Artikel Donnerstag, 06.09.2018 |  Drucken

Umweltschutz ist Bestandteil der Religionen | Interview mit Jürgen Micksch

Theologe zur Verbindung von Religion und Naturschutz - Interview von Paula Konersmann gegeben

Darmstadt/Osnabrück - Yoga im Bürgerpark, ein Ameisen-Workshop oder ein Vortrag des Klimaforschers Mojib Latif: So unterschiedliche Veranstaltungen gehören zum Programm der zweiten Religiösen Naturschutzwoche, die Anfang September in Osnabrück, Köln und Darmstadt stattfindet. Dahinter steht das Abrahamische Forum, das Religionsvertreter und Naturschützer zusammenbringen möchte. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht Geschäftsführer Jürgen Micksch über die Aktionswoche und die Schnittstellen zwischen Religion und Naturschutz.

KNA: Herr Micksch, was kann man sich unter der Religiösen Naturschutzwoche vorstellen?

Micksch: Sie hat das Ziel, religiöse Gemeinschaften und Gemeinden für die Herausforderungen im Naturschutz stärker zu sensibilisieren und Vertretungen der Religionsgemeinschaften mit Persönlichkeiten des Naturschutzes zusammen zu bringen. Anfangs war es schwierig, dafür geeignete Orte zu finden. Städte haben sich zwar beworben, dann aber festgestellt, dass die konkrete Durchführung nicht funktioniert. Zudem waren die Leute aus dem Naturschutz zurückhaltend, mit Vertretern von Religionsgemeinschaften zusammenzuarbeiten. Viele Naturschützer sind eher religionsfern eingestellt.

KNA: Offenbar sind Sie trotzdem zusammengekommen ...

Micksch: Ja, denn die Haltung hat sich schnell verändert. Ein Beispiel: Inzwischen führt der zuständige NABU-Mitarbeiter in Darmstadt regelmäßig Projekte in einer Moschee durch, zuletzt wurden Nistkästen für Vögel eingerichtet. Anfangs wurde uns gesagt, ach, jetzt wollen die Religionen auch noch in den Naturschutz hineinwirken. Inzwischen höre ich das nicht mehr. Naturschützer staunen manchmal noch darüber, dass Religionsgruppen sich dieser Fragen annehmen. Sie stellen aber schnell fest, dass die Zusammenarbeit bisher überall zu ausgesprochen positiven Ergebnissen geführt hat.

KNA: Wo sehen Sie Schnittstellen von Religion und Naturschutz?

Micksch: Religionen haben eine Geschichte im Naturschutz, die ein wenig in Vergessenheit geraten ist. In der Bibel ist genau beschrieben, wie der Mensch mit der Natur und mit Tieren umgehen soll, wie Felder zu bestellen sind. Viele religiöse Feste sind durch Erfahrungen mit der Natur geprägt. Im Christentum erkennen wir diese Spuren noch beim Erntedankfest. Beim muslimischen Noah-Fest steht der Tierschutz im Mittelpunkt. Die Juden feiern mit dem Tag des Baumes die Idee, Israel von einem verwüsteten Land wieder zu einem Land mit Grün werden zu lassen. Uns ist es wichtig, an diese Traditionen zu erinnern - und an die Verantwortung der Religionen für den Naturschutz.

KNA: Welche Rolle spielt Papst Franziskus als prominenter "Mitstreiter"?

Micksch: Seine Umweltenzyklika "Laudato si" ist veröffentlicht worden, nachdem wir mit unserem Projekt begonnen hatten - das hätte uns sonst einiges erleichtert. Aber ich bin natürlich sehr froh über "Laudato si"; der Text spielt in vielen unserer Veranstaltungen eine große Rolle.

KNA: Was macht der Arbeitskreis "Religionen und Naturschutz" jenseits der Aktionswoche?

Micksch: Insgesamt sind neun Religionsgemeinschaften bei der Arbeitsgruppe dabei, und so geht es viel um Austausch. Wichtig ist uns, dass der Naturschutz in den religiösen Gemeinden als Aufgabe wahrgenommen wird. Dazu kann die Naturschutzwoche durchaus beitragen: Ein Vorbild sind die Interkulturellen Wochen, die über die Jahre gewachsen sind - inzwischen gibt es jährlich über 5.000 Veranstaltungen an über 500 Orten. Was ursprünglich von den Kirchen begonnen wurde, hat mit dazu beigetragen, dass es die "Willkommenskultur" geben konnte. Das wünsche ich mir auch in Bezug auf den Naturschutz: dass religiöse Gemeinden dazu beitragen, die Verantwortung für den Naturschutz ernster zu nehmen.

KNA: Manche Themen, aktuell etwa das Bienensterben, stoßen auf große Aufmerksamkeit, andere haben es schwer. Was müsste sich ändern?

Micksch: Die Menschen merken: Wenn Bienen sterben, sterben irgendwann Pflanzen und auch wir Menschen. Es liegt im Eigeninteresse der Menschen, dass das Bienensterben nicht weiter fortschreitet. Auf andere Themen möchten wir bei der Aktionswoche hinweisen: zum Beispiel die Vielfalt der Vögel. Der Rückgang bei den Singvogelarten ist erschreckend. Das betrifft etwa auch Spatzen, die wir von Kindheit an kennen und mögen. Zunächst scheint es vielen Menschen nicht unmittelbar entscheidend, aber wir brauchen die Vielfalt, um als Tiere und Menschen überleben zu können.

KNA: Apropos Kindheit: Laut Berichten erkennen viele Kinder keine Gemüsesorten mehr erkennen. Ist Naturschutz eine Altersfrage?

Micksch: Das kann man sicher so sagen. Ältere Generationen sind noch in ganz anderen Zusammenhängen mit der Natur aufgewachsen. Viele Kinder, die in städtischen Gebieten leben, wissen nicht, woher die Milch kommt. Sie verbinden sie eher mit dem Supermarkt als mit Kühen und grünen Wiesen. Aber auch sie müssen lernen, wie wichtig es ist, dass wir Kühe in einer gesunden Mitwelt haben.

KNA: Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel, sieht in Ihrer Arbeitsgruppe auch eine Chance für den interreligiösen Dialog. Wie sehen Sie das?

Micksch: Das ist meine besondere Motivation als Theologe und Soziologe. Wenn wir interreligiös intensiver zusammenarbeiten und manche Konflikte überwinden wollen, dann müssen wir Themen suchen, wo wir uns gut verstehen und Gemeinsamkeiten haben. Dazu gehört der Naturschutz: Alle Religionen setzten sich seit Jahrhunderten für die Bewahrung der Natur ein. Bei uns arbeiten Religionsgemeinschaften zusammen, die bei anderen Themen nicht zu einer Kooperation bereit sind.

KNA: Zum Abschluss eine praktische Frage: Was kann jeder Einzelne für die Natur tun?

Micksch: Jeder kann in seiner Gemeinde an dem Bewusstsein dafür mitarbeiten, dass zum Beispiel Friedhöfe Orte biologischer Vielfalt sind und entsprechend gepflegt werden. Auch das Umfeld religiöser Gebäude kann bewusst gestaltet werden, etwa mit Bienenhäusern, Wildpflanzen oder Nistplätzen für Vögel. Viele Gemeinden nehmen diese Impulse sehr positiv auf - aber es ist noch viel zu tun.




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