Newsinternational Freitag, 05.03.2021 |  Drucken

Papst bittet "den Himmel und meine Brüder und Schwestern um Vergebung für so viel Zerstörung und Grausamkeit" in den vergangenen Jahren

Zum Auftakt seiner viertägigen Irak-Reise hat Papst Franziskus die Bevölkerung des Krisenlandes zu Frieden und "geschwisterlichem Zusammenleben" aufgefordert - "Die Waffen sollen schweigen"

Bagdad - Zum Auftakt seiner viertägigen Irak-Reise hat Papst Franziskus die Bevölkerung des Krisenlandes zu Frieden und "geschwisterlichem Zusammenleben" aufgefordert. Ein wirksamer Prozess des Wiederaufbaus sei nur möglich, wenn man sich trotz aller Unterschiede als "Mitglieder der einen Menschheitsfamilie" sehe, mahnte er am Freitag in Bagdad. Es sei "genug mit Gewalt, Extremismus, Gruppenbildungen und Intoleranz"; die Waffen sollten endlich schweigen, so Franziskus.

In seiner Rede vor Vertretern aus Politik und Zivilgesellschaft im Präsidentenpalast würdigte das Kirchenoberhaupt die Vielfalt im Irak. Er sprach von einer "Wiege der Zivilisation", die durch den gemeinsamen Stammvater Abraham Juden, Christen und Muslime eng miteinander verbinde. Die verschiedenen Religionen, Kulturen, Ethnien seien eine jahrtausendealte "wertvolle Ressource" und kein Hindernis. Nicht zuletzt die Präsenz der Christen stelle ein "reiches Erbe" dar, das es zu bewahren gelte.

Harmonisches Zusammenleben funktioniere aber nicht ohne einen geduldigen und aufrichtigen Dialog, so der Papst. Dieser Prozess müsse "von Gerechtigkeit und der Achtung des Rechts" geschützt werden. Das sei keine leichte Aufgabe.

Nach blutigen Protesten 2019/2020 strebt der von jahrelangem Krieg, Terror und Aufständen geplagte Irak Parlamentswahlen im Oktober an. Immer wieder kommt es aber zu Gewalt - auch zwischen den religiösen Gruppen der Region. Zusätzlich belastend wirken sich die Folgen der Corona-Pandemie aus; die Infektionszahlen nahmen zuletzt deutlich zu.


Franziskus appellierte an alle Verantwortlichen, ihre "Rivalitäten und Gegensätze zu überwinden". Niemand dürfe als Bürger zweiter Klasse angesehen werden. "Gott lasse uns als Brüder und Schwestern gemeinsam unterwegs sein", so der Papst. Denn die wahre Lehre der Religion sei vor allem eine Einladung zum Frieden. Der Name Gottes dürfe keinesfalls dazu benutzt werden, Mord, Terror und Unterdrückung zu rechtfertigen.

Er komme als "Pilger des Friedens" und "als Büßer", betonte der Papst vor den Politikern und Diplomaten. Als solcher bitte er "den Himmel und meine Brüder und Schwestern um Vergebung für so viel Zerstörung und Grausamkeit" in den vergangenen Jahren. Kriege, die "Geißel des Terrorismus" und fundamentalistisch geprägte konfessionelle Konflikte hätten dem Irak "Tod, Zerstörung und Trümmer" beschert.

Franziskus hob beispielhaft das Schicksal der Jesiden hervor: "unschuldige Opfer sinnloser und unmenschlicher Barbarei, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit verfolgt und getötet wurden und deren Identität und Überleben selbst gefährdet war". Nun sei es an der Zeit, jenen mehr Raum zu geben, die sich für Versöhnung einsetzen, forderte der 84-Jährige. Der internationalen Gemeinschaft komme dabei eine wichtige Rolle zu.

Die Regierung des Irak soll sich nach seinen Worten um mehr Bildungschancen für die Bevölkerung bemühen. Auch brauche es effektive Maßnahmen gegen Armut und Arbeitslosigkeit, damit alle ein würdevolles Leben führen könnten. "Nach einer Krise ist es mit einem Wiederaufbau nicht getan - dieser muss auch gut gemacht sein", so der Papst. Der "Geist geschwisterlicher Solidarität" könne nur wirken, wenn Korruption, Machtmissbrauch und Illegalität bekämpft würden.

Unmittelbar vor seiner Rede war Franziskus mit Staatspräsident Barham Salih zusammengetroffen. Die Anwesenheit des obersten Repräsentanten der katholischen Kirche erfülle die Iraker mit Stolz, sagte Salih bei der Begrüßung. Auch er sprach sich für religiöse Toleranz aus und sagte Terror und Extremismus den Kampf an. Die Christen des Landes hätten viel Leid erfahren müssen. Doch sie würden gebraucht, um den Irak zu einem "Ort der Harmonie" zu machen. Der Orient sei ohne Christen "nicht vorstellbar", so der Präsident. Er hoffe daher auf eine Rückkehr der vielen Ausgewanderten und Vertriebenen.





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