Artikel Dienstag, 14.08.2007 |  Drucken

Die moralischen Heilsbringer des Kapitalismus - Von Abu Bakr Andreas Rieger

Die Retter der Welt

(iz). Die Erde sei den Menschen in die Hände gefallen, kommentierte einst Rainer Maria Rilke den ersten Weltkrieg. Der Dichter ahnte für das kommende Jahrhundert wenig Gutes und sah ein Zeitalter hereinbrechen, in dem der Mensch sich endgültig seiner aus der Religion stammenden moralischen und gesetzlichen Fesseln entledigen könnte. Die treibende Idee, sich die Welt untertan zu machen, hatte nur einen Haken: Die unbegrenzten Möglichkeiten der Technik, über die der Mensch im Sinne seiner Ziele zu verfügen glaubte, kehrten sich um. Der moderne Mensch selbst, einst eine souveräne politische Größe, wurde der Technik Untertan. „La force des choses“, das Zeitalter der Sachzwänge, begann. Die ungeheure Dynamik aller technischen Prozesse, auf die Spitze getrieben durch die Entfessselung des Geldes als einer rein virtuellen Größe, hat in unseren Tagen augenscheinlich den ganzen Planeten ergriffen.

Die großen Häuser, einst Symbole traditioneller Macht, wechseln ihre Besitzer. In die neuen Paläste ziehen die Firmensitze globaler Unternehmen oder erfolgreiche Kapitalisten ein. Im Osten und Westen werfen die Globaliserungsgewinnler unterschiedliche Schatten. Die neuen Herren sind entweder rein materiell orientierte, machtbewusste Oligarchen, die einen Pakt mit aufstrebenden autoritären, kapitalistischen Regimen gebildet haben, oder aber sie sind veranwortungsbewusste Heilsbringer, die den Weltladen in Ordnung bringen wollen. Der zweite Spezies kommt heute in der westlichen Welt besondere öffentliche Aufmerksamkeit zu. Diese „moralischen“ Kapitalisten sollen, sozusagen am Ende der Geschichte, die neue weltliche Botschaft verkörpern: „Alles wird gut“. Natürlich ist klar, dass der geheimnisvolle neue Reichtum, der uns versprochen wird, nur einen Teil der Erdenbewohner beglücken wird.

„Die Retter der Welt“ - so heißt dann auch eine neue „Spiegel“-Serie, die, entsprechend einer menschlich-allzumenschlichen Weltanschauung, große Hoffnung in den neuen „Übermenschen“ legt. Diese Philososphie lehrt, dass es nicht mehr Gott ist, auf den die Hoffnungen gelegt werden, sondern vielmehr die neuen, wohltätigen Erdenhausmeister, die mit ihren titanischen finanziellen Möglichkeiten die Welt erretten sollen. Im beiliegenden Werbetext des Magazins sieht man, plakativ in Szene gesetzt, eine menschliche Hand, die den Planeten nicht nur in der Hand, sondern auch in die reine Leere hält. Darunter heißt es erläuternd: „In der Vergangenheit waren es Romantiker und Moralisten, die sich um die Welt sorgten. Seit Beginn des Jahrhunderts haben Unternehmer, Manager und Milliardäre wie Bill Gates, George Soros und andere den Kampf um die Erde in die Hand genommen.“ Die Schöpfungsgeschichte - so will uns der „Spiegel“ wohl Glauben machen - endet mit dem kapitalistischen Supermann, der uns, oder besser die Millionen nackter Leben, die vor der Vernichtung stehen, von ihrem Leid erlösen sollen. „Seit Beginn des Jahrhunderts“ - diese im Text benutzte Redewendung erinnert mich an ein unlängst gelesenes Buch über den Beginn des vergangenen Jahrhunderts, „Die Ökonomie der Zerstörung“ von Adam Tooze. Tooze zeigt, dass Hitlers zerstörerische Ideologie nicht nur politisch und rassenbiologisch, sondern - wie in dem vergangenen Jahrhundert bereits üblich - auch wirtschaftlich geprägt war. Ohne Geld keine weltliche Macht, und vor allem ohne steten Geldzufluss keine Machtsteigerung. Hitlers Pakt mit den Unternehmern - diese hatten zunächst befürchtet, von den rechten Sozialisten enteignet zu werden - und sein skrupelloser Raubzug gegen jüdische Unternehmer gehört zu den abgründigen Kapiteln deutscher Wirtschaftsgeschichte. Der Wahn aus Selbstverherrlichung und Gier endete mit Millionen Toten.

Aber zurück zum hier und jetzt und der Spiegelung dieser Zeit. Der Leitartikel der „Retternovelle“ dreht sich - angesichts struktureller Massenvernichtung - um die Frage des „Handelns“ und beginnt zügig mit der eigentlichen politischen Grundsatzfrage unserer Zeit. Bill Clinton, der ehemals angeblich mächtigste Mann der Welt, wird hier - natürlich nach seiner Karriere - mit dem paradoxen Satz zitiert: „Ich bin jetzt im Geschäft des Handelns“. Hier ist man als Leser natürlich irritiert und mag fragen: Wo aber war er vorher? Sollte die Politik nur noch, wie es Rufin in seinem visionären Buch „Globalia“ andenkt, eine Art Theater sein?

Ein wenig melancholisch klingt es schon, wenn man die Bestandsaufnahme Clintons zur Kenntnis nimmt, dass er als Politiker vor allem an Sitzungen teilgenommen habe. Die Festellung des „Spiegel“ über den Privatmann Clinton klingt dann nüchtern: „Clinton ist ein Mann ohne Macht, aber mit Beziehungen, die ihn mächtiger machen als manchen Staatsmann.“

Die neuen Retter der Welt, die wie im Falle des Spekulanten Soros in ihren wilden Tagen auch schon mal in der Lage waren, ganze Volkswirtschaften zu zerstören, sind nun im Weltverbesserungsbusiness unterwegs und reihen sich mit einigen anderen Oligarchen in eine Bewegung, die den Wirbelsturm des Kapitalismus zwar nicht begrenzen kann, aber von der menschlichen Seite her mit viel „good will“ und mit Moral ausstatten will. Man ist als Weltsanierer reich, mächtiger als mancher Staat und auch gut. Selbstredend - hier wird kräftig in die entsprechende PR investiert - wird die globale Bewegung der reichen Männer auch nicht als Gefahr für die Demokratie angesehen. Das böse Wort der „neuen Feudalherren“, wie es zum Beispiel Jean Ziegler benutzt, hat in diesen Hochglanzpräsentationen keinen Platz.

„Die Wucht der Bewegung der Erdenretter hat auch etwas Religiöses“ heißt es nun im „Spiegel“; wohl in Anlehnung an Benjamins Gedanken, dass man in den wahren Kapitalismus wie in einen Gottesdienst geht. Allein es fehlt der Glaube. So mahnt der Dichter Hölderlin, dass alle Menschen, die den Himmel auf Erden versprechen, am Ende meist nur die Hölle etablieren. Diese Versprechungen - siehe den letzten G8-Gipfel - auf eine paradiesische Vollbeschäftigung und wundersame Geldvermehrung gibt es weiß Gott bereits genug. Der berühmte Gedanke Hölderlins wird bereits in vielen Lagern dieser Erde, wo man nichts mehr hat als das nackte Leben, traurige Gewissheit.

Natürlich gibt es zahlreiche Beispiele guter Taten mächtiger Privatleute oder großer Unternehmungen und - trotz allem - es bleibt dennoch ein wirklich strukturelles Problem: Mit welchem Recht und mit welcher Regierung die irrationale globale Geldvermehrung, die den Kapitalismus ja entfesselt, begrenzen? Die alte Idee des Weltstaates und einer Weltregierung muss nun für jeden vernünftig Denkenden ins Spiel kommen. Diese Ideen, die sich nach dem Ende der Macht der Nationalstaaten immer mehr aufdrängen, hatte bereits vor Jahrzehnten Ernst Jünger in seiner Schrift „Der Weltstaat“ vorgelegt.

Allerdings können auch die „Spiegel“-Redakteure ihren Zweifel am „gottlosen“ Rettungsplan des Menschen nicht verbergen. Weltstaat, Weltreligion, Weltbank, Weltpolizei - die neue Ordnung der Welt aus Menschenhand scheint eine unlösbare Aufgabe. Für die Aushandlung solcher Mega-Verträge vereinigter Menschenmassen bräuchte es ein ganzes Heer politischer Heilsbringer. Der Glaube an die neuen Retter hat seine erste Glaubenskrise.




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