Artikel Donnerstag, 14.02.2013 |  Drucken

Berlinale-Film „Gold“ des Deutsch-Türken Thomas Arslan - Migration in eine andere Richtung

Bei der diesjährigen Berlinale, der 63., läuft im Wettbewerb der deutsche Film „Gold.“ Mitwirkende sind u. a. Nina Hoss, Marko Mandic, Uwe Bohm, Peter Kurth und Lars Rudolph. Thomas Arslan führt die Regie und schrieb das Drehbuch. Der Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter hat das Thema Migration in den Vordergrund seines Filmes gestellt. Aber diesmal geht es um Auswanderer aus Deutschland.

„Gold“ versetzt uns in das Jahr 1898. Eine kleine Gruppe deutscher Einwanderer will in Kanada auf den neuentdeckten Goldfeldern in Dawson das große Glück suchen. In einem Kaff mit dem Namen Ashcroft endet die Bahnlinie. Von hier aus geht es mit ganz wenigen Habseligkeiten mittels Packeseln, Pferden und einem Planwagen ins 2.500 Kilometer entfernte Dawson.

Die Reise ist eine Strapaze. Der Traum vom großen Glück und Reichtum in einem anderen Land erweisen sich als Herausforderung und endet für einige Teilnehmer in einer Katastrophe. Die Wildnis in der neuen Heimat ist unbarmherzig zu Mensch und Haustier. Jeder hatte seine eigenen und sehr persönlichen Gründe, nach dem verheißungsvollen Gold zu suchen.

Der Geschäftsmann Wilhelm Laser (Peter Kurth) leitet gegen Bezahlung die Gruppe und erweist sich im Laufe der beschwerlichen Reise als ein Scharlatan. Er hatte nur im Sinn, die eigenen Landsleute auszunehmen. Emily Meyer (Nina Hoss) lebte schon als deutsche Auswanderin in Chicago. Sie verdiente sich für ein mieses Gehalt als Kindermädchen bei reichen Leuten ihr Geld. Nachdem ihre Ehe in die Brüche ging, will sie einen Neustart in Dawson in Angriff nehmen. Joseph Rossmann (Lars Rudolph) lebte als Deutscher mit Frau und Kindern schon einige Zeit in New York.

„Wir haben nur ein Zimmer. Es ist sehr dunkel in der schäbigen Behausung. Auch am Tag müssen wir das Licht brennen lassen. Die Kinder sind dauernd krank. Den Husten werden sie in der feuchten Wohnung nicht los“, teilt Rossmann den Reisegefährten mit. „Ich muss Gold finden. Ich muss doch meiner Familie etwas Besseres bieten als ein feuchtes und stets dunkles Zimmer in New York.“ Mehrmals am Tag greift er zu einem Foto, das die gesamte Familie Rossmann zeigt. Mit sehnsuchtsvollen Augen blickt er dann auf Frau und Kinder.

Man fragt sich: Kennen die typischen Gastarbeiter, die bereits in den 50er Jahren nach Deutschland kamen, diese Problematik nicht auch? Da gibt es Leute, die ihnen das schwer erarbeitete Geld wegnehmen wollen, so wie es bei der deutschen Auswanderergruppe der Betrüger Laser versucht. Emily ist Dienstmädchen, mehr ist „nicht drin.“ So wie für hunderttausende Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Portugal, Jugoslawien und der Türkei es in Deutschland nur Jobs am Band, als Kellner und als Putzfrauen gab und immer noch gibt.

Die traurigen Worte von Rossmann mit dem einen feuchten und dunklen Zimmer in New York hätten Antonio aus Palermo und Ali aus Anatolien bestätigen können, als sie einst in Deutschland in den 50er und 60er Jahren auf Wohnungssuche gingen. Die komfortablen Wohnungen hielt man für Einheimische bereit. Der Gastarbeiter hat bitteschön ins Ghetto zu gehen oder wohnt mit mehreren Kollegen im Männerwohnheim der Fabrik. Die überteuerte Miete hält man gleich vom Lohn ein.

Im Laufe der Zeit sind auch hunderttausende Deutsche ausgewandert. Es war ihnen hierzulande zu eng; sie lebten in bitterster Armut und sie wollten alle den Traum vom besseren Leben für sich und ihre Kinder verwirklichen.

Eines unterscheidet den deutschen „Gastarbeiter“ vom  später nach Deutschland ziehenden Gastarbeiter. Kein Kanadier hatte 1898 zu den Deutschen gesagt: „Bitte kommt zu uns.“ Deutschland dagegen hat große Anwerbeprogramme für die Türkei und anderen Ländern aufgestellt. Arbeitgeberverbände, Industrie-und Handelskammern und Wirtschaftsverbände haben Arbeitskräfte gesucht. Da grüßt die aktuelle Zeit mit dem Facharbeitermangel.

Regisseur Arslan zeigt deutlich die Schicksale der Betroffenen. Niemand reist in den Urlaub und kommt braungebrannt zurück in seine Heimat. Menschen brechen auf, manche zerbrechen bei diesem Aufbruch. Sinnbild dafür in „Gold“ ist eine Szene, wo eine deutsche Reisegruppe schockiert mitansehen ussten, wie ein Toter an einem Baum hängt. Ein Glücksritter hatte aufgegeben und sich das Leben genommen. An seinem Bein befestigte er noch einen Brief. Er bittet den Finder, den Brief an Frau und Kinder zu senden. Man möge ihm verzeihen. Er hat es nicht geschafft, in der Ferne das Glück zu finden.

Thomas Arslan, der „deutsch-türkische Regisseur“, zeigt uns eindringlich, was es bedeutet, Heimat und Familie aufzugeben;  nicht alle schaffen es bis ans Ziel. Großes „deutsch-türkisches“ Kino auf der deutschen Berlinale. Ein Film, der kein Western ist, sondern unter die Haut geht. (Volker-Taher Neef, Berlin)



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