Newsinternational Donnerstag, 13.12.2007 |  Drucken

"You have to be crazy to change the world"

Der Reiz ul Ulema, Mustafa Ceric, im Audimax der Münchener Universität - Von Rupert Neudeck

Es war fast eine Sternstunde, in der Politik und der Tagesschau spricht man von einem geschichtlichen Ereignis - Im Audimax der Ludwig-Maximilian-Universität in München hielt der Grand Mufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, einen Vortrag vor einem überfüllten Hörsaal. Ich durfte den Reiz-ul Ulema bei seinem Vortrag einführen. Schon vorher hatte ich die Gelegenheit, ihn bei dem Empfang im Münchener Rathaus zu begleiten.
Der Ort war ein Glücksfall: Das große Auditorium Maximum liegt etwa 50 m von dem in der deutschen Geschichte legendären und wichtigen Lichthof, in den die Geschwister Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 ihre Flugblätter gegen das Nazi Regime warfen, darauf gefasst wurden und elendiglich am 22. Februar 1943 von der Nazi Maschinerie hingerichtet wurden.
Der Reiz ul Ulema war eingeladen von den Freunden Abrahams, einer Organisation in München unter Leitung des Archäologen und Theologen Prof. Manfred Görg, von Pax Christi, der Evangelischen Kirche, und er kam gerne hierher, um den Menschen in München in aufgewühlter Zeit eine Friedensbotschaft zu bringen.

Mustafa Ceric, auch Mitglied im Kuratorium der GRÜNHELME, hatte sich für seine Vorlesung drei Fragen gestellt.

Die erste Frage lautete: Welche zentralen Probleme beeinträchtigen die interreligiöse Verständigung zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Die Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach Gott - auch mitbegründet durch die Deklaration von Karl Marx der Religion als „Opium“ - wird nicht weiter bestehen. Die Menschen werden heute mit dem „Wirklichen“ der Religion konfrontiert, aber sie kennen sich nicht aus. Diese Unwissenheit bringe Ängste mit sich. Und Angst sei der „mächtigste Feind der Vernunft, der häufig zu Intoleranz und Gewalt führt“. Man sage zu Recht: „Die Männer fürchteten Hexen und verbrannten Frauen“.
Die zweite Frage liegt Mustafa Ceric besonders am Herzen. Kann Vernunft eine gemeinsame Grundlage für Menschen mit unterschiedlichem Glauben bieten? Oder bringt sie sie auseinander?

Mustafa Ceric: „Wir brauchen eine neue Aufklärung, wir müssen die Aufklärung neu aufhellen“. Er sagte in der englisch gehaltenen Vorlesung: „We have to enlighten the Enlightenment“. Wir brauchen ein neues „Westfalen“, also einen neuen „Westfälischen Frieden“, wo sich Vernunft und Glaube in gegenseitigem Vertrauen begegnen. Die drei abrahamitischen Religionen müssen die Tatsache akzeptieren, dass sie die Gebote desselben Gottes vom Sinai teilen: Du sollst den Einen Gott verehren, Du sollst nicht töten, Du sollst nicht stehlen…; dass sie denselben Ort der Verbindung zwischen Himmel und Erde teilen: Jerusalem.

Könne es - fragte Mustafa Ceric in seiner stehend beifällig aufgenommenen Vorlesung - eine Kooperation der Religionen in der Zukunft geben, oder sei die Hoffnung darauf unrealistisch?

„Ich möchte Ihnen sagen, dass das 21. Jahrhundert ohne Krieg in Sarajevo begonnen hat“. Nachdem der Krieg zu Anfang und am Ende des vergangenen 20. Jahrhunderts genau dort begonnen hatte. Die Nachkriegszeit habe in Bosnien ohne Gewalt und Rache begonnen. Das zeigt, dass die Aggression gegen mein Land und Volk nicht religiös motiviert war. Im Gegenteil, der Krieg in Bosnien war gegen alle Religionen und alle moralischen Werte gerichtet gewesen. Wörtlich: „Alle diejenigen, die unschuldige Menschen im Namen Gottes töten, sind nicht Männer Gottes, sie sind Männer des Bösen“

Die Vorlesung wurde fortgesetzt in einem Podium mit Vertretern der beiden christlichen Kirchen, mit Prof. Mathias Rohe, einem Experten in arabischem Recht, mit Rupert Neudeck von den Grünhelmen. Geleitet wurde das Podium von Dr. Stefan Wimmer, der stellvertretender Vorsitzender der „Freunde Abrahams“ ist.
In dem Gespräch, das sich an den Empfang beim Bürgermeister im Münchener Rathaus anschloss, sagte der Vertreter der bosnischen Muslime in Anlehnung an den großen irischen Schriftsteller J.B. Shaw: „You have to be crazy to change the world.“

Mustafa Ceric hat mir zugesagt, für die Anliegen der Grünhelme immer da zu sein und alles zu tun, damit wir die humanitäre Arbeit zwischen Menschen verschiedener Religionen und allen Menschen guten Willens verstärken.




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