Artikel Mittwoch, 20.08.2014 |  Drucken

Dem Präsidenten der Deutsch-Arabischen Gesellschaft Peter Scholl-Latour –PSL- zum letzten Geleit. Von Harald Moritz Bock

PSL ist nicht mehr unter uns, welch Verlust! Ein Verlust für unsere Medienlandschaft, ein Verlust für Deutschland, für uns. Tiefe Trauer lähmt uns. Nein, nicht jeder ist ersetzbar. Niemand war so souverän gegenüber dem Mainstream und zugleich so treffsicher in seiner Beurteilung des Weltgeschehens. Bis zum letzten Atemzug blieb Scholl-Latour ein Neugieriger, ein Suchender, aufgeschlossen für neue Erkenntnisse und Begegnungen. Unermüdlich beim Aufspüren seismischer Veränderungen in der Tektonik des politischen Gefüges. Ich begeisterte mich für die Ereignisse auf dem Kairoer Tahrirplatz, freute mich über die neue Freiheit, das aus dem Amt Jagen des Kleptokraten Ben Ali, und die Machtverschiebungen in Arabien. Als ich mit ihm über eine neue Vision eines mare nostrum diskutierte, riet er mir, den orientalischen Teppich nicht unter den Füßen zu verlieren. Früh wusste er hinter dem Aufbegehren der syrischen säkularen Jugend die Härte des retardierenden sich an die Macht klammernden eisernen Systems, die brutalen Begehrlichkeiten der reichen Nachbarn, der Großmächte und den ewig landhungrigen Newcomer in der nahöstlichen Szene. Mit sarkastischer Verachtung kommentierte er die Rezepte westlicher NGOs zur Erweckung demokratischer arabischer Zivilgesellschaften. Mit Spott begegnete er in Talkshows den Einschätzungen deutscher Regierungsmitglieder, von denen sich viele schon nach zweimaligem Djerba-Urlaub als Arabienexperten ausgaben.  

Als ich Scholl-Latour das erste Mal persönlich begegnete, war er längst einer der ganz großen TV-Helden, WDR-Fernsehdirektor, Leiter TV Studio Paris, erfolgreicher Buchautor… Wer hatte nicht sein ‚Tod im Reisfeld‘ verschlungen. Er war wenige Monate nach seiner bravourösen Begleitung des Ayatollah Khomeini nach Teheran Gastredner im mondänen Düsseldorfer Industrieclub und erklärte den neuen Iran, in dem es der Ayatollah Sadegh Khalkhali zu grausamer Berühmtheit brachte. Geduld, im Orient müsse man den Zeitfaktor nicht mit westlichen Chronometern messen, er kenne neben den religiösen auch weitere Machzentren. Sein Buch „Allah ist mit den Standhaften“ ging kritisch und nicht gerade zimperlich mit dem irakischen Baath-Regime um, was aber den damaligen irakischen Botschafter nicht hinderte, in ihm einen sehr geschätzten Gesprächspartner zu finden. Doch von den im Westen komponierten künftigen drei Waffengängen ahnte PSL damals noch nichts. Positiv reagierte er sofort auf meine Werbung, Mitglied in der DAG zu werden. Er sei arabophil, sein Studium in Beirut ließ ihn Feuer fangen für diese Welt. Seine vielen Kontakte und Freundschaften vor allem in die Levante sowie seine vielen Vorträge und sein Werben für Arabien, für die Kulturleistungen des Orients, machten ihn zu einem großen Gewinn für uns. Im Jahr drauf wurde er Mitglied des DAG-Beirats. Versuche gewisser orientwissenschaftlicher Zirkel PSLs Fachkunde in Frage zu stellen, entlarvten sich oft als Neidimpulse von ‚Losern‘, denen der Erfolg versagt blieb. Einige von jenen gerieten in den Verdacht, für Gefälligkeiten nahöstlicher Diktatoren affin zu sein. Derartige Schatten haben PSL nie gestreift. Das betraf alle merkantilen Versuchungen in jede Richtung. Bei Vorstellung seines Werkes „Die Welt aus den Fugen“ gab er meine Frage, ob seine Mutter –wie kolportiert wird- jüdischer Herkunft sei, blitzschnell zurück: „Na und, sie hat aber keinen Beruf daraus gemacht.“

Auf vielen Auslandsreisen hatte er DAG-Delegationen in arabische Metropolen begleitet; wer sonst hätte deutschen Industriekapitänen diese Welt näher bringen können als er! 1986 leitete er eine große DAG-Gruppe nach Sana’a; per Telex hatte ich Ali Abdullah Saleh, dem jemenitischen Präsidenten, angekündigt, dass Dr. Peter Scholl-Latour die Delegation anführen werde statt des DAG-Chefs, des damaligen Staatsministers im Außenamt Jürgen W. Möllemann. Die Jemeniten wussten, ein wichtiger hochgeachteter deutscher Schriftsteller, ein homme des lettres, käme nach Sana’a. Es gab noch kein Internet, kein Google, dafür aber alte jemenitische Folianten, die Jemen Times also titelte auf Seite 1: „Dr. Luther im Jemen“.

Als wir 2011 zwei Wochen vor Ghaddafis Pfählung aus Tunis kommend teils noch ohne Visum in Misurata nachts landeten und dort endlich um 4 Uhr eine bescheidene Schlafstatt in dieser vom Krieg verwüsteten Stadt fanden, weckte uns PSL schon wieder um 7 Uhr, weil er den in seinem „Fuchsbau“ in Sirte vermuteten ‚Führer‘ aus nächster Nähe erleben wollte. Angst war ihm fremd, die Neugier trieb ihn, er könnte ja eine Entwicklung verpassen, und schließlich sei es ja doch eher langweilig, im Bett zu sterben…

Kurz vor der Reise des Papstes nach Palästina im letzten Mai hatte ich das Glück, den Präsidenten der DAG mit seiner Ehefrau Eva zur Audienz bei Franziskus im Vatikan begleiten zu dürfen zusammen mit der Botschafterin Palästinas, Frau Dr. Daibes. Seine Begegnung mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche war für PSL sichtbar ein zutiefst bewegender Moment. Der Papst versprach seinen Beistand für PSLs Petition zur Einrichtung von UN-Schutzzonen für die Millionen syrischer Flüchtlinge. Scholl sprach mit Franziskus über die bedrohte Situation der Christen im Orient, zu denen er seit seinem Studium im Libanon enge Freundschaften pflegte. PSL, der gern mit muslimischen Geistlichen über die letzten Wahrheiten respektvoll diskutierte, hatte niemals die großen Kulturleistungen des Islams in Frage gestellt. Solche Modeerscheinungen machte er nie mit. Bitter für ihn, den man als Unke der Nation verspottete, dass seine schlimmsten Warnungen sich grausam bewahrheiten. Große Trauer überschattet uns. Mit Eva, deren Lebensinhalt Peter war, die stets Quell seiner Energien für sein Werk und seine weltumspannenden Ziele war, empfinden wir den Schmerz unmittelbar. Ihr gilt unser ganzes Mitgefühl.




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