Artikel Sonntag, 11.01.2015 |  Drucken

Totale Mitgliedschaft(en). Eine Antwort auf Peter Sloterdijk. Von Rachid Boutayeb

„Die Vernunft –die der Moderne - das ist doch die Folter“ sagt Foucault. Aber die Vernunft begnügt sich nicht mit dem Foltern, sie verbreitet auch Lügen; sie ist eifersüchtig. Peter Sloterdijk schreibt „Im Schatten des Sinai“ folgendes: „Bruch, Abgrenzung und Konversion haben gemeinsam, dass sie Aspekte einer neuartigen Kultur der totalen Mitgliedschaft darstellen“. Mit solcher Definition versucht der deutsche Philosoph das Phänomen Religion zu erfassen.  Er behauptet darüber hinaus, dass es sich bei der Moderne um eine Sakralisierung der Person handele, übersieht dabei aber die Opferung ganzer Völker und Kulturen im Namen dieser Moderne.

In Wirklichkeit handelt es sich eher um die Sakralisierung einer bestimmten Rasse; nicht unbedingt biologischer Natur, sondern vielmehr um ein auserwähltes Volk des Kapitalismus. Ist der Bürger der kapitalistischen Gesellschaft darüber hinaus frei, anders zu leben und zu denken? Kann er das überhaupt? Sind wir in der Lage, den Kapitalismus und seine „mono-mitgliedschaftlichen Lebensformen“ zu verlassen? Diese zu verlassen, gliche einem sozialen Tod; einem Tod im Leben!

Wer von uns ist diesen verlassenen, vergessenen und unsichtbaren Figuren in den Hauptstädten Europas nicht begegnet, die auf den Straßen herumirren und sich in dunklen Ecken oder unter den Brücken verstecken? Sie tragen die Leiden einer ganzen Kultur mit sich. Sagt ihr Leben nicht vieles über das Los des Menschen in der europäischen Moderne aus? Deshalb es ist sehr blauäugig, über eine Moderne, die ihre „Verweigerer alimentiert“, zu sprechen. Die Moderne ist in ihrer kapitalistischen Variante totalitär.

Die Welt wird eng. Eine Enge, die wir überall spüren. - Auch im Denken und Schreiben eines kapitalisitischen Akrobaten wie Sloterdijk. Die Dämonisierung und Ausgrenzung der Muslime ist zweifelsohne Teil der kapitalistischen Apartheid und eine ihrer Folgen, nämlich eine Form des Rassismus. Deshalb ist es nicht unangemessen, wenn Kritiker "von einer rechtsnietzscheanischen Rezeption und Aktualisierung – bei Sloterdijk- sprechen". Es handelt sich bei ihm um ein "hygienisches" Programm, das Europa von seinen Minoritäten, insbesondere von den Muslimen, zu “befreien” anstrebt.

Im bereits erwähnten Buch fragt Sloterdijk, ob man wirklich und ohne Heuchelei Muslim und Bürger eines westlichen Nationalstaates sein könne“? Hiermit hat er die Maske fallen lassen und seine wahre Gesinnung offenbart. Sloterdijk vergisst, dass wir in einer Demokratie Bürger verschiedener Welten sind. Er kritisiert unaufhörlich die Logik der Totalen Mitgliedschaft, aber gleichzeitig fordert er von den Muslimen, auf ihre eigene Religion zu verzichten. Mit anderen Worten, er verlangt von ihnen geradezu eine  Totale Mitgliedschaft, die weder prinzipiell optional noch plural ist.

Er ist zudem gar nicht bereit, über den Tellerrand hinauszublicken. Er unterzieht sich nicht der Mühe, sich mit den Inhalten des Islam intensiv auseinderzusetzen und durch eigene Lektüre zu einer eigenen Sichtweise zu gelangen, die sich von den Klischees abhebt. Diese Nicht-Bereitschaft zu ernsthafter Auseindersetzung mit dem tatsächlich oder vermeintlich Fremden drückt die Selbstgenügsamkeit eines Modernen Geistes aus, der sich bewusst oder unbewusst mit seinen Vorurteilen begnügt. Zweifelsohne steht die Totale Mitgliedschaft dem Geist der Demokratie entgegen, aber sie ausschließlich mit den monotheistischen Religionen zu identifizieren, zeugt von einer ideologischen Verblendung - die Verblendung der Moderne,  weil diese Mitgliedschaft jede Kultur beherrscht, die von der Idee ihre Superiorität und Reinheit besessen ist.

Der frühere bosnische Präsident Haris Silajdžić sah sich von anderen europäischen Politikern dem Vorwurf ausgesetzt, die Bosnier hätten asiatische Elemente nach Europa geholt. Was impliziert dieser Vorwurf? Er lässt nicht nur die Ignoranz der europäischen Kultur erkennen, sondern auch den totalitären Geist einer Moderne, die ausschließlich das Ähnliche fordert und akzeptiert, die vielmehr trotz ihres Jargons von der Demokratie, immer den Fremden als Gefahr empfindet. Fraternokratie nennte Derrida das zu recht.  

Heuchlerich ist also dieser Geist der Moderne, der im Endeffekt uns nur eine Totale Mitgliedschaft aufzwingt. Bürger einer Demokratie im Sinne Sloterdijk heißt zwangsläufig der Verzicht auf die eigene Fremdheit; die Prokrustierung des Anderen, bis er mir gleicht oder zumindest ähnelt. Von vornherein schließt Sloterdijk die Möglichkeit, Muslim und  Bürger einer Demokratie zu sein, aus. Und last but not least, gehört das Wort Heuchelei nicht zwangsläufig der Sprache dieser Totalen Mitgliedschaft an, gegen die er sich mit seiner Philosophie zu richten glaubt?!

Das Wörterbuch Duden beschreibt das Mitglied als Angehörige(n) einer Gemeinschaft, eines Familienbandes etc.. Mitglied zu sein, bedeutet per se Zugehörigkeit. In einem Wort: Schulterschluss. "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" sagte George Bush nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001. Das Präfix mit drückt diese Logik des selben aus. Ich bin mit den Anderen, ich bilde zusammen mit den Anderen eine Gemeinschaft, eine Familie, eine Gruppe; eine Begegnung im selben. In der Sprache Levinas' :"Mit, ist (…)Zusammenmarchieren”!






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