Artikel Samstag, 28.01.2012 |  Drucken

Muhammad Sameer Murtazas „Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie“ - Eine Buchbesprechung von Christian Wolff

Versachlichung statt Polarisierung und Angstmacherei

Der „Arabische Frühling“ hat die Staaten des Nahen Ostens prominent in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Bis 2011 vom Westen unterstützte Machthaber wurden beispielsweise in Tunesien und Ägypten von breitenwirksamen Protestbewegungen zum Rücktritt gezwungen. Mit dem Sturz der autoritären Regime in Tunesien, Libyen und Ägypten stellt sich die Frage nach der zukünftigen Form von Staat und Herrschaft im Nahen Osten. Immer öfter wird in der Diskussion um die Ausgestaltung neuer demokratischer Regierungssysteme und -praktiken auch nach der Rolle von Kräften aus dem Spektrum des Politischen Islam gefragt, da diese über eine sehr breitenwirksame Verankerung in den Gesellschaften verfügen. Dementsprechend stieg in der jüngeren Vergangenheit auch das wissenschaftliche Interesse in der Beschäftigung mit dem Politischen Islam.

Muhammad Sameer Murtaza leistet mit seiner Arbeit „Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie“ einen Beitrag im Sinne einer „Versachlichung statt Polarisierung und Angstmacherei“ (S. 7). Murtaza stellt zu Beginn klar, dass sein Werk als „sachlich und deskriptiv“ (S. 9) zu betrachten sei und stellt drei Gesichtspunkte – Milieubeschreibung, Staatstheorie und Radikalität – als Leitmotive seiner Analyse dar (S. 7f.). Seine sieben Kapitel umfassende Arbeit stützt sich unter anderem auf empirisches Material aus einer länger zurückliegenden Feldforschung in Ägypten aus dem Jahr 2005. Die historisch-deskriptive Vorgehensweise Murtazas ist geprägt von dem Versuch die geschichtliche Aufarbeitung mit der Diskussion islamisch-religiöser Begriffe zu verknüpfen. Dieser Ansatz ist es auch, der die Struktur der Arbeit konfus erscheinen lässt. Ein Beispiel hierfür stellt die historische Fokussierung auf Hasan al-Banna und Sayyid Qutb dar, die eher in einer relativierenden Interpretation, als in ihrer inhaltlichen Schärfe präsentiert werden. Umfassend beschreibt Murtaza den historischen Hintergrund, der maßgeblich zur Entwicklung der Bruderschaft beitrug und den er mit der Formel vom „Niedergang der muslimischen Welt“ betitelt (S. 11ff.). Beginnend mit der Zerstörung Bagdads durch die Mongolen 1258 und die Reconquista in Spanien 1236 spannt er in sehr schnellen Schritten den Bogen zur Eroberung Ägyptens durch Napoleon 1798 und bindet hier bereits die Salafiyya als Bewegung in seine Studie mit ein. Kritisch ist in Bezug auf die Salafiyya, dass dieser Begriff übergreifend für alle Strömungen des politischen Islam verwendet wird und Murtaza sich nicht tiefer mit den Theorien Mohammad Abduhs und Al-Afghanis befasst.

Der Auseinandersetzung der beiden bis heute einflussreichsten Akteure und Ideologen der Muslimbruderschaft, Hasan al-Banna (Gründer der Bruderschaft – 1906 bis 1949) und Sayyid Qutb (1906 – 1966), mit der europäisch kolonialen Moderne, welche in die durch das Spannungsfeld von religiösem Traditionalismus und Spiritualismus sowie aufgeklärtem Rationalismus geprägte Lebenswirklichkeit Ägyptens jener Zeit Einzug hält, widmet sich Murtaza leider nur am Rande. Die Fokussierung auf den ersten Leitbegriff „Milieubeschreibung“ gelingt deshalb nicht in Gänze. Die Analyse der Staatstheorie der Muslimbruderschaft orientiert sich im Wesentlichen auf die Untersuchung der Theorie des islamischen Staates bei Sayyid Qutb. Den islamischen Staat Sayyid Qutbs jedoch als reinen „Verwaltungsstaat“ zu bezeichnen lässt die utopische Relevanz des Qutbschen Gedankengebäudes zu sehr in den Hintergrund treten. Der islamische Staat, den Qutb etabliert sehen möchte und den er unter Zuhilfenahme und einer Neudefinition des Jahiliyya-Begriffs von aller Staatlichkeit in der arabisch-islamischen und der westlichen Welt abgrenzt, zielt auf eine gottesfürchtige Gesellschaftsordnung ab, die – wie Murtaza richtig beschreibt – keiner menschlichen Führung, aber eben auch keiner menschlichen Verwaltung bedarf, sondern dem von Gott direkt offenbarten Gesetz (Sharia) unterstellt ist. Der Mensch ordnet sich also unmittelbar Gott unter.

Blickwinkel Murtazas scheint von einem europäisch-westlichen Demokratiemodell geprägt zu sein

Diese Utopie liegt radikalisiertem Denken zu Grunde, auch wenn religionshistorische Bezüge auf orthodoxe Splittergruppen wie die Kharijiten bei der Motivation und Identifikation radikaler Bewegungen eine bedeutende Rolle spielen (unter anderem S. 202ff.). Murtaza stellt die Salafiyya als Oberbegriff dar und unterscheidet schließlich literalistische, reformistische, ideologische und literalisitisch-politische Gruppen (S. 27ff.). Um die erste ideologische Sollbruchstelle der Muslimbruderschaft historisch zu bearbeiten, wäre jedoch eine theoretische Einordnung der im Zusammenhang mit dem Gesichtspunkt „Radikalität“ benutzten Begriffe sinnvoll gewesen. Islamismus, Post-Islamismus, Fundamentalismus und politischer Islam sind sicherlich nur unzureichend in den Kategorien Murtazas gefasst. Ein weiterer Kritikpunkt ist die nur auf knapp vier Seiten diskutierte Auseinandersetzung zwischen Sayyid Qutb und Hasan al-Hudaybi. Letzterer konnte mit dem ihm zugeschriebenen Werk „Prediger, nicht Richter“, welches als indirekte Antwort auf die „Meilensteine“ Sayyid Qutbs zu verstehen ist, maßgeblich zur De-Radikalisierung der Muslimbruderschaft beitragen. Hingegen überzeugt Murtaza in der Rezeption der innerorganisatorischen Vorgänge um die Amtsübernahme Al-Hudaybis sowie der Abschaffung des militärischen Apparates. Der Gesichtspunkt der „Staatlichkeit“ verschwindet leider hinter der Diskussion von Sayyid Qutb und der eher historisch orientierten Abhandlung der nach Hasan al-Banna folgenden Führer der Muslimbruderschaft. Zwar wird der ideologische Wandel und die Hinwendung zu demokratischen Regierungsformen sichtbar gemacht, der Blickwinkel Murtazas scheint aber leider von einem europäisch-westlichen Demokratiemodell geprägt zu sein. Genau dies ist auch wesentlicher Kritikpunkt an der Studie, die doch den Eindruck erweckt, einen relativierenden Argumentationsweg zu beschreiten, der die Muslimbruderschaft mit den Begriffen moderat oder gemäßigt in Verbindung bringen soll.

Es besteht sicherlich kein Zweifel daran, dass die Muslimbruderschaft gerade in den Jahren seit ihrer ersten Teilnahme an Parlamentswahlen 1984 zur wichtigsten oppositionellen Kraft in Ägypten geworden ist und dass besonders die Frage der Parteiwerdung interne Konflikte und Abspaltungstendenzen erzeugt hat, die eine Reformation ihrer Ideologie ermöglichten. Ebenso kann davon ausgegangen werden, dass die Muslimbruderschaft wohl seit ihrer Gründung ihre missionarischen Ziele mit friedlichen Mitteln erreichen wollte und auch in ihrem Staatsverständnis auf religiöse Toleranz Bezug nimmt. Es ist jedoch nicht anzunehmen, dass die Muslimbruderschaft sich „entideologisieren“ (S. 250) wird, wie Murtaza dies in seinem Fazit erklärt. Hier wäre eine Vertiefung der Konflikte, die sich zum einen zwischen der Gründergeneration und der so genannten Generation der 1970er-Jahre entfaltet haben und zum anderen zwischen der Generation der 70er und einer heute ca. 20-30-jährigen Mitgliederschicht sicherlich zu debattieren gewesen. Ebenso fällt die Parteiabspaltung von der Muslimbruderschaft in den 1990er-Jahren mit der Hizb al-Wasat (Partei der Mitte) völlig aus dem Sichtfeld des Lesers, da Murtaza sich zu sehr auf die radikalen Abspaltungen und die Frage nach der Nähe oder Distanz zwischen der Muslimbruderschaft und extremistischen Organisationen versteift.

Murtazas Arbeit bietet eine Brücke zwischen populärwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Literatur und kann als Einstiegslektüre in die Beschäftigung mit der Muslimbruderschaft empfohlen werden, da sie auch islamwissenschaftliche Begriffe in Kürze verständlich erklärt und somit die Lektüre auch ohne entsprechendes Hintergrundwissen möglich ist Die fehlende Kernthese, der rein historisch-deskriptive Ansatz sowie die fehlende Besprechung der gängigen wissenschaftlichen Literatur relativieren allerdings den analytischen Mehrwert.

Christian Wolff: Rezension zu: Murtaza, Muhammad Sameer: Die ägyptische Muslimbruderschaft. Geschichte und Ideologie. Berlin 2011,

Erstveröffentlichung in: H-Soz-u-Kult, 20.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-205>.




Wollen Sie einen
Kommentar oder Artikel dazu schreiben?
Unterstützen
Sie islam.de
Diesen Artikel bookmarken:

Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Folkd Google Bookmarks
Linkarena Mister Wong Newsvine reddit StumbleUpon Windows Live Yahoo! Bookmarks Yigg
Diesen Artikel weiterempfehlen:

Anzeige

Hintergrund/Debatte

IFIS&IZ veranstaltete wissenschaftliche Fachtagung zu „Salafismus in Deutschland“
...mehr

Verhältnis zwischen Religion und Staat - Zwischen "Verteufelung und unkritischer Verherrlichung" benötigten Islam und Muslime vor allem Fairness
...mehr

ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek im Kuratorium des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft aufgenommen
...mehr

Muslim-Sein und Deutsch-Sein sind keine Gegensätze, sondern gelebte Normalität für Millionen Menschen in Deutschland.
...mehr

Wenn Stereotypen die gesellschaftliche Auseinandersetzung ersetzen – von Storchs Forderungskatalog zu Muslimen
...mehr

Alle Debattenbeiträge...

Die Pilgerfahrt

Die Pilgerfahrt (Hadj) -  exklusive Zusammenstellung Dr. Nadeem Elyas

88 Seiten mit Bildern, Hadithen, Quran Zitaten und Erläuterungen

Termine

Islamische Feiertage
Islamische Feiertage 2015 - 2019

Tv-Tipps
aktuelle Tipps zum TV-Programm

Gebetszeiten
Die Gebetszeiten zu Ihrer Stadt im Jahresplan

Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben

Marwa El-Sherbini: 1977 bis 2009