Artikel Mittwoch, 10.04.2013 |  Drucken

Deutsche Schulbücher als Transmitter von Islamfeindschaft?

Stereotypen der Massenmedien spiegeln sich im Islambild von Lehrmaterial wieder – Drei neue Beispiele aus diesem Jahr - Von Mohammed Khallouk

Spätestens mit dem Auffliegen der rechtsextremen Terrorgruppe NSU und der Erkenntnis, dass Muslime unter ihren Terroropfern dominieren, lässt es sich nicht mehr leugnen: Islamfeindschaft ist nicht nur in anderen westlichen Staaten wie den USA oder Norwegen existent, sondern erweist sich auch in der Bundesrepublik Deutschland als verbreitetes, in der Öffentlichkeit lange Zeit ausgeblendetes Phänomen. Dabei hat die deutsche Öffentlichkeit nicht nur in der fehlenden Thematisierung dieser alarmierenden Tendenz, sondern auch mit der eigenen Verbreitung von auf den Islam oder Muslime bezogenen Ressentiments einen entscheidenden Anteil an jener bedauernswerten Entwicklung, die es nur mittels Aufklärung und differenzierterer Darstellung umzukehren gelingen wird.

Die Verantwortung richtet sich hierbei nicht nur an politische Redner und die Berichterstattung von Massenmedien, sondern in noch stärkerem Maße an das Bildungswesen und somit auch an die Produzenten von Medien mit unmittelbarem pädagogischem Zweck wie Schulbücher. Vielfach wird auch dort ein von Klischees und Stereotypen gekennzeichnetes Islambild verbreitet, das anschließend durch ebenfalls kaum reflexionsbereite Pädagogen unkommentiert weitervermittelt wird.

Berechtigt die mittlerweile bis zum Staatoberhaupt gelangte Erkenntnis, der Islam stellt einen wesentlichen Teil dieses Deutschlands dar, die Grundlagen des Islam und auch seine Praktizierung im Alltag zum Unterrichtsgegenstand allgemeinbildender Schulen zu erheben, erscheint es wenig integrationsförderlich und dem gegenseitigen Respekt unterschiedlicher Religionen kaum dienlich, den Islam dort zu thematisieren, wo über eine „nichtdeutsche“ versus „nichtwestliche“ Gesellschaft berichtet wird. Auf diese Weise wird die Assoziation von Muslimsein mit fremder Kultur oder zumindest mit Immigrationshintergrund im Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen festgesetzt. Kinder, die in einer muslimischen Familie in Deutschland aufwachsen, mutmaßlich sogar Deutsch als ihre Muttersprache besitzen, bekommen damit indirekt vermittelt, ihr Deutschtum sei und bleibe aufgrund des Islam unvollständig.

Muslimische Immigranten als Alibi für kritikwürdige Gesellschaftsphänomene

Noch erniedrigender müssen es muslimische Schüler empfinden, wenn ihre Religion mit kritikwürdigen Phänomenen wie Ehrenmorden oder Zwangsheiraten in Zusammenhang gebracht wird, die in einigen majoritär muslimischen Gesellschaften in der Tat überdurchschnittlich verbreitet sind und teilweise dort auch islamisch legitimiert werden, jedoch weder dem Islam als Religion entstammen, noch das eigene Lebensumfeld der Muslime in Deutschland widerspiegeln. Die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft bekommt dadurch nicht nur suggeriert, der Islam sei eine im Kern archaische, frauenfeindliche und repressive Religion, sondern darüber hinaus bestehe durch die Existenz der Muslime in Deutschland ein gesellschaftliches Bedrohungspotential.

Wenn der Englischunterricht einer zwölften Gymnasialklasse der Friedrich-Harkort-Schule im nordrhein-westfälischen Herdecke die Immigrantenproblematik in Großbritannien anhand eines Filmes unter dem Titel „East is East“ thematisiert, vermittelt man der künftigen Elite unseres Landes allein durch die Überschrift – ohne Kenntnis des Inhalts – die Botschaft, Einwanderer aus einem „östlichen“ versus „islamischen“ Kulturkreis seien prinzipiell nicht in der Lage, sich mit dem europäischen Wertefundament zu arrangieren. Diese ausgrenzenden verallgemeinernden Parolen, die in der Boulevardpresse zum Standartrepertoire gehören, aber auch dort berechtigterweise auf Kritik treffen, sollten in einem diskussionswürdigen Lehrmaterial für die gymnasiale Oberstufe erst recht keinen Raum finden.

Wie lässt sich erwarten, dass künftige gesellschaftliche Verantwortungsträger in diesem Land dem Islam als Religion und Muslimen als Individuen mit der gleichen Unvoreingenommenheit begegnen wie Nichtmuslimen, wenn ihnen von der Grundschule bis zum Abitur das Bild gezeichnet wurde, der Muslime setze seine Religion nicht nur als Medium ein, sich von der „westlichen Kultur“ abzugrenzen, sondern sogar, wie der pakistanischstämmige Familienvater in dem zu jenem Film behandelten Englischtext, um seine der britischen Mehrheitsgesellschaft entstammende Ehefrau ebenso wie seine Kinder zu drangsalieren und misshandeln? Entzieht sich die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft hiermit nicht vielmehr einer pädagogisch gebotenen Auseinandersetzung mit einem bei ihr ebenfalls existenten Missstand?

Die Islamische Welt als Initiator von „Gewalt gegen den Westen“?

Indem bis in die Abiturklausur hinein – im Gymnasium Alsdorf nicht nur in Sozialkunde, sondern sogar in Englisch – die Anschläge vom 11. September 2001, die ohne Zweifel ein einschneidendes historisches Ereignis markieren – zum zentralen Unterrichtsgegenstand erhoben werden und im wenig reflexiv gestalteten Multiple Choice Schema ohne argumentative Diskussion abgearbeitet werden, nistet sich bei der künftigen Elite das Bewusstsein ein, Muslime stellten potentielle Feinde der westlichen Zivilisation dar.

Die Beschränkung auf die Auswahl zwischen verschiedenen islamischen Staaten, muslimischen Persönlichkeiten oder Organisationen, die mit Muslimen oder dem Islam assoziiert werden, signalisiert zwar einerseits, dass der Islam als Religion und darüber hinaus die Islamische Welt insgesamt kein Synonym für politisch motivierte Gewalt darstellt und sich auch nicht als Zivilisation mit dem Westen in Konflikt befindet. Andererseits festigt man bei der Bildungselite das Bewusstsein, als „Terrorismus“ deklarierte, politisch motivierte und religiös gerechtfertigte Gewalt gegen mit dem Westen assoziierte Ziele gehe prinzipiell von der Islamischen Welt beziehungsweise von Muslimen aus. Diese unzutreffende Pauschalisierung befördert geradezu ein verzerrtes Islambild. Ausgerechnet jenes Bewusstsein Al Qaidas eines „westlich-islamischen Wertekonfliktes“ spiegelt sich anschließend in der Wahrnehmung der Schüler wieder.

Mag man von Abiturienten durchaus erwarten können, dass sie zu differenzieren in der Lage sind und zudem ausreichend in der Zeitgeschichte bewandert, um derartige Verallgemeinerungen als nicht der Realität entsprechend zu erkennen. Wenn jedoch bereits in der Grundschule der Islam undifferenziert im Kontext von gesellschaftspolitischen Problemen und Konflikten thematisiert wird, muss sich bei der heranwachsenden Generation das Ressentiment herausbilden, eine Bewältigung jener Konflikte sei nur durch Distanzierung vom Islam möglich.

Erscheint es pädagogisch durchaus berechtigt, darauf hinzuweisen, dass die Realität des gegenwärtigen Orients in keiner Weise die fantastische Welt aus 1001 Nacht widerspiegelt. Bestimmte kritikwürdige Phänomene wie Armut und Kinderarbeit sind dort in der Tat überdurchschnittlich verbreitet, gehören allerdings in einigen nichtislamisch geprägten Erdregionen wie Lateinamerika oder dem subsaharischen Afrika ebenfalls zur tragischen Tagesordnung.

Indem jedoch angesichts der Existenz von unzeitgemäßen Praktizierungsformen und gesellschaftspolitischer Instrumentalisierung der Islam als Religion als „zusätzlicher Streit – Faktor“ deklariert wird, kann daraus nur die Botschaft herausgezogen werden, ohne den Islam wären die zuvor genannten Konflikte weniger dramatisch.

Muslimische Schüler in Deutschland oder Mitglieder einer rückständigen Fremdzivilisation?

Wenn in der Heilbronner Dammschule in einer Klasse mit 60% muslimischen Schülern das Lesen mit einem Satz wie „Der Islam ist sehr streng und erwartet die Einhaltung vieler Regeln, die zum Leben von heute nicht mehr passen.“ geübt wird, kann die pädagogische Intention nur lauten, diesen Schülern nahe zu legen: die Religion und die Regeln, welche ihre Eltern praktizieren und ihnen weiterzugeben suchen, schadeten der eigenen Entwicklung.

Mag der Autor des entsprechenden Textes sich damit rechtfertigen, jene herabqualifizierenden Zuschreibungen bezögen sich nicht auf den Islam als Religion, sondern auf seine majoritäre Praktizierung in einer „insgesamt rückständigen Islamischen Welt“. Von muslimischen wie nichtmuslimischen Schülern der dritten Klasse muss dies dennoch derart verstanden werden, dass jene „Rückständigkeit“ eine wesentliche Ursache im Islam besitze.

Während die muslimischen Kinder durch derartige Negativassoziationen indirekt dazu aufgefordert werden, gegen ihr eigenes Elternhaus und speziell gegen dessen Religiosität aufzubegehren, wird ihren nichtmuslimischen Klassenkameraden signalisiert, die Muslime hätten eine konfliktfördernde, fortschrittsfeindliche Religion und seien deshalb nicht in der Lage, die Zukunft Deutschlands zum Nutzen der Gemeinheit mitzugestalten. Eine progressive Gesellschaft sei nur über die Distanzierung vom Islam zu erreichen.

Erfolgreiche Integrationspolitik fängt im Schulalltag an

Seit der ersten Einberufung der Deutschen Islamkonferenz, spätestens aber seit der präsidialen Feststellung zum zwanzigsten Jahrestag der Deutschen Einheit, der Islam gehöre zu Deutschland, besteht die öffentlich bekundete politische Absicht, den Muslimen mit ihrer Religion Freiräume und Partizipationsmöglichkeiten zu bieten. Mit einer derartigen Ressentiments fördernden Pädagogik in staatlichen Bildungseinrichtungen wird dieses allgemeinpolitische Anliegen jedoch konterkariert.

Eine Politik, die daran interessiert ist, die Identifikation der Muslime mit Deutschland zu festigen, darf die deutsche Identität nicht als Gegensatz zur islamischen Identität darstellen. Die Verantwortlichen in den Bildungsministerien von Bund und Ländern sind aufgefordert, Lehrpläne und Schulbuchverlage zu evaluieren, in wie weit sie ein Islambild verbreiten, dass dieses Ziel unterstützt und gegebenenfalls das hierfür ungeeignete Lehrmaterial herauszunehmen.

Weiterhin erfordert es, besonders beim Unterrichten von Klassen mit muslimischen Schülern, dass sich die unterrichtenden Lehrkräfte zum einen mit dem Islam und zum anderen kritisch mit den ihnen zur Verfügung stehenden Lehrmedien auseinandersetzen und situationsangemessen auf das darin verbreitete Islambild reagieren. In einer Grundschulklasse würde dies mutmaßlich den Schluss nahelegen, Beiträge oder Buchkapitel mit pauschalisierenden Islamzuschreibungen überhaupt nicht zu präsentieren, in einer gymnasialen Oberstufe hingegen kann eine kritische Debatte über die entsprechenden Texte und ihre Intentionen möglicherweise mehr bewirken und die Schüler für das existierende Phänomen der Islamophobie, die in jenen Texten zum Ausdruck gelangt, sensibilisieren.

Die Integration des Islam in den deutschen Schulalltag darf sich jedenfalls nicht auf einen ausschließlich an Muslime gerichteten Religionsunterricht sowie die Thematisierung historischer und gegenwärtiger Konflikte mit und innerhalb muslimischer Kollektive beschränken. Im Vordergrund sollte das Leben der Muslime in Deutschland und ihre majoritäre Praktizierung des Islam stehen. Muslimische Schüler fühlen sich dadurch ebenso als pars pro toto dieses Deutschlands akzeptiert wie dem Entstehen von Missverständnissen aus Unkenntnis bei Nichtmuslimen bereits im Schulalter durch die Ausräumung jener Unkenntnis vorgebeugt wird.




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