Artikel Samstag, 07.07.2012 |  Drucken

Zum Aufsatz „Jenseits von Eden“ von Muhammad Sameer Murtaza vom 22.03.2012

Sehr geehrter Herr Muhammad Sameer Murtaza,

dieses ist eine späte und aus meiner Sicht dennoch notwendige Reaktion auf Ihren o.g. Aufsatz. Doch ich will mich mit diesem Schreiben nicht im eigenen Namen an Sie wenden, sondern im Namen der nachfolgend genannten Personen:

Mohammad Dawud Abdullah, Khudadad Mohammad Jama, Nazar Mohammad Taj Mohammad, Payendah, Robina, Shah Tarin Sultan Mohammad, Zohra Abdul Hameed, Nazia Dost Mohammad, Masooma Mohammad Wazir, Farida Mohammad Wazir, Palwasha Mohammad Wazir, Nabila Mohammad Wazir, Asmatullah Mohammad Wazir, Faizullah Mohammad Wazir, Isa Mohammad Mohammad Husain, Akhtar Mohammad Murad Ali.

Sagen Ihnen die Namen etwas? Wohl kaum. Wissen Sie warum ich mich im Namen dieser Menschen an Sie wende? Wahrscheinlich nicht.

Dies sind Menschen gewesen, die Menschen hatten, die sie liebten, die selbst Familien hatten, Teil von Familien waren, die an ihrem kleinen Traum vom Glück im Leben festhielten, bis zu einer Mordnacht in diesem Jahr; diese Menschen leben nämlich nicht mehr. Sie sind laut der offiziellen Version der US-amerikanischen Militärbehörden von einem amerikanischen Soldaten, der es hier nicht verdient namentlich erwähnt zu werden, am 11. März dieses Jahres in Panjwai, einem Bezirk in der Provinz Kandahar, am Fluss Arghandab im Süden Afghanistans gelegen, kaltblütig ermordet worden. Der Soldat im Dienste der US-Regierung kann für seine Taten in Afghanistan nicht mehr gerichtlich belangt werden; seine Vorgesetzten haben ihn kurz nach der Mordtat außer Landes gebracht, damit die Gerichtsbarkeit des Landes, dessen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneter Präsident den Krieg in Afghanistan für eine Notwendigkeit hält, in Stille über ihn richten und Recht sprechen kann, so dass die Hinterbliebenen in Afghanistan keine Gerechtigkeit erfahren können, sondern nur der Täter. Die Verantwortlichen in der Regierung der USA wollen den Hinterbliebenen und der afghanischen Öffentlichkeit darüber hinaus weismachen, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt habe. Wie dies jedoch mit der Tatsache in Einklang zu bringen ist, dass der angebliche Einzeltäter in der Lage war die namentlich genannten Frauen vor ihrer Ermordung nacheinander zu vergewaltigen und danach ihre Leichname mit Benzin zu übergießen und anzuzünden, ohne dabei auf Gegenwehr durch die Männer der Dorfgemeinschaft zu stoßen, kann niemand erklären.

Der afghanische Präsident empfing die männlichen Angehörigen der Getöteten in Anwesenheit hochrangiger Vertreter der afghanischen Sicherheitskräfte kurz nach der Mordnacht im Präsidentenpalast von Kabul. Die erschütternden Augenzeugenberichte, die das afghanische Fernsehen von dieser Begegnung in einer Live-Übertragung ungeschnitten ausstrahlte, bestätigen den Eindruck, dass die amerikanische Regierung seit Bekanntwerden des Massakers darum bemüht ist, die wahren Geschehnisse von Panjwai zu vertuschen. Noch nie hat man den afghanischen Präsidenten angesichts der offenen Worte der Hinterbliebenen so sprachlos und erschüttert gesehen.

Jetzt werden Sie sich sicherlich fragen, warum ich Ihnen dies alles schreibe.

Elf Tage nach dem Massaker von Panjwai haben Sie einen Aufsatz mit dem Titel „Jenseits von Eden“ veröffentlicht. Ihre kuriosen Thesen, die Sie in Ihrem Artikel u.a. zum so genannten „Wahabismus“ und zum „islamischen Antisemitismus“ präsentieren, will ich an dieser Stelle nicht kommentieren. Auch auf Ihren offensichtlichen Versuch Muslimen eine Kollektivschuld für die Morde von Toulouse anzulasten, werde ich nicht näher eingehen. Mit dieser Replik geht es mir um etwas anderes.

In Ihrem Aufsatz erwähnen Sie Abel Chennouf, Mohammed Legouade, Imad Ibn Ziaten, Gabriel, Arieh, Myriam und Jonathan.

Auch diese Menschen sind Opfer eines Mörders geworden, der es ebenfalls nicht verdient hat, dass ich seinen Namen hier erwähne. Denn Mörder sind Mörder, ob Jude, Christ oder Muslim, ob Franzose oder Amerikaner. Es sind die Opfer die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen. Sie schreiben, dass der Mörder von Toulouse seine Taten zu rechtfertigen versucht, indem er auf Geschehnisse in Palästina und Afghanistan verweist. Dieser Rechtfertigungsversuch ist erbärmlich und unhaltbar. Der Mörder von Panjwai wird seine Morde an unschuldigen Frauen, Kinder und Männern vielleicht mit der Verletzung oder dem Tod eines Kameraden in Afghanistan versuchen zu legitimieren; doch auch ein derartiger Rechtfertigungsversuch kann nur als erbärmlich und unhaltbar bezeichnet werden.

In Ihrem Aufsatz stellen Sie die Frage „Was ist nach Toulouse zu tun?“ Doch ich möchte Sie gerne einmal fragen, warum Sie nach dem 11. März 2012 nicht gefragt haben „Was ist nach Panjwai zu tun?“.

Aus Ihrem Aufsatz spricht ein - mit Verlaub - pathologischer Eurozentrismus, den ich nicht akzeptieren kann und nicht akzeptieren will. Dieser Eurozentrismus ist von einer geradezu wehleidigen Qualität, weil er den europäischen Opfern Namen, Alter und Lebensgeschichten gibt wie auch Mitgefühl einfordert, während nicht-europäische Opfer im besten Fall einen statistischen Wert darstellen.

In Afghanistan liegt laut einer im Mai dieses Jahres veröffentlichten Studie der Organisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“ die gesamte Anzahl der durch direkte Gewalteinwirkung Getöteten bei 100.479 (Stand Ende 2011), wobei von den Verfassern der Studie aufgrund der im Vergleich zum Irak geringeren Datenmenge eine höhere Dunkelziffer als möglich erachtet werden kann. Die Anzahl der durch den Krieg indirekt zu Tode gekommenen Afghanen wird allein vom Oktober 2001 bis zum Mai 2002 auf 20.000 bis 49.600 geschätzt. Nach Daten von anderen bewaffneten Konflikten ist die Zahl der indirekt Getöteten viel höher als die der direkt Getöteten. In Statistiken sucht man die Namen der Opfer jedoch vergebens. Nicht-europäische Opfer bleiben statistische Größen, namenlos, geschichtslos, vielleicht wertlos! Die Geschichte Afghanistans ist seit dem Oktober 2001 voller Panjwais.

Sie stellen in Ihrem Aufsatz fest, dass die grundlegendste Herausforderung darin zu sehen ist, „die innere Dimension des Islam neu zu beleben“ und fordern dazu auf die Getöteten und ihre Familien in Gebete einzuschließen, und ihrer in Freitagspredigten zu gedenken.

Ja
, Muslime müssen sich mit den Fehlern und Verirrungen einzelner Mitglieder ihrer Gemeinschaften auseinandersetzen, aber diese Fehler und Verirrungen zu muslimisieren oder sogar zu islamisieren, wie Sie es tun, wird das Islam-Verständnis nicht neu beleben, sondern das Gegenteil bewirken.

Ja
, es ist richtig Abel Chennouf, Mohammed Legouade Imad Ibn Ziaten, Gabriel, Arieh, Myriam und Jonathan zu gedenken, doch es ist menschenverachtend, wenn dabei nicht mit jedem Atemzug auch an Mohammad Dawud Abdullah, Khudadad Mohammad Jama, Nazar Mohammad Taj Mohammad, Payendah, Robina, Shah Tarin Sultan Mohammad, Zohra Abdul Hameed, Nazia Dost Mohammad, Masooma Mohammad Wazir, Farida Mohammad Wazir, Palwasha Mohammad Wazir, Nabila Mohammad Wazir, Asmatullah Mohammad Wazir, Faizullah Mohammad Wazir, Isa Mohammad Husain, Akhtar Mohammad Murad Ali erinnert und gedacht wird, und an die Tausenden, deren Gräber nicht wahrgenommen werden, deren Namen an keiner Wand verewigt werden, deren Namen in Europa niemand nennen und hören will - Sie eingeschlossen.

Ja
, wir Menschen gehören dem Schöpfer allen Seins und zu Ihm kehren wir zurück, ob Jude, Christ und Muslim, ob aus Toulouse in Frankreich oder aus Panjwai in Afghanistan.

Ja
, lieber Herr Murtaza, einige Ihrer Bewertungen über den Zustand muslimischer Gemeinschaften in Europa mögen nicht falsch sein, aber bitte missbrauchen Sie die Opfer von Toulouse nicht dazu, um Muslimen in Deutschland und Europa erbsündhafte Schuldgefühle einzureden, und der unterschiedlichen Wertigkeit von Opfern schändlichster und verabscheuungswürdiger Mordtaten das Wort zu reden und den Weg zu bereiten.

Die Angehörigen der Getöteten von Panjwai werden es ihnen danken.

Wenn Sie auch den Menschen, die nicht in Toulouse leben den Respekt gewähren, der ihnen gebührt, dann werde ich Ihr Engagement für ein versöhnliches Miteinander von Juden, Christen und Muslimen in Europa ernst nehmen. Denn auch die Menschen, die im Distrikt von Panjwai in Afghanistan leben, sind Kinder Adams, ausgestattet mit einer Menschenwürde, die ihnen unser Schöpfer vom Moment der Geburt an und unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe und Ethnizität gewährt hat, lange bevor diese Menschenwürde Teil unseres menschlichen Denkens wurde. Ihr Aufsatz ist aus meiner Sicht Ausdruck einer unerfreulich verengten und selektiven Wahrnehmung der Dinge, da Sie die Menschenwürde der Opfer von Panjwai aufgrund Ihres eurozentristischen Blickes einfach nicht wahrnehmen." Das ist jenseits des Weltethos, das Sie für sich in Anspruch nehmen zu vertreten.

In diesem Sinne, wasalaam,
M. Al-Faruqi




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