Artikel Montag, 25.02.2008 |  Drucken

Von Soldaten und dem Tod auf der Berlinale – Zwei Kriegsfilmbesprechungen von Volker Taher Neef

Am 17.Februar 2008 gingen die 58. Filmfestspiele in Berlin zu Ende. Wieder einmal war die Berlinale ein Schaulaufen von Künstlern, Produzenten und Cineasten aus aller Welt. In diesem Jahr standen bei zahlreichen Filmen die politischen und militärischen Spannungen in der Welt im Vordergrund und die Nachwirkungen von Armeeeinsätzen. Sei es die Problematik von Kindersoldaten, den der Film "Feuerherz" beleuchtete oder die Auswirkungen der Kriegseinsätze bei ausgebildeten Soldaten. Die Thematik der heimgekehrten Kämpfer stand im deutschen Spielfilm "Nacht vor Augen" als auch in der israelisch/kanadischen Koproduktion des Dokumentarfilms "Flipping Out" im Vordergrund.

islam.de hat sich während der Filmfestspiele besonders auf die Situation der heimgekehrten und oft seelisch zerstörten Armeeangehörigen fokussiert. Unter der Regie von Brigitte Maria Bertele entstand der Film "Nacht vor Augen". Der 25 Jahre alte Bundeswehrsoldat David kommt vom Afghanistan-Einsatz in sein beschauliches Dorf im Schwarzwald zurück und findet sich mit Freundin, Mutter und Stiefvater sowie Halbbruder Benni nicht mehr zurecht. David hat schreckliche Einsätze erlebt, seine Therapeutin muss ihn heilen einschließlich von der Bettnässerei.

Der Film ist eigentlich kein Spielfilm, eher eine Wiedergabe der Realität im Dokumentarstil. In der Pressekonferenz beklagte sich die Regisseurin darüber, dass offizielle Bundeswehrstellen ihr bei der Recherche nicht behilflich gewesen wären. Man habe da an „einem Tabu“ gerüttelt, war ihr Fazit.
Nur durch private Gespräche mit ehemaligen Soldaten im Kriseneinsatz im Kosovo, in Afghanistan und am Horn von Afrika sei man an Informationen gekommen. Zahlreiche weitere Informanten seien Therapeuten und Geistliche gewesen, ohne deren Mitwirkung ein solcher Film gar nicht zu Stande gekommen wäre.

Als Glanzleistung der Schauspielkunst sind im Film der junge Hanno Koffler als David zu bewundern und auch Wofram Koch als sein Stiefvater, der durch wenig Worte, aber dafür mit um so mehr Mimik zeigt, wie hilflos man auf "das heimgekehrte Büble" reagiert. Das der kleine Benni mit seinen erst 11 Jahr am Ende der Auslöser dafür ist, daß David endlich in eine Spezialklinik für traumatisierte Soldaten geht, steht als Symbol für die Hilflosigkeit Erwachsener gegenüber den Soldaten.
Das der einzige nicht ausgebildete Schauspieler, nämlich das Kind Jona Ruggaber als Benni, der trotz der guten künstlerischen Leistungen der anderen "Kollegen", alle glatt an die Wand spielte, nahm Wolfram Koch mit Humor. Er sagte gegenüber islam.de, sobald Kinder und Tiere im Spielfilm auftauchen, "sind wir Schauspieler immer nur zweiter Sieger." An diesem Spielfilm, der immer noch keinen Kinoverleih gefunden hat, beeindruckt auch die Musik von Christian Biegai.

Biegai passt die Filmmusik dem kranken David an. Je mehr dieser unter Wahnvorstellungen leidet, desto "schräger" wird die begleitende Musik. Als der vom Wahnsinn gepackte Ex-Soldat in eine Klinik kommt, geht die Musik bis an die Schmerzgrenze für die Ohren der Zuschauer- und Zuhörer.

Zumindest im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird der Film ausgestrahlt werden. Der SWR hat an der Produktion dieses deutschen Spitzenfilms mitgewirkt.



"Flipping Out"

Der Dokumentarfilm "Flipping Out" aus dem Jahre 2007 beschäftigt sich mit dem Schicksal von Soldaten aus Israel, die in den besetzten Gebieten nach 36 Monaten Dienstzeit die Armee verlassen. Regisseur und einer der drei Kameramänner ist Yoav Shamir. Dieser Film hatte auf der Berlinale seine internationale Premiere. Junge, enthemmte Soldatinnen und Soldaten der israelischen Armee fliegen nach Indien. Hier verschleudern sie ihre Abfindung. Man sieht kiffende Soldaten, die ihren lange angestauten Frust rauslassen. Rauschmittel und massenweise Alkohol, verbunden mit Partys, rund um die Uhr. Kleine israelische Kolonien haben sich auf dem indischen Subkontinent gebildet, inklusiver religiöser und ärztlicher Betreuung. Der Besuch eines Ministers aus dem gelobten Land offenbart für den Zuschauer das ganze Elend. Die Kamera fängt diese Gespräche auf. Jeder einzelne lobt gegenüber dem Politiker die Armee. Sie stehe für Corpsgeist und Kameradschaft. Ein Soldat sagt, so etwas habe er woanders noch nie erlebt.
Als der Herr Minister sie fragt, wann sie wieder ins Heimatland gehen wollen, gibt es nur ausweichende Antworten oder ein klares "Niemals". Einer will erst wieder zurückgehen, wenn seine Papiere abgelaufen seien. Der Film glorifiziert nicht, er klagt nicht an. Die Kameraführung nimmt sich zurück .Im Vordergrund stehen Ex-Soldaten. Sie können sich so darstellen, wie es ihnen beliebt. Yoav Shamir und sein Team stellen keine Fragen, man lässt die ehemaligen Armeeangehörigen agieren. Die Kameraleute begleiten auch einen religiösen Vertreter. Dieser scheut sich nicht davor, einen unter Wahnvorstellungen leidenden Mann zu einem Entzug in Israel zu überzeugen. Filmischer Höhepunkt ist die Szene, wo ein Kranker mit Gewalt in Kidnappingmanier in einen Kleinbus verbracht wird. Ein früherer Mossad-Bediensteter hilft bei der Aktion. Der Herr Minister und der nervenkranke Soldat fliegen dann mit demselben Flugzeug nach Israel zurück.

Der Dokumentarfilm. "Flipping Out" zeigt die seelischen Belastungen, denen man als Soldat unterliegt. Selbst im eigenen Land glauben nicht alle an "einen gerechten Krieg" oder an "das Recht der Selbstverteidigung“. Wer es bisher noch nicht wusste, erfährt von Yoav Shamir, daß es sich bei einem Kriegseinsatz nicht um einen "Betriebsausflug" handelt. Als Soldat kann man in jeder Sekunde seines Berufslebens getötet werden. Auch kommt klar zur Geltung, welche persönlichen Verwicklungen aus Kampfeinsätzen für den Einzelnen sich ergeben. Besonders dann, wenn der Gegner sich nicht allein im gegenüberliegenden Schützengraben aufhält, sondern wenn gegen alte Leute, Frauen und Kinder "gekämpft" wird.

Beide Berlinale-Filme ein besonderer Tipp für diejenigen, die "unsere Jungs" zur Verteidigung unserer Werte am Hindukusch einsetzen wollen. Man sollte diese Filme sehen, die Abgeordneten aber bitte vor der Abstimmung im Bundestag. (Volker-Taher Neef,Berlin)





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