Artikel Sonntag, 04.09.2011 |  Drucken

Die öffentlich geförderte mediale Kulturvermittlung aus Deutschland in den arabischen Raum bedarf einer Kurskorrektur - Von Mohammed Khallouk

Ein wesentliches Anliegen der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik gilt der Vermittlung von Allgemeinwissen über Deutschland und der Förderung des Verständnisses über die deutsche Kultur in außereuropäischen Kulturkreisen. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Welle, unterstützt vom Auswärtigen Amt, ein Programm in mittlerweile über 30 verschiedenen Sprachen eingerichtet. Seit August 2002 besteht auch ein spezielles arabischsprachiges Sendeprogramm. Die Sendungen sollen der eigenen Zielvorgabe nach derart gestaltet sein, dass sie in den Ländern mit der entsprechenden Muttersprache das Interesse an Deutschland, seiner Kultur und Gesellschaft wecken, sowie darüber hinaus die Wertschätzung für die demokratischen Normen jenseits der deutschen Grenzen erhöhen. Im Falle des arabischen Programms wurde dieser Anspruch bislang allerdings kaum realisiert. Die Bekanntheit des Senders im arabischen Sprachraum ist fast neun Jahre nach Beginn des eigenständigen arabischen TV-Programms noch immer so gut wie überhaupt nicht vorhanden, so dass es in keiner Weise verwunderlich erscheint, wenn offizielle Statistiken eine Zuschauerquote von unter 0,01% ermittelt haben.

Damit die öffentliche Unterstützung dieses durchaus ehrgeizigen Projekts nicht ohne vorzeigbare Ergebnisse bleibt und das vielfältige Engagement der gewissenhaften Mitarbeiter die erwartete Resonanz beim Publikum erfahren kann, ist eine Reflexion der Programmgestaltung und der redaktionellen Vorgabe ebenso vonnöten wie eine umfangreichere Kenntnis der Erwartungshaltung potentieller Interessenten in der Arabischen Welt. Als deutscher Bürger arabischer Abstammung mit Interesse am förderlichen gegenseitigen Austausch zwischen beiden Kulturkreisen und regelmäßiger Konsument des arabischen DW-Programms fallen mir eine Reihe von Sendungen ein, die in ihrer bisherigen Konzeption und Qualität nicht geeignet sind, dem Sender in einem von Al Dschasira und Al Arabia dominierten Marktsegment eine Lücke zu eröffnen.

Es besteht beispielsweise eine häufig ausgestrahlte Sendung Namens „Quadriga“, in der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus dem deutschen wie dem arabo-islamischen Kulturkreis vorgestellt und interviewt werden. Dadurch, dass der interviewende Moderator tendenziell länger spricht als der eingeladene Gast, kommen dessen Positionen jedoch kaum zur Geltung. Vielmehr entsteht beim unkundigen Zuschauer der Eindruck, der Moderator nehme selbst die Rolle des Interviewten ein. Eine bis vor kurzem gemeinsam mit dem staatlichen Programm Marokkos ausgestrahlte Sendung „Kultursalon“, die ein Streitgespräch zweier Schriftsteller zum Gegenstand hatte, wurde von zwei Moderatoren gleichzeitig geleitet, die zudem ihre Fragen nur selten aufeinander abgestimmt hatten, so dass sich kein ernsthafter Dialog der Literaten entwickeln konnte, der in eine bestimmte nachvollziehbare Richtung verlief. Eine weitere Sendung, „Jugend ohne Grenzen“, gemeinsam mit dem ägyptischen Fernsehen konzipiert, stellt deutsche und ägyptische Jugendliche vor, getragen von der Absicht, die Jugend des einen Kulturkreises mit den Ansichten und Erfahrungen ihrer Altersgenossen des anderen Kulturkreises anzuvertrauen. Letzteres wird jedoch kaum erreicht, weil die Sendung gleichzeitig die bestehenden Ressentiments der Jugendlichen über die ihnen unbekannte Kultur nach außen trägt. Wenn deutsche Teenager Ratschläge erteilen sollen, wie die Ägypter ihre aktuelle Revolution zum Erfolg führen könnten, lassen sich wohl kaum auf Interesse treffende Beiträge erwarten.

Erfolgreiches deutsches Fernsehprogramm für die arabische Welt – realistische Perspektive oder Hirngespinst von Medienverantwortlichen?

Arabische Staatssender als Vermittler des deutschen Kulturprogramms?

Die vielfach dem Zuschauerinteresse entgegenstehenden Sendungsgestaltungen mögen nicht zuletzt an den Kooperationen der Deutschen Welle mit den öffentlich rechtlichen Sendern der unterschiedlichen autoritären arabischen Nationalstaaten liegen, die erstens in Konkurrenz zueinander stehen, zweitens vielfach ausschließlich die Propaganda der jeweiligen Regime verbreiten und sich drittens durch Staatsfinanzen am Leben erhalten, weil sie unter der arabischen Durchschnittsbevölkerung ebenso wenig Konsumenten finden.

Gerade die am häufigsten ausgestrahlten Sendungen der Deutschen Welle basieren auf Kooperationen mit arabischen Staatssendern. Während der „Kultursalon“ beispielsweise gemeinsam mit dem marokkanischen Fernsehen erarbeitet wurde, besteht die Sendung „Nord-Süd“ aus einer Koproduktion mit dem algerischen Fernsehen und „Jugend ohne Grenzen“ aus einer Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Staatsfernsehen. Gegen Al Dschasira und Al Arabia sind diese, den Vorstellungen der jüngeren arabischen Generation in keiner Weise entgegenkommenden Sender kaum in der Lage, zu einer marktfähigen Zuschauerquote zu gelangen. Das Interesse an einer mit diesen vom arabischen Publikum zurückgewiesenen Staatssendern gemeinsam konzipierten deutsch-arabischen Sendung lässt sich erst recht nicht erwecken.

Die später als die Deutsche Welle initiierten arabischen Programme von France 24 und BBC Arabic haben deshalb von Anfang an von jeglichen Kooperationen mit arabischen Sendern abgesehen und ein eigenes, an den Bedürfnissen der heranwachsenden arabischen Generation orientiertes Programmkonzept erstellt. Sowohl der Bekanntheitsgrad als auch das Zuschauerinteresse in arabischen Ländern hat bei ihnen in kürzester Zeit die angestrebten Werte erreicht. Stattdessen sollte es bei der Deutschen Welle einen Nachdenkprozess anregen, dass sogar ein hoch geschätzter deutscher Orientalist, der mit der arabischen Mentalität vertraut ist, sich weigert, bei einer Sendung wie „Nord-Süd“ aufzutreten und hierfür die fehlenden arabischen Zuschauer als Rechtfertigung angibt.

Divergenzen zwischen Redaktionsvorgaben und Zielgruppe müssen überwunden werden

Um die Redaktionsvorgaben des Senders künftig stärker an der arabischsprachigen Zielgruppe auszurichten, erscheint eine Kommission vonnöten, die sich kritisch mit dem vorhandenen Programm und seiner Gestaltung auseinandersetzt. Es fehlt an einem beständigen Feedback aus den Reihen der Zuschauer, aber auch von Programmmitarbeitern, das den Verantwortlichen Konzepte aufzeigt, über welche die bislang häufig vermisste Professionalität kontinuierlich erreicht werden kann, auf welche Weise Sendungen sich verstärkt am Bedürfnis des Rezipienten ausrichten lassen und wie diese Sendungen gleichzeitig einen demokratischen Bildungsauftrag wahrzunehmen in der Lage sind.

Ein Weg könnte darin liegen, vermehrt Mitarbeiter auszuwählen, die eine vollständige journalistische Ausbildung hinter sich haben, vor ihrer Einstellung schon Praxiserfahrung gesammelt haben und daher bereits vor der Beauftragung mit der Programmgestaltung eine Professionalität entwickelt haben, die sie in den ausgestrahlten Sendungen einzubringen in der Lage sind. Zudem sollte die Themenwahl sich stärker auf die heranwachsende arabische Generation, die den künftigen Rezipientenkreis darstellen sollten, ausrichten. Die Ereignisse des sogenannten Arabischen Frühlings haben gezeigt, dass gerade in dieser arabischen Generation das Bedürfnis nach demokratischer Mitbestimmung und individueller Einflussnahme auf die gesellschaftspolitische Entwicklung, wozu im vereinigten Deutschland seit zwei Jahrzehnten, im westlichen Teil sogar seit einem halben Jahrhundert die bestehenden Möglichkeiten wahrgenommen werden, in hohem Maße vorhanden ist.

Anstatt Ratschläge deutscher Jugendlicher erteilt zu bekommen, wie diese Revolutionen und Revolten in den arabischen Ländern zum Erfolg geführt werden könnten, wäre es sicherlich für die arabische Jugend interessanter und hilfreicher zu erfahren, wie man sich in Deutschland in der Lage zeigt, die dort vorhandenen demokratischen Institutionen im Interesse des Wohlstands und des gemeinschaftlichen Fortschritts einzusetzen. Hiervon inspiriert könnten die Zuschauer Konzepte für ein zukunftsfähiges demokratisches Gemeinwesen in der Arabischen Welt entwickeln.

Indem über Deutschland, die deutsche Lebensweise und den demokratischen Fortschritt der deutschen Gesellschaft kaum etwas Substanzielles vermittelt wird und deutsche Bürger stattdessen als öffentliche „Lehrmeister“ für die arabischen Gesellschaften auftreten dürfen, kann sich dort kein Interesse an der deutschen Kultur herausbilden. Vielmehr dringt den Deutschen hiervon ausgehend der insgesamt unberechtigte Pauschalvorwurf des Kulturchauvinismus entgegen.

Sofern jedoch die deutsche Kultur mit ihrem Facettenreichtum und ihren bestehenden Gemeinsamkeiten zur arabischen Kultur in den Mittelpunkt gerückt wird, erzeugt dies eine Grundstimmung, die sich geradezu danach sehnt, mehr über Deutschland und seine kulturellen Eigenheiten zu erfahren. Ein Instrument, dies zu erreichen, wären beispielsweise bislang weitgehend fehlende Reportagen und Interviews mit Intellektuellen und renommierten Persönlichkeiten aus der Arabischen Welt, die Deutschland aus den verschiedensten Anlässen besuchen und in den Beiträgen ihre spezifischen Eindrücke von der deutschen Kultur wiedergeben können. Die durchaus vorhandenen, kulturell engagierten und gewissenhaften Programmgestalter finden auf diese Weise jene Resonanz beim arabischen Publikum, die ein spezifisch deutsches Programm für die Arabische Welt zu Recht für sich beanspruchen kann.




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