Newsnational Dienstag, 27.11.2007 |  Drucken

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Muslime in Deutschland hinter den Kulissen: Abdellah Lassal bei den Bundes-Grünen

Kommunalpolitiker im Betriebsrat und eine Reise durch die deutsche Geschichte des Parlaments

In loser Folge stellt "islam.de" in Deutschland tätige Muslime vor, die hinter "den Kulissen arbeiten" und nicht immer entdeckt werden. Muslime aus allen Bereichen unseres Landes, ohne die der Deutsche (Wirtschafts-)Motor ins Stottern käme.

Wir beginnen unsere Serie mit Abdellah Lassal, der im deutschen Bundestag hauptberuflich bei der Fraktion der GRÜNEN arbeitet. Mit einem freundlichen "Salam Alaikum, ja Achi", begrüßt mich der 1951 in Kenitra (Marokko) geborene Lassal gleich im Flur des Jakob-Kaiser-Hauses. Er sagt dann auch das vertraute "Du" und weist darauf hin, dass in seiner Partei alle Bundestagsabgeordneten und Mitarbeiter per Du seien.

"Wollen wir erst eine kleine Führung machen?", schlägt er vor. Die kleine Führung entpuppt sich als lange Reise durch die deutsche Geschichte. Abdellah Lassal kennt sich bestens aus und ich genieße die Führung im, durch und unter dem Parlament. Ein Fluchttunnel, durch den die Nazi-Größe
Herman Göring wohl die wahren Reichstagsbrandstifter ins Parlament einschleusen ließ als auch der Bereich, wo alle verstorbenen Reichstagsabgeordneten namentlich aufgeführt werden, gehören zum Programm.

Man merkt ihm die Begeisterung an, mit der er über das Parlament berichtet. Deutsche Geschichte kann er so klar darstellen, als wäre er Historiker von Beruf. Dabei hat der Vater von 3 Kindern einen ganz anderen Werdegang hinter sich. Nach dem Abitur in Marokko, tritt er als Offiziersanwärter in die Armee ein. 1979 zieht es ihn nach Frankreich. Mit dem Abschluss als Magister und Diplom-Erziehungswissenschaftler beendet er seine akademische Ausbildung in Paris wo er auch seine deutsche Frau kennen lernt. 1990 zieht es die beiden von der Seine zum Rhein nach Bonn. Da Abdellah sich bei den GRÜNEN engagiert, spricht man ihn 1994 darauf an, doch hauptberuflich bei der Fraktion der GRÜNEN im Deutschen Bundestag zu arbeiten. So kam er mit dem Umzug des Parlaments nach Berlin.

Heute ist Lassal als Fraktionsmitarbeiter direkt der Geschäftsführung der GRÜNEN-Fraktion unterstellt. Für seine Kolleginnen und Kollegen hat er stets ein offenes Ohren und so war es selbstverständlich für ihn, für den Betriebsrat zu kandidieren. Lassal sieht sich nicht nur als Sprecher der Belange von GRÜNEN-Mitarbeitern. So gäbe es auch "in anderen Fraktionen Kolleginnen und Kollegen, die religiöse Speisevorschriften beachten." Stolz erklärt er, die privat geführte Kantine des Parlaments achte darauf, dass täglich ein Gericht auf der Speisekarte stehe, dass "von uns gegessen werden könne. Egal, ob vegetarisch oder ohne Schweinefleisch." Dass er Moslem sei, könne man ihm ja ansehen, betont der gebürtige Marokkaner. Deshalb kämen schon mal Abgeordnete jeglicher Fraktionen auf ihn zu und befragten ihn zu islamischen Themen. Obwohl er ja kein studierter Islamwissenschaftler sei, versuche er solche Fragen gewissenhaft zu beantworten. Ausdrücklich lobt er den kollegialen Umgang zu den Volksvertretern und den parlamentarischen Mitarbeitern, unabhängig der Parteizugehörigkeit. "Im Vordergrund muss die parlamentarische, politische Arbeit stehen. Die Religion des Einzelnen ist Privatsache", erklärt Lassal.

Natürlich ist solch ein engagierter Fraktionsmitarbeiter auch in seiner knappen Freizeit selber politisch aktiv. Nur knapp ein halbes Jahr nach seiner Einbürgerung im Jahr 2003 lässt sich der GRÜNE als Kommunalpolitiker in seinem Wohnort Schulzendorf (bei Berlin) aufstellen. Bis 2006 gehörte Abdellah dem Gemeinderat als stellvertretender Fraktionsführer an.

Ich möchte von ihm, der so aktiv hinter den Kulissen des Bundestages tätig ist, wissen, ob es für ihn noch einen Raum für Freizeit gibt. Wieder kommt sein freundliches Lächeln hervor. "Na klar. Jetzt. Komm, wir gehen ins Parlaments-Restaurant. Natürlich bist Du mein Gast." Mein Gastgeber bestellt Paella, ich koste den schmackhaften Seelachs. Wir beide ignorieren die "Vegetarische Platte". Am Tisch erzählt mir Lassal von seinen beiden Lieben. Für sie nehme er sich hin und wieder immer noch Zeit. Er habe sich in seinen Studententagen in den Billiard-Sport verliebt, so heißen seine beiden heimlichen Lieben Pool und Carambolage.
Welche Spielart er denn bevorzuge, frage ich ihn: "Ich muss Pool spielen", antwortet Abdellah“ und erklärt mir bevor ich weiterfragen kann "… denn ich spiele so gut Carambolage, da will keiner meiner Freunde gegen mich antreten. Beim Pool haben sie eine Chance, mich zu besiegen."

"Komme einfach nochmal wieder", sagt Abdellah Lassal beim Abschied am Ausgang. So wie er mich begrüßt hatte, verabschiedet er sich auch mit einem "SALAM ALAIKUM, ja Achi." (Volker Taher Neef, Berlin)





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