Newsnational Mittwoch, 05.11.2008 |  Drucken

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Zeitenwende ist möglich – Die Bekämpfung des Terrorismus auch. Nach dem Obama-Fieber die Kur. Von Aiman A. Mazyek

Viel zu lange haben Leute systematisch auf die Neocon-Doktrin gesetzt, die da heißt: Ideologie statt Demokratie, Kriegsbeute statt Friedensdividende und Spekulation statt Wohlfahrt

Die Bush-Jahre ziehen an uns schauerlich vorüber: Jahrelang hat das Bush-System die US-Militärmacht dafür verwendet, sich und andere Länder in schreckliche Kriege zu verwickeln. Das System hat die Supermacht USA wirtschaftlich in die Knie gezwungen. Ihre Protagonisten, wie Bush und Cheney, haben den Anschlag vom 11. September und die danach mit viel Geld unterstützte paranoide Propaganda für ihren persönlichen Feldzug genutzt.

Der US-Rechtsstaat wurde dadurch ein ums andere Mal ausgehebelt, die Menschenrechte trat man dadurch weltweit mit Füßen (Abu Ghraib, Guantanamo und exterritoriale Flugzeugentführungen vermeintlicher Terroristen, Folter in diktatorischen Drittstaaten). Einschüchterung der Menschen, Muslime, die sich dadurch besonders einem Generalverdacht ausgesetzt sehen, waren die Folge. Der Terrorismus wurde dadurch nicht besiegt.

Die Chance, den Terrorismus nach den Anschlägen des 11. September zu besiegen, war groß. Damals rückte die ganze Welt wie eine zersprengte Familie wieder enger zusammen. Man solidarisierte sich mit den Amerikanern, die Symphathiewerte der USA erreichten weltweit Höchststände. Kaum zu glauben, aber wahr: Selbst auf den Straßen Teherans skandierten die Menschen pro-USA-Rufe und verdammten die Terroristen. Doch wie verhielt sich die Bush-Administration mit diesem teuren Geschenk, mit dieser Chance?

Sie scheiterte desaströs, weil sie diese weltbürgerliche Sympathie nicht wahrnahm oder gering schätzt. Die Symphathiewelle alleine hätte den Terrorismus nachhaltiger und besser bekämpft, als jeder danach folgende Waffengang.
Stattdessen: Kriegstreiberei und auf Lügen aufgebaute Angst-und Schreckenszenarien (z.B. angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak oder bevorstehende Giftgasanschläge).

Eine neue Weltordnung wurde uns versprochen, viele werden heute sagen (nicht nur im Irak): die Weltunordnung haben wir erhalten.

Viel zu lange haben Leute systematisch auf die Neocon-Doktrin gesetzt, die da heißt: Ideologie statt Demokratie, Kriegsbeute statt Friedensdividende und Spekulation statt Wohlfahrt.

Alle jene aus Medien und Politik, die diese Politik lange - viel zu lange - unterstützt haben und heute heuchlerisch Barack Obama zujubeln, seine Menschlichkeit in euphorischen Worten beschreiben, seine Antikriegshaltung in der Irakfrage in den höchsten Tönen loben; sie sollen heute bitte leise treten und das Bußhemd tragen. Sie möchten sich bitte in Bescheidenheit üben beim Ausfüllen der weihnachtlichen Wunsch- und Forderungsliste, was sie von dem neuen Präsidenten alles so erwarten.

Dies gilt übrigens auch für unsere notorischen Amerika-Kritiker, allen voran viele Muslime. Jetzt ist nicht die Zeit der Megawünsche, welche einfach ans Weiße Haus zu richten sind. Vom praktischen und positiven Beispiel des Barack Obama lernen heißt auch, sich nun verstärkt im eigenen Land, im eigenen Umfeld neu und konstruktiv einzubringen.

Jene, die mit überhöhten Forderungen und Ansprüchen jetzt kommen, machen sich dadurch eher verdächtig. Sie machen sich verdächtig, dass sie diesen Obama-Hype nur ausnutzen wollen, um von den bleibenden und von ihnen verschuldeten Kriegsschäden außerhalb und innerhalb der USA einfach abzulenken, diese einfach hinweg zu reden. Doch diese Schäden werden bleiben als Erblast, die auf Obama und seine neue Führungsmannschaft wartet; die erst dann bereinigt ist, wenn wieder Gerechtigkeit waltet.

Darin liegt die Hoffnung auf das neue Amerika, auf ein Amerika, das sich nicht mehr in Kriegstreibereien übt, ein Amerika, das wieder an sich glaubt und wieder anfängt, die mannigfaltigen Probleme im Land selber hemdsärmlig anzupacken, bevor es anderen helfen will, zumal sie dort am größten sind.

Man traut dies nun diesem jungen Barack Obama zu – nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Einem Schwarzen an der Spitze der Weltmacht, dem ersten Schwarzen überhaupt im Oval Office – schon dies alleine eine Revolution.

Noch mehr als den Glauben an „Change“ an den Wechsel, war und ist es diese Hoffnung, die so viele Amerikaner in die Wahlurnen strömen ließ und die Barack Obama ein solch grandioses Ergebnis bescherten. Dies ist eine große Wende, es kann sogar eine Zeitenwende für uns alle bedeuten.
Dies wird auch gelingen, wenn jeder von uns – ganz gleich ob Muslim, Jude, Christ oder Atheist - wieder an die Gerechtigkeit glaubt, wieder daran glaubt, dass Frieden möglich sein kann in dieser Welt, wenn jeder anpackt, jeder seinen „Change“ vollzieht und die Herausforderung im Leben annimmt. Obama hat uns in den letzten Monaten eindrucksvoll gezeigt, dass dieser Glaube möglich ist, er sprichwörtlich Berge versetzen kann.

Möge Obama die Kraft besitzen, seine im Wahlkampf so eindrucksvoll gelebten Ideale heute am Tage des Triumphes und später bei der schweren Regierungsarbeit, die auf ihn wartet, immer mit einfließen zu lassen.

Vielleicht erfüllt sich so dann der von den Menschen in aller Welt längst herbeigesehnter Wandel zum Besseren wirklich und ist so die Zeitenwende möglich. Die Amerikaner jedenfalls haben uns heute eindrucksvoll gezeigt, dass diese Hoffnung real ist und der Wandel zum Greifen nah.

Siehe auch USA-Extra auf unserer Startseite.




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