Artikel Mittwoch, 20.01.2010 |  Drucken

Martin Lings (Abu Bakr Sirajad-Din) 1909 - 2005 - Lehrer des 20. Jahrhunderts

Martin Lings wurde 1909 in Burnage (Lancashire) geboren. Er graduierte in Oxford in Anglistik. Sein eigentliches spirituelles Erwachen ereignete sich zu Beginn der Dreißiger Jahre, als er auf René Guénons Bücher stieß - zu dieser Zeit lehrte er Englisch in Kaunas. Wie er selbst sagte, "ich war wie vom Blitz getroffen und erkannte, daß dies die Wahrheit ist." Er schrieb an Guénon und
übersetzte zunächst "Orient et Occident" ins Englische, also "East and West".

Wie die meisten, die sich zu dieser Zeit an Guénon wandten, wurde er an Frithjof Schuon verwiesen, der Einweihungen in seinen Zweig der Allawiya-Sufibruderschaft vornahm.
Ein Freund von Lings, den er mit dem Werk Guénons bekannt gemacht hatte,bekam einen Lehrauftrag an der Universität Kairo und unternahm es ab nun für Guénon zahlreiche Arbeiten zu erledigen. 1939 kam auch Lings nach Kairo,
um seinen Freund - und Guénon - zu besuchen. Durch den Krieg am Verlassen Ägyptens gehindert blieb Lings in Kairo und erhielt ebenfalls eine Anstellung an der Universität: er lehrte über Shakespeare. Kurz darauf starb sein Freund
bei einem gemeinsamen Reitausflug an einem Unfall und Lings übernahm abn nun die Rolle als helfendes "Familienmitglied" bei Guénon, hierzu mußte er zunächst einmal Arabisch lernen. Während dieser Zeit schrieb Guénon "Regné de la quantité et les signes des temps", das Lings so während des
Entstehungsprozesses Kapitel für Kapitel kennenlernen konnte. Allerdings hatte Lings durchaus seine eigenen Auffassungen, so rechnete er sich es als
Verdienst an, gemeinsam mit Marco Pallis Guénon von seiner allgemeinen Ablehnung des Buddhismus abgebracht zu haben.

Und ebenso hielt er engen brieflichen Kontakt mit Frithjof Schuon, dessen Eigenmächtigkeiten und dessen gesteigerte Überzeugung von der eigenen Bedeutung bei Guénon bereits auf erhöhte Vorsicht gestoßen war, bevor es über die Frage der "christlichen Mysterien" zum endgültigen Bruch gekommen ist. Aus der engen Verbindung von Lings zu Schuon resultierte auch die angebliche Verdächtigung Guénons,
Lings hätte seine Post gelesen und den Inhalt an Schuon weitergegeben, was von feindlichen Autoren als Beleg für angebliche paranoide Züge Guénons uminterpretiert wird. (Die Post war zweifellos von den ägyptischen Behörden
geöffnet worden.)

Als Guénon am 7. Januar 1951 verstarb, war es auch Lings, der Schuon dies in einem - später veröffentlichten - Brief umgehend mitteilte. Bei der Beisetzung Guénons am nächsten Tag war Lings, neben Whitall Perry, einer der wenigen anwesende westlichen Gefolgsleute Guénons.
Lings verließ Kairo im Jahr darauf, nachdem die Revolution Nassers die Engländer von der Universität vertrieben hatte. In England erwarb Lings zunächst einen akademischen Grad in Arabistik und betreute dann die Abteilung für orientalische Handschriften am Britischen Museum. Lings blieb der Schuon-Tariqqa treu, auch nachdem sie sich diese von einer Alawiyya in eine Maryamiyya umwandelte und wurde einer der Muqaddams.

Wichtiger sind Martin Lings Beiträge als Autor. Seine Biographie des Propheten Muhammad, verfaßt nach den ältesten traditionellen Zeugnissen, ist dasjenige Werk, das auch über den engeren Kreis der westlichen sufiorientierten
Muslime ausstrahlte. (Im Jahr 2000 wurde vom Spohr Verlag
auch eine deutsche Ausgabe veröffentlicht.) Daneben verfaßte er jedoch auch eine eigene Einführung in den Sufismus (Was ist Sufitum? dt. 1990), sowie
eine Biographie von Sheikh Ahmad Al-Alawi unter dem Titel "A Moslem Saint of the Twentieth Century". Sheikh Al-Alawi hatte in Mostaganem seinen eigenen Orden, die Alawiyya (der Name ist abgeleitet von Ali), begründet und 1933 Schuon in diesen aufgenommen. Es ist eigentlich nur Lings Buch, das
diese wichtige Sufi-Persönlichkeit in Europa auch außerhalb des Ordens bekanntmachte. Lings hat auch ein Buch über islamische Kalligraphie verfaßt, doch sein schönstes und tiefgründigstes Sufi-Buch ist wohl "The Book of
Certainty", das uns auch zeigt, wie tief durchdrungen von der Gnosis des Koran Lings lebte und das er unter seinem islamischen Namen Abu Bakr Sirajad-Din zunächst für arabische Freunde geschrieben hatte.

Ebenfalls stark vom Islam geprägt ist Lings "Die elfte Stunde" (auf deutsch 1989 im Aurum Verlag erschienen). In der letzten Stunde, dem letzten Abschnitt vor dem Ende des Zyklus, "besteht auf Seiten der Wahrheit nur noch
ein Glimmen". Lings unternimmt mit seinem Buch den Versuch, "das Glimmen zu einer Flamme anzufachen und so das verlorene Gleichgewicht zu erneuern, zuallererst im Bestreben, Verstandesmenschen davon zu überzeugen, daß sie
von einer Wiederherstellung der normalen hierarchischen Verhältnisse nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben. Der Verstand muß sich einmal mehr bewußt werden, daß er der Führung einer höheren Macht bedarf - einer höheren Macht, die jedoch subjektiv nichts anderes ist als er selbst, insofern der Geist wie der Verstand verschiedene Reichweiten desselben geistigen Wesens sind, desselben Lichtstrahls, der von der Göttlichen Weisheit kommt.
Aber die theoretische oder tatsächliche Wiederherstellung dieser Hierarchie ist nicht mehr als ein Anfang, obgleich ein notwendiger." Mit der modernen Welt der Finsternis und ihren haarsträubenden Irrtümern setzte er sich auf überzeugende Weise in "Ancient Beliefs and Modern Superstitions" auseinander.

Seine lebenslangen Shakespeare-Studien legte Lings in dem
Buch "Shakespeare in the Light of Sacred Art" nieder. Und noch im Alter von 96 Jahren hat er mit einem Vortrag zu dem Thema "Shakespeare und Sufismus" in England Aufsehen erregt. Lings lehrte des öfteren an der "Temenos Academy", die das Wohlwollen des Prince of Wales genießt. Der britische Thronfolger verfaßte auch ein Vorwort zu einer Neuauflage des Shakespeare-Werks.

Der Einfluß von Martin Lings vor allem auf die englische Geisteswelt war beträchtlich. Seine unermüdliche Verteidigung der Tradition und sein Eintreten für das Verständnis des Islam haben ihm einen unbestrittenen Platz
als "einen muslimischen Lehrer der Tradition für das 20. Jahrhundert" gesichert. Martin Schwarz

Lieferbare Bücher von Martin Lings:
- Muhammad: Sein Leben nach den frühesten Quellen
- Ein Sufi-Heiliger des zwanzigsten Jahrhunderts: Scheich Ahmad al-Alawi. Sein geistiges Erbe und Vermächtnis
- Alter Glaube und moderner Aberglaube
- A Return to the Spirit: Questions and Answers
- Mecca: From Before Genesis Until Now
- Symbol & Archetype: A Study of the Meaning of Existence
- The Sacred Art of Shakespeare: To Take Upon Us the Mystery ofThings
- The Book of Certainty: The Sufi Doctrine of Faith, Vision and Gnosis
- Sufi Poems: A Mediaeval Anthology






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