutschland, die es gewagt hat, öffentlich und präzise Rushdie zu kritisieren, auch dafür sei ihr gedankt. Keiner der anfänglich zahlreichen Rushdie-Kritiker in den 80er Jahren traute sich später noch, den Mund aufzumachen. Annemarie Schimmel hatte ´89 sogar zu recht darauf hingewiesen, dass die unselige Fatwa des Imam Khomeini den Erfolg des Autors im Westen geradezu katapultartig unterstützt hatte.

Jetzt, ´95, begann eine völlig irrationale Hexenjagd, der sich immer mehr zahlreiche, sogar prominente Schreiber anschlossen, Leute, denen man eigentlich mehr Vernunft zugetraut hätte, wie z. B. die schon erwähnte Frau Schwarzer, Günter Wallraff, Ralph Giordano, u.v.a. Einige begannen sogar, erstmals Bücher von ihr zu lesen und nach den Haaren in der Suppe zu suchen. Natürlich war  dort nichts zu finden.

Frau Schimmel zog sich zurück und reagierte nicht auf die immer grotesker werdenden Schmähungen. Sie hatte das Glück, einen Mentor zu haben, der sich nicht verunsichern ließ, der damalige Bundespräsident Roman Herzog. Er hatte demonstrativ erklärt, die Laudatio in der Frankfurter Paulskirche zu halten. In dieser Rede kanzelte er diese Kampagne mit einem kurzen, aber präzisen Seitenhieb auf die deutschen Medien ab: „Kein Ruhmesblatt!“  Frau Schimmel hatte ihn gebeten, gar nichts dazu zusagen.

Dann, nach der Preisverleihung am 15.Oktober 1995, war der Spuk ganz plötzlich wieder vorbei. Bis heute hat sich niemand entschuldigt, obwohl schon damals einige Journalisten merkten, dass hier ein ganz anderer Dämon erwacht war. Vielleicht ist das einzig Gute an diesem Ereignis, dass jeder plötzlich sehen konnte, wie sehr der antiislamische Rassismus in den Köpfen „ehrenwerter“ westlicher Autoren und Journalisten verankert ist und wie bereitwillig die Medien ihre Kanäle öffnen für derartige grundlose Polemik, bei der nicht einer der Vorwürfe zutrifft. Die Tatsache, dass jemand den Islam nicht kritisiert, sondern korrekt darstellt, ist offensichtlich bereits ein Verbrechen. Und wie man auch heute immer wieder lesen und hören kann, scheint diese Haltung nach wie vor die öffentliche Meinung zu bestimmen.

Danach ließ man Annemarie Schimmel in Ruhe. Sie arbeitete weiter, gab weiter ein Buch nach dem anderen heraus, hielt weiter ihre grandiosen Vorträge, aber mied die öffentlichen Medien. Sie war vorsichtig geworden. Dadurch mag bei Journalisten, die sie jetzt erst kennen lernten und auch schon mal ein Buch von ihr in die Hand nahmen, der Eindruck entstanden sein, sie sei eine Wissenschaftlerin, die nur in ihren Bücher lebt, getrennt von der Realität des „tatsächlichen“ Islam, über den ja offensichtlich jeder Bescheid weiß.

Ich fragte sie einmal nach ´95, ob sie denn irgendwo einen Trost, eine moralische Unterstützung gefunden hätte in der Zeit, als man versuchte, ihr Lebenswerk zu zerstören.

Sie sagte: „Der größte Trost ist das Wissen, dass ich überall in der islamischen Welt, wenn ich an eine Tür klopfe und den Friedensgruß spreche, willkommen bin, egal, ob es eine armselige Hütte oder ein Palast ist.“ Ich sagte: „Warum gehen Sie denn dann nicht in den Orient und pfeifen auf den islamfeindlichen Westen?“ „Das könnte denen hier so passen“, sagte sie, „meine Aufgabe ist hier. Ich glaube einfach daran, dass nur die Wahrheit die Lüge zerstören kann, so wie es im Koran steht. Meine Bücher, und ich habe vor, noch einige zu schreiben, werden hoffentlich noch gelesen, wenn ich nicht mehr lebe und niemand mehr an diese Kampagne denkt. Und ich möchte, dass man sie, die ich manchmal „meine Kinder“ nenne, auch später noch als wahrhaftig empfindet.“

Eine echte Annemarie Schimmel-Aussage!

„Inscha’allah – so Gott will!“ wollen wir hinzu fügen.

Ahmed Kreusch, Schleiden,  24. 09. 2012
(Neubearbeitung eines Nachrufes, der im März 2003 in der „Islamischen Zeitung“ erschien)



Lesen Sie dazu auch:
Rede Dr. Klaus Lefringhausen auf dem ersten Annemarie Schimmel Forum in Bonn

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