Newsnational Dienstag, 20.11.2001 |  Drucken

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Rafik Schami attackiert Medien und Intellektuelle

"Wissen Sie, die Meinungsmacher haben viel zu lange auf einer Matratze der Klischees geschlafen. Die Vorurteile gegen den Islam sind ein Resultat des jahrtausendelangen Konflikts zwischen Europa und der arabischen Zivilisation. Allein die Kreuzzüge dauerten rund zweihundert Jahre. Auf beiden Seiten bedurften die Kriegsherren vieler Vorurteile, um ihre Truppen bei der Stange zu halten. Schließlich kämpft es sich besser gegen ein Volk, von dem man nichts hält. Da ich beide Quellen lesen kann, weiß ich: Die Fundamentalisten aller Länder sind Zwillinge."

Herr Schami, seit den Attentaten in Amerika hat das Interesse an der arabischen Welt stark zugenommen. Welche Beobachtungen haben Sie dabei gemacht?

Nach wie vor werden alte Klischees bedient. Und daran ist die Elite in Deutschland nicht unschuldig. Denn sie beeinflusst den Bürger in seiner Wahrnehmung der Dinge.


Was verstehen Sie unter "Elite"?

Schriftsteller, Journalisten, Politiker, Manager, Künstler, Medienmacher. Die äußern sich verkürzt zum Thema und werden statt zu Aufklärern zu Vertuschern und Hetzern.


Beispiele?

Ein Filmemacher, der, statt zu recherchieren, den Richter spielt und bereits bei den Dreharbeiten weiß, wer die Anthrax-Sporen verbreitet: die Araber. Stunden später heißt es in den USA, dass der Täter wohl ein Amerikaner ist. Das ist nur ein Beispiel von vielen.


Wie sollte sich die Elite denn verhalten?

Sie könnte sich ruhig einmal eingestehen, dass sie nichts zu einem Thema weiß. Stattdessen geben sich alle als Experten aus, öffnen die Schublade ihrer Vorurteile und zitieren daraus. Nehmen Sie Hans Magnus Enzensberger, der weiß in Sachen Islam so viel wie ein Abiturient. Anstatt wirklich nachzudenken, wie wir die jetzige Krise bewältigen können, veröffentlicht er in der FAZ wenige Tage nach den Attentaten einen Essay mit seinen alten eurozentristischen Vorurteilen. Zwar entschuldigt er sich darin, dass Schnellgeschriebenes oft nicht lange überlebe. Warum aber äußert er sich überhaupt zu einem Thema, in dem er sich nicht auskennt? Das ist reine Stimmungsmache.


Sie fordern also, Kultur und Religion nicht in knappe Sätze zu packen.

Genau. Was sollen denn so griffige Sätze wie "Der Islam ist tolerant" oder "Der Islam ist frustriert und stehen geblieben, und daher erzeugt er solche Terroristen"? Wer so etwas sagt, zeigt lediglich, dass er keine Ahnung hat. Wer von diesen "Experten" hat denn schon etwas von Hadi Al Alawai, Husein Muruwa, Taijeb Tisini oder Mehdi Amel gehört? Deren umfangreiches Lebenswerk bestand darin, visionäre Entwicklungsmöglichkeiten für einen modernen Islam zu finden. Und warum werden solche Werke nicht übersetzt? Stattdessen meinen die "Experten" hier zu Lande, im Islam etwas Besonderes gefunden zu haben: eine besondere Neigung zur Gewalt. Das ist pure Ideologie. Den Terrorismus in Spanien, Korsika, Deutschland erklären wir doch auch nicht mit der Religion.


Warum aber wird Ihrer Meinung nach beim Islam eine Ausnahme gemacht?

Wissen Sie, die Meinungsmacher haben viel zu lange auf einer Matratze der Klischees geschlafen. Die Vorurteile gegen den Islam sind ein Resultat des jahrtausendelangen Konflikts zwischen Europa und der arabischen Zivilisation. Allein die Kreuzzüge dauerten rund zweihundert Jahre. Auf beiden Seiten bedurften die Kriegsherren vieler Vorurteile, um ihre Truppen bei der Stange zu halten. Schließlich kämpft es sich besser gegen ein Volk, von dem man nichts hält. Da ich beide Quellen lesen kann, weiß ich: Die Fundamentalisten aller Länder sind Zwillinge.


Wieso sind alte Klischees noch immer so präsent?

Das hat viel mit Denkfaulheit zu tun. Wer stellt denn heute bestehende Denkstrukturen noch in Frage? Das Bild der Muslime in den Köpfen der "Experten" gleicht einer Karikatur. Wie lässt sich sonst erklären, dass die Nato meint, mit neunzig türkischen Soldaten den Muslimen in aller Welt zeigen zu können, dass auch Muslime in Afghanistan mitmachen? Für so dumm halten die Militärs die Muslime. Noch lächerlicher: Joschka Fischer will nach dem Krieg zu einem Dialog zwischen Muslimen und Christen einladen. Nach einem derartigen Krieg wird aber niemand mehr Interesse an einem Dialog haben, der vor dem Krieg hätte geführt werden müssen.


Was sollte man für ein besseres Verständnis der Kulturen tun?

Vieles. An erster Stelle: zu Respekt erziehen. Ich plädiere seit Jahren vergebens für ein spannendes Schulfach "Weltkulturen". Die Schüler könnten erst einfache, dann immer komplexere Zusammenhänge der Kulturen von China bis Südafrika kennen lernen. Sie würden es dann als Schande empfinden, wenn ein Literaturkritiker sagt: "Mich interessieren diese Literaturen nicht!" Wir sind noch immer so rückständig, dass ein Marcel Reich-Ranicki so etwas sagen kann und auch noch stolz darauf ist.


Die Nachfrage nach Büchern über den Islam hat aber doch stark zugenommen.

Ja, aber das ist mit Sicherheit nur vorübergehend und betrifft eher Sachbücher. Wissen Sie, ich bedaure die Amerikaner, weil sie ihre Feinde nicht kennen. Ihr Feind aber kennt sie sehr gut.


Wie meinen Sie das?

Während bin Laden sich bestens mit den Mechanismen einer offenen Gesellschaft auskennt, wissen wir doch überhaupt nichts über Al-Qaida und andere Terrorgruppen. Die sind hermetisch geschlossen. Wer nicht Muslim ist, Arabisch spricht, aus der Region stammt und bereit zum Sterben ist, kommt an den harten Kern nicht heran. Außerdem müssen wir uns über eines im Klaren sein: Wer sich erst einmal mit einem Fuß im Paradies wähnt, der kann sich über alle Gesetze, Kontrollen und Weltsatelitten hinwegsetzen. Aus dem Jenseits können ihn weder Raketen noch Computer zurückholen. Das macht mir Angst und verbietet mir gleichzeitig, im Krieg die Lösung zu suchen.


Aber wieso kann der Terrorismus nicht mit Krieg bekämpft werden?

Die Terroristen setzen Methoden des 21. Jahrhunderts ein. In hermetischer Geschlossenheit finden sie Sicherheit, in religiöser Überzeugung Anonymität. Die Supermächte dagegen wenden Methoden des 19. Jahrhunderts an. Sie haben verloren, bevor sie angefangen haben. Inzwischen wollen sieben Weltmächte gemeinsam bin Laden angeblich besiegen. Mein Gott, was ist, wenn fünfzig Vertreter bin Ladens überall auftreten?


Was wäre Ihre Alternative?

Ich bin kein Politiker, aber Krieg ist definitiv die falsche Antwort. Die Ursachen des Terrorismus müssen bekämpft werden. Das heißt, dass wir mit der aus der Kolonialzeit stammenden Politik "Billiges Öl um jeden Preis" oder "Blindheit gegenüber Israel" aufhören müssen. Wir sollten auch einsehen, dass unser Wohlstand mit der Armut anderer erkauft ist, und endlich etwas gegen das Elend in der Welt tun. Stattdessen blasen wir zum Krieg und werfen Lebensmittel und Bomben auf verhungernde Kinder.


In Deutschland werden doch aber auch kritische Stimmen laut.

Der Protest in Deutschland ist gelähmt, weil SPD und Grüne mit all ihren Organisationen das Rückgrat des Protestes waren. Die Deutschen sind wunderbare Tüftler, aber abgesehen von kurzen Zeiten – bei Bismarck, Adenauer oder Brandt - waren sie nie Weltpolitiker. Der Global Player Schröder erweist sich beim näheren Hinsehen als Global Playmo, als winziges Püppchen, das immer lächelt, egal was der Player ihm für Rollen gibt.


Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Eine schlechte. Noch nie haben die Herrscher in einer Demokratie die Medien so an den Zügeln gehabt wie seit dem 11. September. Die Journalisten halten brav still und geben nur das weiter, was die USA erlauben. Medien und Politik liefern sich derzeit gegenseitig die Stichworte. Sie schaukeln sich in die Hilflosigkeit hinein, als gäbe es keine Alternative zum Krieg. Ich glaube, dass die arabische Bevölkerung zurzeit besser informiert ist. Der Sender Al-Dschasira berichtet vorbehaltlos und strahlt auch Stellungnahmen von bin Laden aus. Die werden dann aber sofort von namhaften Muslimen, Forschern oder Ayatollahs kommentiert, die bin Laden einen Mörder nennen und ihm vor der breiten Öffentlichkeit absprechen, im Namen des Islam zu handeln. Das erfordert Mut.


Es gibt doch aber auch viele Hintergrundsendungen.

Ja, nur müssen wir uns hier Kommentare über die Araber, den Islam und die arabische Mentalität von Henry Kissinger, Ariel Sharon oder Benjamin Netanjahu anhören. Das ist, als würde man Fanatiker der Hamas bitten, über die israelische Kultur zu berichten. Das ist unfair, auch den Deutschen gegenüber, die nicht richtig informiert werden.


Wie soll man sich denn Ihrer Meinung nach informieren?

Analysen lesen, fremde und übertriebene Meinungen hören und dann Politikern und Medien Fragen stellen. Einen guten Artikel sollte man kopieren und weitergeben. Das ist mühsam. Aber nur so lässt sich ein Informationsnetz gegen den Mainstream aufbauen.


Sie sagen also, dass die öffentliche Meinung bei uns stromlinienförmig ist . . .

Ja, genau. Ich vermisse die Bereitschaft, gedanklich neue Wege zu gehen und über eine festgefahrene Meinung nachzudenken.


Haben Sie dafür eine Erklärung?

Neue Gedanken zu formulieren heißt: Unsicherheit in Kauf nehmen und Konflikte aushalten. Wer nämlich den Mainstream verlässt, muss damit rechnen, einsam und verlassen dazustehen. Entweder Sie werden als Utopist abgetan oder einfach nicht wahrgenommen. Weiterdenken ist aber auch eine Frage des Gewissens. Wir Intellektuelle müssen das Elend der Welt als Erste wahrnehmen. Und wenn wir uns der Ausbeutung der Dritten Welt bewusst sind, dann müssen wir nach Alternativen im Zusammenleben der Völker suchen. Das bedeutet auch einen materiellen Verzicht. Ich weiß, das ist ein schmerzhafter und langwieriger Prozess. Und genau deswegen ist hier die Elite gefragt.
Quelle: Stuttgarter Zeitung





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