Newsnational Samstag, 17.11.2007 |  Drucken

„Als Jude hat mich das bestürzt“ - Von Walter Homolka

Über Abgrenzungstendenzen in der EKD, den Trialog der drei großen Religionen und den Gemeinsamkeiten in der jüdischen und islamischen Lehre

Vor einiger Zeit feierten wir das jüdische Neujahr, Rosch Haschana. Kein Freudenfest mit Feuerwerk und Tanz, sondern Auftakt für die zehn Tage der Umkehr hin zum Versöhnungstag, Jom Kippur. Es ist wohl allen Juden ein Bedürfnis, sich dieser Tage auszusprechen, offene Rechnungen zu begleichen, sich beim Nächsten zu entschuldigen. Denn Juden glauben, wir können mit Gott nur dann ins Reine kommen, wenn wir zuvor auch unter einander alle Versäumnisse und Vorurteile von Mensch zu Mensch ausgeräumt haben.

Der Präsident des amerikanischen Reformjudentums, Rabbiner Eric Yoffie, hat jetzt für seine 900 Gemeinden mit 1.5 Mio Mitgliedern in den USA, ein besonders bedeutungsvolles Zeichen gesetzt. In einer Rede bei der „Islamic Society of North America” in Chicago rief er Anfang September als erster prominenter jüdischer Vertreter überhaupt dazu auf, dass die amerikanische Gesellschaft eindeutige Tendenzen der Diskriminierung von Muslimen überwinden müsse. Ein Mehr an Dialog sei zu versuchen, um - Juden und Muslime gemeinsam - eine Zweistaatenlösung im Nahen Osten voran zu bringen.

Der wichtige Trialog

Seit 1972 fand jedes Jahr in Bendorf am Rhein eine Begegnungswoche von Juden, Christen und Muslimen statt. Das Londoner Rabbinerseminar, das Leo Baeck College, war Mitorganisator und wir Studenten nahmen daran regelmäßig teil. Es gehörte sozusagen zu unserer Ausbildung, sich diesem Erlebnis des gemeinsamen Studierens, Essens und Betens auszusetzen – und ich bin froh darum.
Besonders die kirchlichen Akademien haben sich seit den späten neunziger Jahren als Orte der trialogischen Begegnung verdient gemacht. Was damals Normalität war, steht heute jedoch unter christlich-lehramtlicher Kritik. Mit Vehemenz treten die Kirchen von Aussagen zurück, die für Christen und Juden eine gemeinsame Gottesvorstellung festgestellt hatten. So formulierte die katholische Seite im Zweiten Vatikanischen Konzil 1964 in „Lumen gentium 16“: Die Heilsabsicht (Gottes) umfasst aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslime, die sich zum Festhalten am Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einzigen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird.“ Im Schlussdokument von Cartigny zog 1969 der Weltrat der Kirchen nach: „Judentum, Christentum und Islam gehören nicht nur historisch zusammen, sie sprechen von demselben Gott, Schöpfer, Offenbarer und Richter.“

EKD, der christlich-jüdische und der islamisch-jüdische Dialog

Als Jude hat mich deshalb bestürzt, welchen Ansatz die EKD mit ihrer Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“ im November 2006 eingenommen hat. Was als Einladung zum Gespräch verkauft wurde, machte den jüdischen Leser doch sehr nachdenklich, wenn man in dem Text das Wort „Muslim“ durch „Jude“ ersetzt.
Ja, der jüdisch-christliche Dialog sei mit der Beziehung zu den Muslimen gar nicht zu vergleichen, wird von christlicher Seite behauptet. Juden und Christen teilten sich die gleiche Heilige Schrift und hätten das gleiche Gottesbild. Als Jude macht mich das stutzig. Denn über viele Jahrhunderte hinweg wurden Juden von Christen auf das Grausamste verfolgt, ausgegrenzt, verhöhnt und ermordet. Die Scham über das große Versagen beider Kirchen während des Dritten Reichs war die Grundlage von sechzig Jahren intensiver Annäherung des Christentums an das Judentum, mit teilweise grotesken Phasen des Philosemitismus. Kann das aber Jahrhunderte der guten Nachbarschaft zwischen Juden und Muslimen aufwiegen? Nein. Denn beide wissen sich einig in einem gemeinsamen Gottesbild und einig in ihrer Kritik an der Trinitätslehre als Abschwächung des Monotheismus. Christen müssen sich vergegenwärtigen, dass ihre Trinitätslehre dem Judentum ferner liegt als die Lehre des Islam und dass Juden und Muslime lange Phasen gemeinsamer Erfahrungen verbinden, etwa die der Kreuzzüge oder der Reconquista; Juden müssen sich daran erinnern, dass die vorherrschende jüdische Philosophie im Mittelalter im islamischen Raum und in arabischer Sprache entstanden ist und dass die Festschreibung unserer Glaubensgrundsätze durch den mittelalterlichen Rechtsgelehrten und Religionsphilosophen Maimonides im 12. Jahrhundert dem Beispiel Mohammeds folgt. „Gott ist einer und einzig, und Moses ist sein Prophet“ entspricht der Formel, die jeder Muslim als Glaubensbekenntnis kennt: „Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Gesandter.“ Gott, unverfügbar, Schöpfer, Richter, Offenbarer.

Gemeinsamkeiten der Lehre von Judentum und Islam

Im Islam wie im Judentum offenbart Gott seinen Willen in seinem Wort an die Menschen. "Wir haben die Tora hinabgesandt, in der Rechtleitung und Licht enthalten sind, damit die Propheten, die gottergeben waren, für die, die Juden sind, danach urteilen, und so auch die Rabbinen und Gelehrten, aufgrund dessen, was ihnen vom Buche Gottes anvertraut wurde und worüber sie Zeugen waren. ... Und wir ließen nach ihnen Jesus, den Sohn Marias, folgen, damit er bestätige, was von der Tora vor ihm vorhanden war. Und wir ließen ihm das Evangelium zukommen, das Rechtleitung und Licht enthält und das bestätigt, was von der Thora vor ihm vorhanden war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. ... Und wir haben zu dir [Muhammad] das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, damit es bestätige, was vom Buch vor ihm vorhanden war, und alles, was darin steht, fest in der Hand habe." (Sure 5 - Al-Maida, 44- 48).
Nach Vorstellung des rabbinischen Judentums führt der Weg zu Gott nur über seine Offenbarung, Sie befindet sich aber „nicht im Himmel“, sondern wurde den Menschen als einzige Quelle ihrer Auslegung und ihres Weltverstehens gegeben. Diese Offenbarung schreitet voran durch die menschliche Auslegung, für Juden in der „mündlichen Thora“, für Christen und Muslime in Neuem Testament und Koran.
Judentum wie Islam suchen die Wege von Gottes Gerechtigkeit im religiösen Recht, (jüdisch die Halacha, wörtlich „die zu gehende Wegrichtung“). Die Halacha markiert hierbei nicht das Ziel, sondern einen Weg. Sie verlangt Handeln, die „Selbstheiligung“ durch Gebotserfüllung, und nicht Glauben. Im Judentum wie im Islam ist der Mensch vor Gott für sein Tun verantwortlich, er hat den freien Willen, sich für das Gute zu entscheiden. " Wer der Rechtleitung folgt, folgt ihr zu seinem eigenen Vorteil. Und wer irregeht, der geht irre zu seinem eigenen Schaden. Und keine lasttragende Seele trägt die Last einer anderen." ( Sure 17 - Al-Isra, 13ff).
Im Vordergrund stehen bei Judentum wie Islam das Leben mit Gott, das Studium seiner Schrift und die Einhaltung der Gebote Gottes. Gott ist für Juden wie Muslime ein rettender, beschützender, ein barmherziger Gott, der den Menschen ewige Treue und Liebe entgegenbringt. Muslime haben immer schon gewusst, dass hier derselbe Gott angesprochen wurde und wird. "Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt und zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist einer. Und wir sind ihm ergeben" (Sure 29 Al-Ankabut, 47).

Abraham Geiger und Holocaust

Einer der großen Denker des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert, Abraham Geiger, hat 1832 die Haltung eingenommen, die Beschäftigung mit dem Islam sei ihm liebevolle Neigung, die Auseinandersetzung mit der christlichen Theologie aber nur lästige und apologetische Pflicht. Abraham Geiger, der auch einer der Begründer der modernen Koranforschung gewesen ist, kam zu dieser Aussage, weil er damals mit einer protestantischen Vorstellung des
"Christlichen Staates" konfrontiert war, die Juden die Teilhabe an der Gesamtgesellschaft vorenthalten wollte. Es hat mehr als hundert Jahre gedauert, bis Juden und Christen zu einem neuen Verhältnis gefunden haben: Erst mußte sich die Verbindung von "Thron und Altar" lösen, erst eine plurale Gleichstellung der Religionen in der Weimarer Reichsverfassung erreicht werden. Letztlich hat erst das Trauma des Holocaust den nötigen Bruch in den Kirchen herbeigeführt. Aus der Bankrotterklärung christlicher Ethik im Dritten Reich und aus dem Versagen der Kirchen vor der Aufgabe, die jüdischen Brüder und Schwestern wirksam vor der Ermordung zu schützen, ergab sich nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise ein Ansatz für ein neues Miteinander von Christen und Juden.

Der Hinweis auf den Holocaust macht eine Einsicht besonders eindringlich: die Wahrnehmung des Anderen im Judentum basiert nicht auf der Frage nach dem rechten Glauben, sondern einzig auf der Frage nach dem richtigen ethischen Verhalten. Die Grundlage davon ist die Vorstellung von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Weil der Mensch im Angesicht Gottes geschaffen ist, hat er die Verantwortung und auch die Möglichkeit, die Vernunft als Mittel zur ethischen Vollendung zu verwenden. Dabei verweisen Juden auf Noa und seine sieben Gebote an die Menschheit: Die 6 Verbote des Götzendienstes, des Mordes, des Diebstahls, der sexuellen Promiskuität, der Gotteslästerung, der Tierquälerei und das Gebot einer gerechten Gesellschaft mit gerechten Gesetzen, Jeder Nichtjude, der diese Ge- und Verbote einhält, ist ein Gerechter unter den Völkern und von dem wird gesagt, er habe die gleiche geistige und moralische Stufe erreicht, wie selbst der Hohepriester im Tempel (Talmud, Bava Kamma 38a).

Schluß

Wir sollen uns nicht einbilden, wir seien Gott und könnten in einer Wahnvorstellung der eigenen Allmacht unseren Willen zum Gesetz erheben, obwohl wir das oft genug tun. Aber wir haben den Auftrag, Gottes Wahrheit durch unser Handeln in die Welt zu bringen, also in der Wahrheit zu leben.
Diese Wahrheit müssen wir – jeder für sich – in der Auseinandersetzung von Tradition und Moderne immer wieder finden. Das erfordert Disziplin. Und: wir müssen uns um diese Wahrheit mit unserem freien Willen und unserer Einsichtsfähigkeit bemühen und wir müssen damit fertig werden, dass es die eine Wahrheit nicht geben kann. In der Demut, die dieser Einsicht folgt, können Juden, Christen und Muslime zu einem gleichberechtigten Verhältnis finden.


Information zum Autor: Prof. Dr. Walter Homolka (geb.21. Mai 1964 in Landau an der Isar) ist deutscher Rabbiner, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam, Vorstandsmitglied der World Union for Progressive Judaism Jerusalem (seit September 2005) und Chairman der Leo Baeck Foundation.
Sein beruflicher Weg führte u.a. als Geschäftsführer bei Bertelsmann, Greenpeace, der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für internationalen Dialog und der Kultur-Stiftung der Deutsche Bank AG. Seit 2003 ist Walter Homolka Vorsitzender des Kuratoriums der Ursula-Lübbe-Stiftung.






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