Newsinternational Dienstag, 23.02.2021 |  Drucken

Jüdisches Leben in Deutschland seit 1.700 Jahren

Zeiten der Blüte und Zeiten der Verfolgung

Bonn (KNA) Deutschland und das Abendland seien christlich-jüdisch geprägt, heißt es häufig. Das klingt so, als sei alles ganz wunderbar gelaufen zwischen Christen und Juden. Dabei ist die Geschichte der Juden in Deutschland vielfach von Verfolgung und Mord geprägt.

Fest steht: Jüdisches Leben lässt sich auf deutschem Boden seit 1.700 Jahren nachweisen. Der älteste schriftliche Nachweis stammt aus dem Jahr 321 aus Köln. Damals erlaubte der römische Kaiser Konstantin seinem Statthalter in Colonia, auch Juden in den Rat zu berufen. Deshalb wird in diesem Jahr bundesweit gefeiert. Das Festjahr unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird am Sonntag in Köln offiziell eröffnet. Das Erste überträgt ab 16.30 Uhr einen Festakt aus der Kölner Synagoge.Im Karolingerreich im 9. Jahrhundert tauchten Juden vor allem als einzelne Händler oder Diplomaten im Gebiet des heutigen Deutschland auf. Die ältesten urkundlich bezeugten Gemeinden siedelten seit dem 10. Jahrhundert in Bischofsstädten wie Mainz, Trier, Worms und Speyer. Auch in Regensburg sind bereits für das Jahr 981 Juden bezeugt.

Im ausgehenden 10. Jahrhundert gab es nach Schätzungen rund 4.000 bis 5.000 jüdische Einwohner im Reich. Bis 1350 erreichten die Gemeinden ihren zahlenmäßigen und kulturellen Höchststand. Fürsten und Bischöfe stellten die Juden unter Schutz und verliehen ihnen Handelsprivilegien. Händler, Geldverleiher oder Verwalter von Münzstätten: Ihre wirtschaftliche Bedeutung in den blühenden Städten des Hochmittelalters dokumentiert sich in der marktnahen Lage des jeweiligen Judenviertels. In Mainz, Worms und Speyer entstanden im 11. Jahrhundert zudem bedeutende Gelehrtenschulen.

Doch schon die Kreuzzüge führten zu massiven Pogromen; die Kreuzritter metzelten entlang des Rheins ganze Gemeinden nieder. Nach den Pestpogromen des 14. Jahrhunderts sollte das jüdische Leben bis ins 19. Jahrhundert hinein nie wieder die Blüte erreichen, die es vor 1350 erlebt hatte.

Allerdings: Herrscher und Städte blieben auf die Juden angewiesen. Juden wurden in eine Außenseiterrolle gedrängt, weil sie einerseits keinen Zugang zu Zünften und anerkannten Handwerksberufen hatten, andererseits jedoch das Zinsverbot für sie nicht galt. In den Städten wurden Juden nach und nach in Ghettos gedrängt.

Kirchliche Konzile verlangten von ihnen, sich durch Judenhut oder gelbe Flecke auf der Kleidung kenntlich zu machen. Zwangspredigten und -taufen führten, verbunden mit den Vorwürfen des Hostienfrevels und der Blutschuldlüge, immer wieder zu Pogromen oder Ausweisungen. Die Hoffnungen auf mehr Toleranz durch Humanismus und Reformation erfüllten sich nicht - wie auch in Luthers berüchtigter Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" von 1543 deutlich wird.

Das Zeitalter der Aufklärung eröffnete neue Perspektiven. Lessings "Nathan der Weise" formulierte 1779 das Modell eines toleranten Umgangs der großen Weltreligionen. 1782 verbesserte Kaiser Joseph II. die Situation der Juden in den österreichischen Erblanden. Die Französische Revolution und Napoleon brachten auch den Juden in Gebieten des heutigen Deutschland zwischenzeitlich rechtliche Gleichstellung.

Dennoch blieb die Lage prekär. Bis weit ins 19. Jahrhundert äußerte sich eine latente Judenfeindschaft in antijüdischen Aktionen und Pogromen. Die Industrialisierung eröffnete dann erstmals mehr Freiräume. Viele Juden schafften den Aufstieg in den Mittelstand. Sie drängten in akademische Berufe, wurden Ärzte und Rechtsanwälte. Staatsdienst und Militär blieben ihnen allerdings lange verschlossen.

Mehrheitlich patriotisch gesinnt und kulturell integriert, wurden sie zu einer Kerngruppe des aufblühenden Bürgertums. 1869 erklärten der Norddeutsche Reichstag und 1871 der gesamtdeutsche Reichstag die bürgerliche Gleichstellung der Juden zum Gesetz.

Die Kehrseite war ein immer lauter werdender Antisemitismus, der sich nicht mehr nur auf religiösen Judenhass, sondern zunehmend auf vermeintliche rassische Unterschiede berief. So wandte sich Richard Wagner mit rassistischen Argumenten gegen den Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. 1878 formulierte der Historiker Heinrich von Treitschke die Formel "Die Juden sind unser Unglück".

Auch die Weimarer Republik war für Juden äußerst ambivalent. Auf der einen Seite fielen alle rechtlichen Beschränkungen. Andererseits verstärkten die Krisen den Einfluss der Antisemiten. Sie gaben Juden die Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg. "Ostjuden" und der vermeintlich große Einfluss der Juden in Kultur, Medien und Wirtschaft wurden bevorzugte Angriffsziele.

Daran knüpften die Nationalsozialisten an. Die jüdischen Bürger wurden zunehmend ihrer Existenzgrundlage beraubt, von Deportation und Vernichtung bedroht. 1933 lebten im Deutschen Reich rund 570.000 Juden. Im Holocaust wurden 180.000 von ihnen ermordet. 1950 gab es in Deutschland noch etwa 15.000 Juden. Eine Zukunft jüdischen Lebens im Land der Täter schien unwahrscheinlich.

Heute gehören wieder mehr als 100.000 Juden zu den offiziellen Gemeinden. Spitzenorganisation ist der 1950 gegründete Zentralrat der Juden. Allerdings: Antisemitische Übergriffe und Beschimpfungen haben wieder zugenommen. Jüdische Einrichtungen stehen unter Polizeischutz. Nicht erst seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, seit dem Erstarken von Rechtsradikalismus und Verschwörungstheorien und anhaltendem Islamismus beschleicht Juden in Deutschland wieder das Gefühl, existenziell bedroht zu sein.





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