Newsnational Dienstag, 25.09.2001 |  Drucken

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Freitagmittag in der Bilal-Moschee: Die gläubigen Muslime beten und hören anschließend eine Ansprache des nordrhein-westfälischen Landtagspräsidenten

«Die Politik wird alles dafür tun, dass durch Erschütterungen wie die vom 11. September das Zusammenleben der Kulturen bei uns in Nordrhein-Westfalen keine Risse bekommt"

Vollständiger Redetext:

Liebe muslimische Mitbürger!

Der 11. September hat unsere Welt verändert. Seit dem Tag, an dem eine verheerende Welle des Terrors die Vereinigten Staaten von Amerika überrollte, sind wir aufgewühlt und fassungslos, hilflos und wütend über das Ausmaß von Gewalt und Hass, zu dem Menschen fähig sein können.

Der Landtag Nordrhein-Westfalen, das ganze Land und seine 18 Millionen Menschen gedenken seit diesem Tag der vielen tausend Toten. Wir sind mit unseren Gedanken bei den Opfern, deren Familien, den Vereinigten Staaten von Amerika. Ihnen gilt unser aller Mitgefühl.

Was wir in seiner Dimension bisher für undenkbar gehalten haben, ist schreckliche Realität geworden. Den Terroristen ging es mit der Wucht ihrer Gewalttaten nur noch um Eines: um das blanke Entsetzen.

Bei diesen Attentaten sind Menschen aller Religionen ums Leben gekommen: Christen, Muslime, Juden, Buddhisten.

Die Terroristen haben dabei keinen Unterschied gemacht. Sie haben Menschen als Werkzeuge missbraucht, Symbole der Vereinigten Staaten zu zerstören.

Bundespräsident Johannes Rau hat Recht, als er vor über 200.000 Menschen am Brandenburger Tor gesagt hat: "Die Terroristen sind Mörder, nichts sonst. Sie stehen nicht für ein Volk, sie stehen nicht für eine Religion, sie stehen nicht für eine Kultur. Fanatismus zerstört jede Kultur. Fundamentalismus ist kein Zeugnis des Glaubens, sondern der ärgste Feinde des Glaubens, den es gibt."

Mit Bestürzung nehme ich deshalb wahr, dass es infolge der terroristischen Anschläge gegen die Vereinigten Staaten zu Tendenzen der Verurteilung gegenüber Muslimen kommt. Ehrverletzende Äußerungen oder gar tätliche Angriffe gegen Muslime, das Meiden ihrer Geschäfte, verurteile ich mit aller Deutlichkeit. Es wäre der Triumph der Terroristen, wenn die Gemeinschaft der friedliebenden Menschen nun gespalten würde. Das dürfen wir nicht zulassen.

Die Terroristen können sich mit ihren Gräueltaten nicht auf den Islam berufen, denn die Ziele des Islam sind in ihren Grundfesten nicht interpretierbar. Der Islam lässt Gewalt ebenso wenig zu wie die anderen großen Weltreligionen.

Was mich hierbei besonders berührt: Wer Kinder dazu missbraucht, zu "lebenden Bomben" heranzuwachsen, der kann sich auf keine anerkannte Religion dieser Welt berufen. Das ist durch nichts, durch gar nichts zu rechtfertigen.

Die islamische Gesellschaft ist, so sagt sie über sich selbst, die jedem Nichtmuslim größte Tolerenz entgegenbringende Gemeinschaft der Gottgläubigen, denn das Wort Islam hat sowohl die Bedeutung Unterwerfung unter den Willen Gottes als auch die Bedeutung Frieden.

In dieser Situation kommt der Politik die entscheidende Rolle zu. Sie muss den Rahmen für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen setzen. Deutschland als sozialer Rechtsstaat setzt diesen Rahmen durch das Gewaltmonopol und die Gewaltenteilung. Darin haben die Religionen ihren angestammten, grundrechtlich geschützten Platz. Die Werte der Menschenwürde, der freiheitlichen Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und sozialen Gerechtigkeit sowie der Toleranz sind unsere unveräußerlichen Werte. Sie sind die Voraussetzung für das friedliche Miteinander der Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen.

Wir in Nordrhein-Westfalen leben mit zwei Millionen Menschen ausländischer Herkunft und unterschiedlichen Glaubens friedlich zusammen. Viele von ihnen sind bereits in der zweiten und dritten Generation hier beheimatet und gestalten mit uns gemeinsam die Zukunft unseres Landes. Die Politik wird alles dafür tun, dass durch Erschütterungen, wie die vom 11. September, das Zusammenleben der Kulturen bei uns keine Risse erfährt.

Der Landtag Nordrhein-Westfalen hat noch im Juni dieses Jahres mit den Stimmen aller Parteien eine Integrationsoffensive gestartet.

Nordrhein-Westfalen hat in seiner Geschichte erhebliche Integrationsleistungen sowohl von Seiten der Zugewanderten als auch von Seiten der hiesigen Gesellschaft vollbracht.


Ich zitiere aus dem einstimmigen Beschluss des Landtags: "Die Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern bereichert unsere Vielfalt. Ziel muss eine Kultur der Anerkennung und des gleichberechtigten Miteinanders sein. Kulturelle Unterschiede müssen ernstgenommen werden. Ziel einer ernst-gemeinten Integrationspolitik muss es sein, dass sich sowohl die Zugewanderten als auch die aufnehmende Gesellschaft auf gleicher Augenhöhe gegenüberstehen."

Woran es in dieser Zeit jedoch noch mangelt, ist das gegenseitige Verstehen der Religionen. Die Zukunft muss verstärkt mit religionsübergreifenden Elementen geprägt sein, wie der Gottesdienst am vergangenen Freitag in der Düsseldorfer Johanneskirche, an dem auch der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, teilnahm.

Papst Johannes Paul II. hat im Mai dieses Jahres den Christen ein deutliches Zeichen für das Miteinander der Religionen gegeben, als er in der Omaijaden-Moschee von Damaskus gebetet hat. Spätestens seit dieser beeindruckenden Geste gibt es für uns Christen kein Argument mehr, Moslems einen Ort für die Gelegenheit zum Gebet zu verwehren.

Wir alle müssen erkennen: Die Vielfalt der Menschen, die sich auch in ihren Religionen ausrückt, ist ein Geschenk und keine Bedrohung. Wenn die Religionen dieser Welt in Achtung zusammenstehen, dann wird der Terror keine Macht über uns gewinnen.

Mein Dank gilt Ihnen, dass ich an diesem Ort zu Ihnen sprechen durfte.
Salem Aleikum!




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