Newsnational Freitag, 06.09.2013 |  Drucken


Prüfstand Dialog im Angesicht der Gewalt in Syrien und im Nahen Osten

Wann, wenn nicht jetzt können Christen und Muslime in Deutschland beweisen, ob der Dialog ernsthaft und nachhaltig ist. Die Weltmächte haben versagt. Versagen die Gläubigen jetzt auch?  – Von Aiman A. Mazyek

In der letzten Woche riefen die Moscheegemeinschaften in Deutschland zum Freitagsgebet auf, für die Getöteten, für die Verletzten, zu Unrecht gefangen genommenen und verfolgten Menschen und ihre Angehörigen in Ägypten und Syrien und überall auf der Welt zu beten und zu spenden. Sie baten Gott, dass Frieden und Gerechtigkeit in Ägypten, Syrien und im gesamten Nahen Osten einkehren möge. Dabei forderten sie die Respektierung der Menschenrechte und Wiederherstellung der Demokratie, insbesondere in Ägypten, auf die die Weltgemeinschaft so große Hoffnung gesetzt hat.

Es ist eine Schande, dass in Ägypten Gotteshäuser angegriffen worden sind. Kirchen wurden angezündet, die Moschee Rabia-Al-Adawaia z.B. in Kairo wurde angesteckt und brannte völlig aus. Es ist sicherlich ein gutes und wichtiges Zeichen, dass es inzwischen in Ägypten Bürgerwehre gibt, die sich schützend vor Kirchen und Moscheen stellen. Aber die ägyptische Ordungsmacht und das Militär muss in erster Linie sofort und unmissverständlich den Schutz der Gotteshäuser gewährleisten und die Integrität wieder herstellen.

Im Koran verspricht Gott diejenigen beizustehen, die glauben und ihre Religion nicht verraten. Er räumt denjenigen ein, denen Unrecht zugefügt worden ist, dass sie sich verteidigen können. Im Vers 44, Sure 22 beschreibt der Koran dieses Unrecht im Kontext der Unversehrtheit der Gotteshäuser sehr genau: „Ihnen, die zu Unrecht aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden, nur weil sie sagen: Unser Herr ist Gott. Und wenn Gott nicht die einen Menschen durch die anderen abgewehrt hätte, so wären fürwahr Mönchsklausen, Kirchen, Bethäuser und Gebetsstätten zerstört worden, in denen Gottes Name häufig genannt wird. – Und Gott wird ganz gewiß denjenigen helfen, die Ihm helfen…“

Die Gläubigen und Anhänger aller Religionen sind aufgefordert, solidarisch füreinander einzustehen und sich von der Kraft der Versöhnung und des Friedens, die in der Religion inne wohnt, leiten zu lassen. Juden, Christen und Muslime dürfen sich nicht vom Gift der Unmenschlichkeit und der barbarischen Zerstörungswut anstecken lassen und müssen diesem die Kraft der Vernunft und des Friedens entgegensetzen. In der Sure 2, Vers 62 heißt es: „Gewiß, diejenigen, die glauben, und diejenigen, die dem Judentum angehören, und die Christen und die Ṣābier – wer immer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und rechtschaffen handelt, – die haben ihren Lohn bei ihrem Herrn, und keine Furcht soll sie überkommen, noch werden sie traurig sein.“

"Auch vor dem Hintergrund des Totalversagen der Großmächte, welches beim G20 Gipfel in Petersburg wieder deutlich wurde ist diese Geste des Oberhauptes der Katholiken so wichtig"

Muslime und Christen sollen auch in Deutschland gerade in dieser Zeit die gemeinsamen Wurzeln und Werte deutlich machen und im christlich-muslimischen Dialog ein Zeichen der Eintracht setzen. Wann, wenn nicht jetzt? Der Papst ruft morgen die Christen zu einem Fasten- und Bettag für die Menschen in Syrien auf. Ein gutes Zeichen, ein wichtiges Signal.

Auch vor dem Hintergrund des Totalversagen der Großmächte, welches beim G20 Gipfel in Petersburg wieder deutlich wurde ist diese Geste des Oberhauptes der Katholiken so wichtig. Denn trotz 2 Jahre brutalem Krieg des Regimes gegen die Bevölkerung, trotz über 6 Mio Flüchtlinge, trotz über 100.000 Tote und einer halben Mio Verletzten und schließlich trotz des nicht ersten Giftgasanschlages von Assad gegen seine eigene Bevölkerung mit über 1500 Tote, findet die Weltgemeinschaft keine politische Lösung?! Eine Schande für uns alle. Wie lange wollen wir als gläubige Juden, Christen, Muslime, ja auch als Buddhisten, Hindus und auch Humanisten da noch zugucken? Wie lange wollen wir unseren Friedensauftrag ignorieren?

(Originalfassung und erstveröffentlicht als Radiobeitrag im SWR am heutigen Tag, 06.09.13)



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