Newsnational Donnerstag, 27.06.2013 |  Drucken

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Für KRM und EKD ist der Dialog kein Lippenbekenntnis mehr

Konkrete und nachhaltige Vorgehensweise zeigt auch Unterschiede auf, etwa beim Familienbild – EKD kritisiert gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als „nicht christlich“- Weitere Themen waren der Konklikt in Syrien, die zunehmende Religionsskepzis in der Gesellschaft

Berlin  – Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Koordinationsrat der Muslime (KRM) in Deutschland möchten den Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften intensivieren und ihre Kooperation stärker vorantreiben. Diese Absicht äußerten der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, und der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM), Aiman Mazyek. “Eine Wagenburgmentalität, bei der jeder nur auf die eigene Abgrenzung und den eigenen Vorteil bedacht sei, hilft nicht weiter. Vielmehr gilt es, sich für gemeinsame Interessen auch gemeinsam zu engagieren”, sagten Schneider und Mazyek zum Abschluss des diesjährigen Treffens zwischen Spitzenvertretern der EKD und des KRM in Berlin. In diesem Zusammenhang lobten beide die vielen Dialoggruppen, -initiativen und -projekte, die sich an vielen Orten in Deutschland engagieren, um das Miteinander zwischen Menschen christlichen und muslimischen Glaubens “konstruktiv und zum Wohle aller” zu gestalten.

Extremistischen Tendenzen, die es in der Gesellschaft wie auch in den Religionen gäbe, erteilten beide eine Absage. “Die Ausgrenzung und Herabsetzung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe entspricht nach unserem Verständnis dem christlichen und dem islamischen Menschenbild nicht”, sagte Nikolaus Schneider. Aiman Mazyek ergänzte: “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie sie sich etwa im Antisemitismus, der Fremdenfeindlichkeit oder der Islamfeindschaft zeige, darf keine Unterstützung erfahren.” Beide Seiten zeigten sich überzeugt, dass hier ein breiter gesellschaftlicher Konsens vorhanden sein müsse, der nicht durch populistische, wahlkampftaktische oder religiöse Eigenprofilierung gefährdet werden dürfe. Außerdem wurde bei dem heutigen Treffen in Berlin vereinbart, sich in aktuellen Entwicklungen und Themen, die das Miteinander von evangelischen Christen und Muslimen in Deutschland betreffen, zukünftig enger abzustimmen. Das könnten etwa Fragen zur Zurückdrängung von Religion aus dem öffentlichen Leben sein, aber auch gesellschaftliche Debatten, wie im vergangenen Jahr zur Frage der Beschneidung von Jungen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (s.u.) waren sich nach dem etwa vierstündigen Gespräch einig, dass die Religionsgemeinschaften im Umgang mit der vorhandenen gesellschaftlichen Pluralität eine wichtige Aufgabe haben. Diese Pluralität komme auch in der religiösen Vielfalt in Deutschland zum Ausdruck. Sie könne zukünftig noch stärker zum Anlass für respektvolle Begegnung und konstruktive Kooperation genommen werden. Der interreligiöse Dialog zwischen evangelischer Kirche und Moscheegemeinden leiste dabei schon jetzt wertvolle Dienste.

Bei dem Gespräch wurde vereinbart, bis 2014 einen Dialog-Ratgeber für Muslime und Christen zu erstellen. Gemeinden sollen damit Impulse für das tägliche Miteinander bekommen. Beide Seiten machten deutlich, dass sie den Dialog miteinander weiterhin intensivieren wollen, das Verstehen des Anderen und Gewinnen von Vertrauen aber Zeit brauche. Das letzte Gespräch zwischen EKD und Islamverbänden hatte vor einem Jahr in Duisburg stattgefunden, davor herrschte lange Zeit zumindest öffentlich Funkstille.

Offen auch Unterschiede benennen und Ziele formulieren

Ziel der Treffen ist auch, künftig gemeinsam zu gesellschaftlichen Themen Stellung zu beziehen, betonten Schneider und Mazyek. Am Dienstag wurden aber auch Unterschiede deutlich. So sagte Mazyek, der auch Vorsitzender des Zentralrats der Muslime ist, die Orientierungshilfe der EKD zum Thema Familie könnten Muslime nicht mittragen. Darin fordern die Protestanten die Unterstützung für sämtliche Formen des familiären Zusammenlebens. «Unser Familienbild ist geprägt von der Ehe zwischen Mann und Frau. Andere Formen des Zusammenlebens können wir nicht anerkennen», sagte Mazyek. Schneider sagte, der Dissens bei diesem Thema sei deutlich geworden. Die Grenze verlaufe bei der Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Weitere Themen waren der Konklikt in Syrien, die zunehmende Religionsskepsis in der Gesellschaft

Teilnehmer der Dialog-Konferenz

Für den Koordinationsrat der Muslime nahmen teil: 1. Dunya Adigüzel, Islamrat 2. Dr. Bekir Alboga, Stellvertretender Generalsekretär im Vorstand der DITIB 3. Mahmut Askar, Generalsekretär der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e.V (ATIB); stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD) 4. Ahmad Aweimer, Dialog- und Kirchenbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland e.V. (ZMD) 5. Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland 6. Ali Kizelkaya, Vorsitzender des Islamrates für die Bundesrepublik Deutschland 7. Aiman Mazyek, Sprecher des Koordinationsrates der Muslime (KRM) und Vorsitzender des ZMD 8. Seyfi Ögütlü, Generalsekretär im Vorstand des Verbandes der Islamischen Kulturzentren e.V. (VIKZ) 9. Rafet Öztürk, DITIB-Dialogbeauftragter 10. Erol Pürlü, Dialogbeauftragter des VIKZ

Für die Evangelische Kirche in Deutschland nahmen teil: 1.Dr. Friedmann Eißler, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)2.  Oberkirchenrat Dr. h.c. Volker Faigle, Dienststelle des Bevollmächtigten des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschlandund der Europäischen Union 3.Pfarrerin Susanna Faust-  Kallenberg, Beauftragte für interreligiöse Fragen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau 4.Oberkirchenrat Dr. Detlef Görrig, Referat Interreligiöser Dialog der EKD 5.Oberkirchenrat Reinhard Mawick, Pressesprecher der EKD 6. Kirchenrat Pfarrer Rafael Nikodemus, Evangelische Kirche im Rheinland 7.Bischof Martin Schindehütte, Leiter der Hauptabteilung Ökumene und Auslandsarbeit der EKD 8.Dr. h.c. mult. Nikolaus Schneider, Vorsitzender des Rates der EKD



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