Artikel Montag, 12.03.2007 |  Drucken

Goethes tiefe Neigung zum Islam wurde lange übersehen - 175. Todestag

(dpa)Als der auf dem ganzen Kontinent berühmte Schriftsteller und Naturforscher am 22. März 1832 im Sterben lag, malte er «mit dem Zeigefinger Zeichen in die Luft», wie ein Biograf festhält. Die Umstehenden deuteten sie als ein «W», den Anfangsbuchstaben seines zweiten Vornamens - doch manche Muslime glauben, dass Johann Wolfgang von Goethe, dahindämmernd und zu schwach zum Sprechen, das arabische Zeichen für Allah schrieb. Die Wahrheit ist wohl nicht mehr zu ermitteln - doch wird 175 Jahre nach Goethes Tod allmählich klar, wie eng sich Deutschlands größter Dichter dem Orient und dem Islam verbunden fühlte.

Dass der vielseitig interessierte und ungemein aufnahmefähige Beamtensohn aus Frankfurt am Main intellektuell auch nach Arabien und Persien blickte, ist unübersehbar: Davon zeugt allein schon die Gedichtsammlung «West-östlicher Diwan», die allerdings beim Publikum wenig Zuspruch fand. Die Faszination durch das Morgenland passte nicht in das Bild, das sich eine immer nationalistischer werdende Nachwelt im 19. Jahrhundert von Goethe machte. Selbst heutige Biografien spielten das herunter, klagte der Orientalist Peter-Anton von Arnim noch vor wenigen Jahren.

Dabei hatte die Germanistin Katharina Mommsen schon 1988 auf über 600 Seiten die Bezüge ausgebreitet. Bereits im Entwurf zum frühen Drama «Götz von Berlichingen» - populär durch den täglich tausendfach gebrauchten Fluch - findet sie eine Koransure zitiert. Ziemlich sicher hat Goethe das Werk Mohammeds schon als Student gelesen und als der Bibel gleichberechtigt geachtet. Schließlich war der 1749 geborene angehende Jurist ein Kind der Aufklärung, die religiöse Toleranz propagierte.

Doch Mommsen meint, dass Goethe über den Zeitgeist hinaus eine persönliche Neigung zum Islam verspürte, weil er mit dessen Hauptlehren wie Schicksalsergebenheit und Offenbarung Gottes in der Natur innerlich übereinstimmte. «Weiter kann ich nichts sagen, als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche», schreibt der 70-Jährige, als seine Schwiegertochter schwer erkrankt - ähnliche Zeugnisse gibt es aus allen Lebensphasen.

Von Pech und Unglück konnte die Schicksalsergebenheit nicht rühren. Goethe war ungemein erfolgreich - künstlerisch, gesellschaftlich, bei den Frauen. 1774 macht ihn der Briefroman «Die Leiden des jungen Werther» auf einen Schlag bekannt. Im Jahr darauf holt ihn der kunstsinnige Herzog Karl August nach Weimar. Goethe verfasst Dramen und Gedichte, korrespondiert mit Gelehrten, treibt naturkundliche Studien und entdeckt dabei den Zwischenkieferknochen, der Zweifel an der Abstammung des Menschen von den Säugetieren widerlegt. Auf einer Italienreise (1786-88) begegnete er der antiken Kunst; daraus entwickelte er gemeinsam mit Friedrich Schiller das Stilideal der Klassik.



Lesen Sie dazu auch:
IZ-Interveiw: "Größter Brückenbauer zwischen Ost und West"
"Goethe gibt auch Muslimen in Deutschland die Möglichkeit, ein Islambild zu entwickeln"

Wollen Sie einen
Kommentar oder Artikel dazu schreiben?
Unterstützen
Sie islam.de
Diesen Artikel bookmarken:

Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Folkd Google Bookmarks
Linkarena Mister Wong Newsvine reddit StumbleUpon Windows Live Yahoo! Bookmarks Yigg
Diesen Artikel weiterempfehlen:

Anzeige

Hintergrund/Debatte

Muslim-Sein und Deutsch-Sein sind keine Gegensätze, sondern gelebte Normalität für Millionen Menschen in Deutschland.
...mehr

Wenn Stereotypen die gesellschaftliche Auseinandersetzung ersetzen – von Storchs Forderungskatalog zu Muslimen
...mehr

ITB Berlin startet Marketing-Allianz mit größter Messe für Halal-Tourismus in Abu Dhabi
...mehr

"Reicht es nicht, wenn Özil vor dem Spiel für Deutschland betet" - die absurde Debatte über die Leitkultur. Kommentar von ZMD Vors. Aiman Mazyek
...mehr

"Moschee für Kölle" - Zentralmoschee kurz vor Inbetriebnahme
...mehr

Alle Debattenbeiträge...

Die Pilgerfahrt

Die Pilgerfahrt (Hadj) -  exklusive Zusammenstellung Dr. Nadeem Elyas

88 Seiten mit Bildern, Hadithen, Quran Zitaten und Erläuterungen

Termine

Islamische Feiertage
Islamische Feiertage 2015 - 2019

Tv-Tipps
aktuelle Tipps zum TV-Programm

Gebetszeiten
Die Gebetszeiten zu Ihrer Stadt im Jahresplan

Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben

Marwa El-Sherbini: 1977 bis 2009