Artikel Freitag, 24.08.2007 |  Drucken

Selbstkritischer Umgang mit dem muslimischen Extremismus - Muslimische Wort im SWR von Aiman Mazyek

Aiman Mazyek
Islamisches Wort August 2007
Islam und Gewalt


Islam und Gewalt; Islam und Terrorismus. Das sind Begriffskombinationen, die heute leider beinah in aller Munde sind, die sich meiner Meinung nach aber gegenseitig ausschließen. Und doch dürfen wir nicht so tun, als führten wir eine den Muslimen aufgezwungene Diskussion. Es gibt diesen im Namen des Islams begangenen Terrorismus. Die Anschläge von New York, Madrid und London zeugen ebenso davon wie die Selbstmordattentate von Riad, Tel Aviv, Istanbul und Scharm el-Scheich. Nichtmuslime wurden genauso Opfer dieses religiös bemäntelten Irrsinns wie Muslime.
Angesichts des unendlichen Leids, das diese Terroristen über unzählige Menschen gebracht haben, müssen wir uns fragen: Warum verüben manche Muslime solche abscheulichen Taten? Und warum tun sie so, als seien Juden und Christen die eingeschworenen Feinde des Islams?
Haben denn die Attentäter nicht gewusst, dass der Islam den Schutz von Synagogen, Kirchen und Moscheen gleichermaßen gebietet ? ( Sure 22,Vers38 ff)
Wissen sie denn nicht, dass der ehrwürdige Prophet Muhammad – Friede sei mit ihm – ausdrücklich fordert, Christen und Juden unbehelligt zu lassen Wissen sie nicht, dass er angekündigt hat, am Jüngsten Tag als Fürsprecher der ungerecht behandelten Christen und Juden aufzutreten (Hadith, Abu-Daoud, hassan). Und des weiteren sagt er: “Der Gläubige ist derjenige, vor dem die Menschen in Sicherheit sind (Hadith, Tirmidhi im Kapitel Iman, Ibn-Magah im Kapitel Fitan und Ibn-Hanbal in Al-Sunan).“ Er sagt nicht, „vor dem allein die Muslime in Sicherheit sind“, sondern er spricht von allen Menschen – ungeachtet ihrer Glaubenszugehörigkeit.

Ist den Mördern – und nur so kann ich diese Selbstmordattentäter bezeichnen, die meinen, unschuldiges Blut in ihrem vermeintlichen Krieg vergießen zu müssen – denn entgangen, dass der Koran Mord und Selbstmord verbietet? (Sure 4, Vers29; Sure 5,Vers 32)
Wut und Trauer erfassen viele Menschen und gerade auch Muslime angesichts dieser Fragen.

Moscheen und muslimische Verbände hierzulande haben diesen Terrorismus wiederholt mit Wort und Tat eindeutig verurteilt. Das ist auch gut so. Doch ich erwarte mehr als nur die tiefe Abneigung gegenüber diesen Terrorgruppen.
Gerade von hochrangigen islamischen Geistlichen und Gelehrten erwarte ich viel mehr. Es ist wichtig, einen auf friedliche Koexistenz ausgerichteten Islam zu predigen. Doch der Koran fordert mehr. Er fordert die Muslime ausdrücklich auf, gerecht zu handeln: „Seid Wahrer der Gerechtigkeit, (...), auch wenn es gegen euch selbst oder die Eltern und nächsten Verwandten sein sollte!“, heißt es im Heiligen Buch der Muslime. (Sure 4, Vers 135)

Es ist höchste Zeit zur muslimischen Selbstkritik, die einen wunden Punkt der derzeitigen muslimischen Geisteswelt ansprechen muss. Der sogenannte islamistische Terror etwa eines Osama bin Laden ist nicht zuletzt das Produkt muslimischen Fehldenkens. Ein Denken, das nihilistische und totalitäre Züge aufweist, die in dieser Größenordnung bisher in der islamischen Welt beispiellos sind. Der Prophet –Friede sei auf Ihn - hat selbst in den bedrängtesten Momenten, als die schiere Existenz seiner Gemeinde auf dem Spiel stand, kein Kamikaze- und kein Himmelfahrtskommando angeordnet.

Der Irrglaube, über terroristische Aktivitäten und die Pervertierung der eigenen religiösen Grundsätze Veränderungen herbeiführen zu können, trägt gegenwärtig leider maßgeblich zum Erscheinungsbild des Islams bei. Dabei wird bedauerlicherweise zumeist übersehen, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime sich damit keineswegs identifiziert, sondern vielmehr Abscheu und Ekel davor empfindet.

Unser Prophet hat eindringlich vor solchen Leuten in den eigenen Reihen gewarnt, in dem er sagte: „Nein der Übertreibung in der Religion“, ( Gesammelte Hadithe, „Riyadh as-Ssalihin“) und er wiederholte dies dreimal hintereinander. Das arabische Wort für Übertreibung „Assabiye“, heisst auch soviel wie fanatisch, Übertreiber in der Religion.

Die Botschaft des Islams lautet heute wie früher: Nicht über die Macht, sondern über die Moral! Mit einem guten Charakter und der Hingabe an Gott sind die wahren Erfolge im Diesseits und bei Gott zu erzielen.

Doch wir scheinen geradewegs auf einen „Jakobiner-Islam“ zuzusteuern, zu dem offenbar auch manche Muslime eine gewisse Affinität entwickelt haben. Damals, nach der Französischen Revolution, errichtete Robespierres eine alleine auf Macht gegründete Schreckensherrschaft. Später versuchte er dann, das große Köpferollen nachträglich moralisch zu legitimieren. So ähnlich gebärden sich auch die Terroristen mit ihrem Guillotinen-Islam. Sie morden und ziehen den Islam mit ihren schändlichen
Taten in den Schmutz. Alle Versuche, ihr unmoralisches Vorgehen mit islamischen Grundsätzen zu rechtfertigen, sind verwerflich und zum Scheitern verurteilt.

Solange einzelne Muslime meinen, mit allen menschlichen und zivilisatorischen Konventionen, ja mit den Geboten des Islams selbst brechen zu können, um blind zuzuschlagen, haben wir ein beträchtliches innerislamisches Problem. Die Attentäter von Glasgow kamen – so schmerzlich es für Muslime auch klingen mag – aus den Reihen der dortigen Gemeinde und waren bekannt.

Die Selbstmordattentate vor der Roten Moschee in Islamabad und die zahllosen Selbstmordanschläge im Irak sind weitere traurige Belege einer krassen Fehlentwicklung. Wir Muslime dürfen davor nicht einfach die Augen verschließen. Wir dürfen uns aus falsch verstandener Brüderlichkeit nicht scheuen, die Dinge beim Namen zu nennen. Ob das im „fernen“ England der Fall ist oder ob es die „Kofferbomber“ hierzulande sind.

Couragiert ist der, der jenen Schreibtischtätern, Halbgelehrten und sonstigen Anstiftern ein lautes Nein entgegenhält. Denn diese Leute versuchen, die vielen ungerecht behandelten, gefolterten und getöteten Muslime in der Welt für ihre finsteren Zwecke zu instrumentalisieren. Sie verweisen zwar richtigerweise auf das Unrecht, welches diesen Menschen tagtäglich zugefügt wird, aber sie stiften ihrerseits dazu an, im Namen des Islams unschuldige Menschen zu entführen, Bomben zu zünden oder andere barbarische Akte zu verüben.

Unsre gegenwärtige Lage ist dadurch gekennzeichnet, dass viele muslimische Aufklärer es nicht wagen, die Dinge beim Namen zu nennen. Doch wir müssen den Mut finden, diesen Kreis zu durchbrechen, weil es nicht nur um Moral und Unmoral, sondern um Gerechtigkeit geht.
Muslime müssen nicht Weltgerichte irgendwelcher Terroristen fürchten - auch wenn diese noch so inbrünstig Gottes Namen missbrauchen. Sie müssen einzig den Tag fürchten, an dem sie vor ihrem Schöpfer stehen und gefragt werden: Was habt ihr angesichts dieser krassen Fehlenentwicklungen gemacht? Dann darf die Antwort nicht sein: Wir haben uns in der Opferrolle gefallen, uns sind die Nerven durchgegangen und wir haben dann den Islam besudelt mit dem Blut unschuldiger Menschen! Nein, das darf, bei Allah, nicht unsere Antwort sein!





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