Newsinternational Dienstag, 27.09.2005 |  Drucken

„Paradise Now“ – Die Unerträglichkeit des Lebens in den besetzten Gebieten. Film über zwei Selbstmordattentäter

Bundesweiter Kinostart diesen Donnerstag – islam.de in Berlin dabei

Der in den Niederlanden lebende palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad ("Rana's Wedding") schildert in „Paradise Now“ den letzten Tag zweier Selbstmordattentäter Khaled und Said, die sich auf dem Weg zum Ort des Anschlags aus den Augen verlieren. Während der Film Mord an keiner Stelle gutheißt, fordert er dazu auf, sich mit den Menschen und ihren Beweggründen auseinander zu setzen. In wenigen, präzise gewählten Szenen, porträtiert Abu-Assad ein „normales“ Leben in der leidgeprüften Stadt Nablus (der Film wurde größtenteils an Originalschauplätzen gedreht), ein Leben ohne Träume und ohne Perspektiven.
Khaled und Said sind ganz normale Männer, reden über Frauen, erledigen im Job nur das Nötigste und fahren mit den Autos in der Gegend herum, kommen aber nicht weit. Denn sie leben auf der Westbank, wo Wege schnell in den Straßensperren des israelischen Militärs enden.

Der Film behandelt Äußerlichkeiten, die trotzdem oftmals die Tragik und Groteske der Situation einfangen. Beim Versuch z.B., das übliche Bekenner-Video aufzunehmen, streikt die Kamera - dem genervten Khaled fällt schließlich nichts Bedeutenderes ein, als die Mutter an den Kauf eines Wasserfilters zu erinnern. Grotesk an dieser Szene ist, dass alles grauenhaft normal wirkt. Während der Vorbereitungen auf die Aktion kommt es zu Pannen und man weiß nicht, ob man lachen darf, oder weinen muss. "Paradise Now" ist realitätsnah, distanziert und erschüttert zugleich.

Abu-Assad verzichtet fast völlig auf psychologische Interpretationen - kein Pathos, keine Träne wird gezeigt – wie auch auf die Unterstützung von Musik. Er bleibt an der sichtbaren Oberfläche und überläßt es den Zuschauern, Anteil zu nehmen oder nicht. Zur Identifikation oder gar Sympathie mit den Attentätern ruft der Film an keiner Stelle auf, aber er ergreift einen, über sie nachzudenken.

Besonders wertvoll ist der Film auch für den muslimischen Zuschauer, der sich nicht zuletzt dem Widerstandskampf der Palästinenser zugeneigt fühlt.
Immer wieder sagt einer der Attentäter: „Ich will es, wenn Gott es will“. Der Zweifel darüber, ob das tatsächlich Gott so will, ist ein unüberhörbares Motiv des Filmes. Bei allem Elend in den besetzten Gebieten, bei der Höhe und Länge der neuen Mauer, bei den Generationen von Palästinensern, die unwürdig in Lager eingepfercht leben, bei den fast täglichen Bombardierung einer ungleich stärkeren und bis auf die Zähne bewaffneten Militärmacht… ist dadurch das „In-die-Luft-sprengen“ in einem von Wohnbevölkerung durchmischten Gebiet in Tel Aviv und anderswo, gerechtfertigt?
Man fragt sich ferner, ob die Attentäter nicht gewusst haben, dass der Islam den Schutz von Synagogen, Kirchen und Moschee gebietet (Koran: Sure 22/Vers38 ff)?
Haben sie von dem bekannten Prophetenspruch, “.. der Gläubige ist derjenige, vor dem die Menschen in Sicherheit sind“, gehört? Ist ihnen in ihrer Ausbildung entgangen, dass der Koran den Selbstmord ohne Einschränkungen verbietet (Koran Sure 4 Vers 29)?

Wie verworren ist zudem die Tatsache, dass von nahezu allen islamischen Theologen die Tat der Selbstmordattentäter von New York z.B. als haram (d.h. verboten) und mörderisch erklärt wird, diejenige in Palästina aber von nicht wenigen, als Widerstandskampf? Das sind keine leichten Fragen in keiner leichten Zeit. Aber können wir uns vor diesen Fragen verschließen? Gibt es so etwas wie eine Flucht ins „Paradies“ aus der "Hölle" Nablus? Eine Frage, die Theologen möglicherweise erschreckt, aber den Kern des Problems zeigt: Die Unerträglichkeit des Lebens in den besetzten Gebieten gebiert den Todeswunsch oder macht ihn sogar - religiös untermauert – fassbar. Und dies ist in erster Linie alles andere als ein theologisches Erklärungsmuster, dies ist höchst und im wahrsten Sinne des Wortes abgrundtief menschlich.

Der Film bietet eine Möglichkeit, diese Widersprüche, wenngleich eingeschränkt, begreifbar zu machen. Das Motiv „lieber den eigenen Tod, als ein Leben ohne Ehre“, ist möglicherweise nachvollziehbar, wird als Finale ein unheilvolles Monster, das sogar den Widerstandskampf ad absurdum führen kann. Der Versuch, immer wieder auch Kollaborateure in den besetzten Gebieten und Lagern seitens der Israelis ausfindig zu machen - ein Thema was auch den Film streift, da der Vater von Said ein solcher war - zeigt nicht zuletzt darin, dass an dieser Pervertierung beide Seiten beteiligt sind.

Wenn es auch noch so gute Rechtfertigungen für den Widerstandskampf gibt, ist er nicht davor gefeit - auch nicht wenn das Wort islamisch davor gesetzt wird - in Unmöglichkeiten, Perversitäten und Hoffnungslosigkeit abzugleiten.
Ein Palästinenser würde dem möglicherweise entgegnen und sagen: „Ja. ihr habt hier gut reden, ihr habt ein Dach über den Kopf, Arbeit und ein behagliches Wohnzimmer; wir leben hingegen wie Tiere in Käfigen gehalten.“

Kurzum: Der Film erinnert auf unerträgliche Art und Weise, dass der Frieden im Nahen Osten noch weit ist und alle Menschen auf dieser Welt - auch in Palästina - in der Bewältigung ihrer Leiden, ihren Sehnsüchten und ihrem Glück ähnlich sind. Gerade deshalb und weil der Konflikt im Nahen Osten bisher nicht gerecht gelöst ist, wird er solange weiter Opfer gebären und es weiter „Atten-Täter“ geben.

Der Film ist ausgezeichnet u.a. mit dem Friedenspreis von Amnesty International auf den 55. Internationalen Filmfestspielen Berlin und dem Publikumspreis von Berlin.
Die Bundeszentrale für politische Bildung, Arte France und die Filmstiftung NRW unterstützten u.a. die Produktion des Filmes.

islam.de wird sich zusammen mit Amnesty International und dem Filmverleih „constantin“ / Entertainment Kombinat nach der Aufführung in Berlin, die am 29.09.05 um 17.30 Uhr stattfindet, im Anschluss um 20.00 Uhr an der Podiumsdiskussion im CxX Potsdamer Platz beteiligen. (Aiman Mazyek)




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