Artikel Montag, 21.06.2010 |  Drucken

Benjamin Idriz:Theologische Ausbildung an nichtstaatlichen Hochschulen VORAUSSETZUNGEN UND CHANCEN

Benjamin Idriz, Imam der islamischen Gemeinde Penzberg und Vorsitzender des Zentrums für Islam in Europa – München ZIE-M hielt zum Kongress des Wissenschaftsrates vor einigen Tagen den Vortrag „Vielfalt der Religionen – Theologie im Plural“. Mit seiner freundlichen Genehmigung drucken wir hier den vollständigen Vortrag ab:

Der Vorstoß des Wissenschaftsrates vom Januar dieses Jahres hat nicht nur die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit auf sich zu lenken vermocht, sondern auch die der islamischen Welt. Eine Meldung über die Entdeckung von Erdölreserven in Deutschland hätte vielleicht kein so großes Echo dort ausgelöst. Der Erfolg solcher akademischer Zentren wird jedoch maßgeblich von einem Geist der Erneuerung abhängen, welcher von muslimischen Wissenschaftlern und Institutionen ausgehen muss.
Um nun zum eigentlichen Thema dieses Panels heranzuführen, erscheint es mir unerlässlich, grundsätzliche Voraussetzungen für einen solchen „Geist der Erneuerung“ zu klären.

Die Wurzeln der islamischen TheologieDer Prozess der Offenbarung des Korans, der auch die erste Entwicklungsphase der islamischen Theologie ist, berücksichtigte stark die sozialen Bedingungen, die in der arabischen Gesellschaft vorherrschten. Das heißt, die Offenbarung fiel nicht nur vom Himmel herab, sondern sie wuchs auch vom Boden hoch. Gott sprach zu den Arabern nicht nur in ihrer Sprache, sondern Gott bediente sich auch ihrer Kultur und Denkweise. Der erkenntnistheoretische Inhalt des Gotteswortes war ebenso göttlich wie menschlich. Neben dem Koran galt es auch das Wort des Propheten, die Sunna, zu achten. Diese Worte waren, soweit sie zur Verkündigung der Religion dienten, von universeller Gültigkeit, doch Muhammads Lösungen für die sozialen und politischen Fragen seiner Gesellschaft, also die Scharia, sind historisch bedingt.

Wenn in Europa und hier, in Deutschland eine islamische Theologie auf die Beine gestellt werden will, so muss die klassische Theologie zugunsten einer anthropologischen Theologie zurücktreten. Obwohl der Koran die Offenbarung, also Gottes Wort, ist, handelt er im Grunde vom Menschen.
Es muss darum gehen, eine Verbindung zwischen der Lehre und der aktuellen Wirklichkeit herzustellen, eine auf die Bedingungen unserer Zeit passende Antwort auf die Frage zu finden, was Gott gemeint hat, statt zu wiederholen, was Gott gesagt hat. Es geht darum, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, da die Offenbarung kein Selbstgespräch war, sondern sich an den Menschen richtete.

1. Das vertikale Verhältnis zwischen Gott und Mensch durch ein horizontales ersetzen

Als das erste Gebot des Korans, »Lies!« verkündet wurde, gab es noch keinen zu lesenden Text. So war damit eher gemeint: Versuche zu verstehen! – verstehen, was Gott sagen will. Da Gott dem Menschen etwas von seiner eigenen Seele eingehaucht hat (Koran, 15/29) ist der Mensch dasjenige Wesen, das Gott am nächsten steht, das am wertvollsten ist. Der vorzüglichste Ort, Gott zu erkennen, ist das Gewissen des Menschen. Also besteht zwischen Gott und Mensch kein vertikales, sondern ein horizontales Verhältnis. Gott darf nicht als ein Wesen angesehen werden, das auf den Menschen von oben, aus höchster Höhe herabsieht, sondern als eines, das neben dem Menschen steht, in ihm und mit ihm zusammen ist. Für den Menschen ist Gott keine zu fürchtende Obrigkeit, sondern ein Freund, bei dem der Mensch Zuflucht vor seinen Ängsten sucht; für Gott ist der Mensch ein Partner, mit dem er die Welt aufbaut. Gott offenbart dem Menschen also keine fertigen Antworten, sondern er zeigt ihm Beispiele aus einer bestimmten gesellschaftlichen Wirklichkeit und verlangt von ihm, dass er daraus Schlüsse zieht und dadurch sein Bewusstsein schärft.

2. Das vertikale Verhältnis zwischen Text und Vernunft durch ein horizontales ersetzen

Bevor Gott in historischer Reihenfolge die heiligen Texte offenbarte, hatte er bereits den Menschen und seine Vernunft erschaffen. In dieser Hinsicht geht die Vernunft dem Text voraus, denn sie ist schöpfungsgeschichtlich näher beim Menschen. Daher muss auch bei jeder Begründung die Vernunft als Bezugsrahmen den Vorrang haben.
In der islamischen Geschichte haben texttreue Dogmatiker die Vorherrschaft in der Theologie errungen. Sie verteufelten im Namen der Herrschaft des Textes die Realität und die Vernunft, sodass die islamische Kultur in eine Erstarrung geriet. Doch es ist ohne Vernunft nicht möglich, einen Text zu verstehen, geschweige denn, seinen tieferen Sinn zu ergründen. Daher muss die Vernunft in künftiger Arbeit an Texten den vorrangigen Platz bekommen, wenn es um die Quellen und Argumente geht. An zweiter Stelle kommt gleich die Überlegung, welchen Zweck und Ziel die Texte einmal hatten.

Nach der von Schatibi (1338) entwickelten Theorie der „Ziele der Scharia“ (makasid-usch scharia) ist es das Hauptziel des islamischen Rechts, folgende fünf Grundrechte zu schützen und zu erhalten: Glaube, Leben, Vermögen, Nachkommen und Vernunft. Hier handelt es sich im wesentlichen, modern ausgedrückt, um die Grundrechte und freiheiten der Menschen. Wir müssen die religiösen Texte im Einklang mit diesen fundamentalen Zielen interpretieren, um sie für unsere Gegenwart fruchtbar zu machen. Daher müssen Bestimmungen zur Zeugenschaft der Frau, Regelung der Erbschaft und zu bestimmten Strafen (Handabschneiden bei Diebstahl, Bastonade bei Ehebruch usw.) im Sinne dieser Ziele und der Rechtsprechung revidiert werden. Texte, die solche Bestimmungen enthalten, sind nicht buchstabengetreu zu befolgen, sondern sie müssen im Hinblick auf ihre Zielsetzung und im Einklang mit der Natur des Menschen interpretiert werden. Denn die Scharia ist nicht dem menschlichen Gewissen übergeordnet, sondern beide ergänzen sich gegenseitig. Es darf keine religiöse Bestimmung geben, die das Gewissen nicht akzeptieren kann.

Nach diesem Grundsatz wird ein Rechtsverständnis, das die o.g. fünf Grundziele der Scharia (Schutz von Glaube, Leben, Vermögen, Nachwuchs und Verstand) in den Mittelpunkt setzt, auch das Leben zu verteidigen wissen gegen Mord und Folter. Es wird außerdem genauso für die Grundrechte und -freiheiten des Menschen einstehen, wie es gegen den Raubbau von Naturressourcen vorgehen wird.

3. Das vertikale Verhältnis zwischen Religion und Staat durch ein horizontales ersetzen

Die Muslime regierten ihre Staaten im Laufe der Geschichte nach zwei verschiedenen politischen Modellen. Bei den Sunniten stand die Religion unter der Führung und Kontrolle durch den Staat, bei den Schiiten hingegen stand der Staat unter der Führung und Kontrolle der Religion. Beiden Modellen ist ein vertikales Verhältnis zwischen dem Staat und der Religion gemeinsam. Gemeinsam ist beiden Modellen der Zwang und die Manipulation, denen der Glaube ausgesetzt ist. Und beide Modelle haben jeweils eine Klasse von Geistlichen hervorgebracht, die im Islam nicht vorgesehen war. Die Geistlichen verfassten politische Schriften, um den Fortbestand ihrer Systeme zu sichern, und stellten darin die Themen ums Kalifat und Imamat in den Vordergrund, um gleichzeitig die ebenso politischen Themen wie Gerechtigkeit, Beratung mit dem Volk und Befähigung zur Führung eher auszublenden. Das System der Einmischung der Religion in den Staat bzw. des Staates in die Religion führte zur Entstehung und Zementierung von Monarchien und Despotien teilweise bis in unsere Tage hinein. Der Zwang zum Beten, zum Tragen von Tschador für Frauen, die Einmischung in die Lebensweise der Staatsbürger, die Unterdrückung der politischen Opposition und andere theokratische Praktiken haben nicht nur in der eigenen Bevölkerung Angst aufkommen lassen, sondern auch unter den Bürgern nichtmuslimischer Länder.

Was heute zu tun ist, besteht darin, die überkommenen Staatsmodelle wie das Kalifat und Imamat in der Geschichte zu begraben und die wesentlich islamischen Werte wie Gerechtigkeit, Recht, Freiheit, gemeinsame Beratung und Kompetenz so neu zu interpretieren, dass sie ein institutionelles Gewicht erlangen (Demokratie). Aus den Koranversen »Es gibt keinen Zwang im Glauben« (Koran, 2/256) und »Herrsche mit Gerechtigkeit! das ist der Gottesfurcht näher« (Koran, 6/8) sind die Prinzipien der Freiheit und Gerechtigkeit abzuleiten. Daher kann der fundamentale soziopolitische Wert des Islams definiert werden als Freiheit und Gerechtigkeit.

Die Zweckbestimmung des Staates ist die Verteidigung und Bewahrung dieses Wertes. Daher darf die Errichtung eines Glaubensstaates oder sog. Gottesstaat nicht zum Ziel gemacht werden; das Ziel ist vielmehr, eine Ordnung zu schaffen, deren Hauptanliegen die Wahrung der Freiheit und Menschenrechte sein wird.

Dies kann weder mit der Kontrolle des Staates durch die Religion verwirklicht werden, noch durch die Kontrolle der Religion durch den Staat. Die Alternative dieser Kontrollsysteme ist eine nicht vertikal, sondern horizontal angelegte Zusammenarbeit zwischen Religion und Staat, in der diese Instanzen einander mit Respekt behandeln, ohne in die Angelegenheiten der anderen einzugreifen. Das nennen wir in unserem Land: Freiheitlich-demokratische Grundordnung und Rechtsstaat.

Die Praxis der islamischen Theologie

Und damit sind wir nun auch beim eigentlichen Gegenstand angelangt, der Errichtung einer Islamischen Theologie und der Ausbildung von Imamen in Deutschland. Aus dem Gesagten folgt, dass es Muslime selbst sein müssen, die diese Veränderungen in ihrem Bewusstsein vornehmen, sie leben und weitergeben. Den erfolgversprechendsten Rahmen dafür können zunächst „grass-root“-Initiativen schaffen, die genau dies leisten: das eigene Bewusstsein entwickeln, es zugleich leben und es weitergeben. Als eine solche Initiative versteht sich das Projekt „Zentrum für Islam in Europa – München“ (ZIE-M), das ich zusammen mit Interessierten aus Bayern initiiert habe. Das Projekt erfährt bereits parteiübergreifend ein beeindruckendes Maß an Unterstützung, weil viele gesellschaftliche Gruppen und zumindest fast alle Behörden das Potential für einen Islam mit europäischem Gesicht in dem hier dargestellten Sinn verstanden haben. Das ZIE-M versteht sich eben nicht als ein weiteres Moscheebauprojekt; es strebt in erster Linie die Verwirklichung eines auf das Hier – Deutschland – und Jetzt – im 21. Jahrhundert – abgestimmten Miteinanders von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft an. Konkret sind dazu fünf Bausteine vorgesehen: ein soziales und kulturelles Zentrum zur Integration, eine repräsentative Moschee, eine öffentliche Bibliothek über Islam und interreligiösen Dialog, ein städtisches Museum und – natürlich als ein zentrales Element – eine Islamische Akademie zur Aus- und Fortbildung von Imamen und ReligionspädagogInnen.

Von wesentlicher Bedeutung ist dabei zum einen, dass dem Selbstverständnis der Einrichtung entsprechend die Ausbildung von den ehemaligen Herkunftsländern der Muslime abgekoppelt und losgelöst stattfinden soll.
Eine grundsätzliche Problematik besteht ja darin, dass die etablierten Verbände zumindest teilweise eine entsprechende Orientierung ausdrücklich vertreten.
Gleichzeitig kann an einer Einrichtung wie ZIE-M die theoretische Ausbildung von Anfang an von der Praxis begleitet werden. Sie findet im „richtigen Leben“, im tatsächlichen, tagtäglichen Umfeld einer lebendigen, islamischen Gemeinde statt, mit allen Chancen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Hier begegnen die Studierenden nicht nur den Büchern, sondern den Menschen mit ihren Fragen und Problemen, die eben im Mittelpunkt ihrer Ausbildung stehen müssen.

Hieran möchte ich auch den bleibenden Vorzug dieses Modells festmachen. Denn ich möchte ja nicht etwa gegen eine Etablierung Islamischer Theologie an den Universität argumentieren – eine Ausbildung von Imamen und ReligionspädagogInnen eingeschlossen. Ganz in Gegenteil.
Nur: wir sollten damit nicht so lange warten, bis solche Einrichtungen an den wenigen Universitäten, die dafür ausgewählt werden, aufgebaut sind. Das wird, allein schon was die Etablierung des geeigneten Lehrpersonals betrifft, selbst bei günstiger Entwicklung nicht in wenigen Jahren abgeschlossen sein. Wir müssen anfangen! Der Bedarf ist enorm, und Zeit wurde schon viel zu viel verloren. Die Grundsteine selbst für die höchsten Bauwerke werden immer unten gelegt. Wir hoffen alle, dass es einmal eine etablierte Islamische Theologie mit Ausbildung an den staatlichen Hochschulen geben wird, ein Modell, mit dem ich aus Bosnien-Herzegowina selbst gut vertraut bin und das dort sehr erfolgreich funktioniert. Aber das Land kann sich auf eine sehr lange und reiche Tradition stützen, die uns hier fehlt. Stattdessen haben wir hier Jahrzehnte lange Fehlentwicklungen und Versäumnisse.

Also bedürfen und verdienen entsprechende Initiativen von unten der entschlossenen Unterstützung gerade auch der Behörden. Längerfristig ist dann eine Kooperation der universitären Einrichtungen mit Projekten wie dem ZIE-M vorstellbar, denn dort, und nur dort, an der Basis, an den „grass-roots“, wird der akademische Prozess seine Bodenhaftung finden. Die – das dürfen wir bei unserer Diskussion nie vergessen – wird letztendlich entscheiden über den Erfolg all dessen, was wir hier planen.


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