Artikel Mittwoch, 10.04.2013 |  Drucken

Kein menschliches und gesellschaftliches Leben Über den Besuch in dem Freiluftgefängnis GAZA

Was wirklich hier geschieht, wurde mir klar, als ich mit einem Freund vom amerikanischen Katholischen Hilfsdienst (CRS), Matt Mc Garry, vor dem entscheidenden einzigen Zugang zum Gaza Streifen stand. Das ist ein völlig überdimensioniertes Gebäude, so groß wie bei einem mittleren Flughafen, aus Beton und Eisen in die Landschaft gehauen. Erez im Norden des Gaza Streifens. Und dann gibt es noch den Zugang Rafah im Süden nach Ägypten. Dort gibt es aber bisher nur die sog. Tunnelübergänge, hunderte von Tunneln, die die Wirtschaft anheizen, weil sich eine Gruppe von Kriegs- und Katastrophengewinnern daran bereichert. Und die sog. Hamas Regierung nichts dagegen unternimmt.

Ein einfacher Tourist aus Australien stand dort und fragte Matthew Mc Garry, den US-Amerikaner aus Baltimore, und mich, wie er da hinter diesen Betonwall kommen könne? Und wir mussten ihm sagen: Gar nicht. Man kommt nicht eigentlich in den Gaza Streifen. Ich hatte meinen Besuch mit der Passkopie und dem Lebenslauf und einem schriftlichen Antrag über die US-Organisation im Dezember 2012 eingeleitet. Jetzt am 4. März wurde mir nach einer halben Stunde gesagt: „go ahead!“

Das Gebiet ist nicht deshalb ein Gefängnis, weil die Menschen da in Ketten liegen, sondern weil sie sich nicht wirtschaftlich und sozial bewegen dürfen. 60 Prozent der Bevölkerung ist – wie die UNO sagt – „food insecure“. Das heißt, sie leben von den milden Gaben, die nach Gaza von der internationalen humanitären Kommunität hineinkommen. Aber, um etwas aufzubauen, muss man die Hilfsgüter durch den Tunnel einführen. Der Karni LKW-Zugang ist im Grunde gestoppt, über den man von Israel Hilfsgüter und Materialien einführen konnte.

Die Tunnel sind mittlerweile so groß, dass man auch Solar-Panel einführen kann, aber sie sind dann natürlich doppelt so teuer. Es gibt jetzt eine erste Anlage von 20 KW, die auf einem Hospital aufgebaut wurde, es gibt die Fachleute in Gaza, man könnte dort eine blühende Industrie in alternativer erneuerbarer Energie aufbauen, man könnte eine Fischindustrie in der Verarbeitung von Fisch aufbauen, wenn, ja wenn das Gebiet nicht dadurch besetzt wäre, dass es von allen Seiten her nicht erreichbar und nicht zu verlassen ist. Es leben jetzt 1,6 Mio. Menschen in Gaza. Im Jahre 2020 sind es 2.13 Millionen, also 500.000 mehr als heute. Die Bevölkerungsdichte ist größer als in Hongkong, nämlich 5835 Menschen pro Quadratkilometer. Die Wasserproduktion über den Aquifer wird demnächst unbrauchbar und nicht zu benutzen sein, es werden für Gaza und seine riesengroße Bevölkerung 260 Mio. Kubikmeter gutes Wasser nötig sein, das ist eine Steigerung der Produktion um 60 Prozent. Für diese um eine halbe Mio. angestiegene Bevölkerung wird man 250 zusätzliche Schulen und 800 zusätzliche Krankenhausbetten brauchen, sowie 1000 zusätzliche Ärztinnen und Ärzte und 2000 Krankenschwestern.

Das steht da alles in dem UN-Bericht unter dem fragenden Titel: Wird dieses winzige Gebiet „ein lebensfähiger Platz“ bleiben? Die Frage, die sich der Besucher stellt ist: Ist er heute noch ein lebensfähiger Platz?

Ich traf mit dem in Deutschland bekannten PLO-Politiker Abdallah Frangi in Gaza Stadt zusammen, wir waren zufällig beide hier. Frangi stammt aus Gaza, ein winziger Fortschritt: Er konnte sich in Gaza bewegen. Es gab ja zwischen den Parteien 2009 schon richtige Kämpfe - sehr zum Entsetzen der Bevölkerung. Die Entwicklung in den Arabellion-Staaten Ägypten, Tunesien, Libyen sei nicht dazu angetan, auf die Hamas Administration Druck auszuüben, sagt Frangi. Der Scheich von Katar, der hier fast so etwas wie einen Staatsbesuch gemacht hatte, will nicht, dass das Gebiet sich unabhängig von der Westbank entwickelt. Frangi sagte mir, die Bevölkerung empfinde das als schlecht, dass die Palästinensische Befreiungsbewegung mit zwei Stimmen aus zwei Hauptstädten agiere. Aber die Hamas hat im Moment Oberwasser durch die guten Beziehungen zu den Muslim-Brüdern in Ägypten und Tunesien.

Alles, was ich erlebte, ist absurd. So hat die EU für den Aufbau eines Riesenhotels gesorgt mit ihren Geldern: das Arcmed-Hotel hat 250 Zimmer. Das liegt da wie ein Palast an der wunderschönen Gaza Beach. Aber es sind am nächsten Morgen beim Frühstück gerade mal fünf Leute, die hier geschlafen haben. Der deutsche Diplomat aus Ramallah vom Vertretungsbüro sagt mir, die Diplomaten der EU würden da immer leben und wohnen, wenn sie auf Gaza wären.

Das Hospital braucht die Einnahmen von fünf Zimmern a 100 US-Dollar, um allein die Generatoren zu bezahlen. Kurz: Es gibt hier kein richtiges Leben im falschen. Es ist alles falsch, wenn man eine solche Masse an Bevölkerung, an gut ausgebildeten Leuten (es gibt immerhin zwei Universitäten hier) eingesperrt lässt. Das kann auch nicht gut gehen.

Beim Rückweg wird mir klar, dass Israel diese Politik nicht aufrechterhalten kann. Es geht gar nicht um Hamas oder Fatah, es geht um eine Anerkennung der Palästinenser und ein gutes Verhältnis zu den Arabern.

So, wie man die wenigen in Erez herauslässt, das erfüllt den Tatbestand der manifesten zu bestrafenden Demütigung. Eine Stunde geht der Besucher durch einen überirdischen Tunnel, dann folgt er Lichtern, bei grün muss er das Tor zur nächsten Schranke aufstoßen, er muss sein ganzes Gepäck aus dem Rucksack in eine Wanne legen, die er auf ein Transportband hebt. Er sieht bis zum Ende niemanden, keinen Menschen. Doch kurz vor der Passkontrolle gibt es noch die Röntgenschleuse, zu der man über einen Lautsprecher angewiesen ist, die Hände hochzuheben, die Füße, wie in einem Zoo auf zwei ausgewiesene Stehmarken zu setzen. Dann erst sehe ich wie in einem Theater: In der zweiten Etage beobachten uns und unsere durchleuchteten Körper Beamte des Israelischen Sicherheitsdienstes, kommen uns aber nicht als Menschen und auf gleicher Ebene nah: Nur ja nicht.

Das junge Mädchen, das meinen Pass nach 48 Stunden wieder vornimmt, muss mich fragen, was ich auf Gaza gemacht habe: Ich sage, ich war auf der Schule des Lateinischen Patriarchats und habe den argentinischen Father Georges getroffen, der dort eine Pfarrei von über 1000 Christen leitet.Fragt mich die Dame: „Why?“
Darauf fiel mir nichts mehr ein. Ich schwieg, sie lächelte. Dann wollte ich lachen, aber ich konnte es nicht. Sie donnerte den Gaza Erez Stempel in meinen Pass. Immerhin: Ich hatte nach einer Stunde einen Menschen gesehen beim Durchgang durch diese Gefängnisschleuse.(Rupert Neudeck)




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