Artikel Donnerstag, 06.11.2008 |  Drucken

Moschee- und Synagogenbau: Zu schwach, um Fremdes zu ertragen? „Im Neuen Möglichkeiten der Bereicherung erkennen“ Von Professor Dr. Salomon Korn

Der Verfasser ist Architekt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der bemerkenswerte und kenntnisreiche Aufsatz wurde am 27.10.08 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erstveröffentlicht. islam.de druckt ihn heute ab, weil nicht zuletzt die Agenturen in Deutschland den umfangreichen Inhalt des Textes viel zu knapp (bisweilen verzerrt) wiedergegeben haben. Wir danken Herrn Salamon Korn dafür.

Der Widerstand gegen den Bau von Moscheen hierzulande speist sich aus vielen Quellen: einer instabilen deutschen Identität, kultureller und religiöser Verunsicherung und der Angst vor einem als bedrohlich wahrgenommenen Islam. Angst vor Moscheen und Minaretten wäre somit auch eine Angst vor dem öffentlich materialisierten Zustand solcher Zweifel. Eine Moschee auf der Alm? Zugegeben: ein ungewohnter Anblick - für viele so unvorstellbar, dass sie ihn mit aller Macht zu verhindern suchen. In Kärnten zum Beispiel sollen "Ortsbildpflegegesetze" den Bau von Moscheen unterbinden, in Italien Volksabstimmungen, in
der Schweiz gibt es eine Initiative gegen den Bau von Minaretten. Auch in Deutschland schlagen die Wogen hoch, wenn die Errichtung islamischer Gebets-, Versammlungs- und Lehrstätten zur Debatte steht.

Wenn es an sachlichen Einwänden fehlt oder Vorbehalte unausgesprochen bleiben, werden gerne Bestimmungen des Baurechts bemüht. Jenseits solcher Bestrebungen gibt es durchaus sachliche Gründe, welche in bestimmten Regionen gegen die Errichtung charakteristischer Bauwerke aus anderen Kulturkreisen, darunter auch Moscheen, sprechen. In über Jahrhunderten gewachsenen Kulturlandschaften, wie etwa denen der Alpenregion, haben sich in Ortsbild, Architektur, Volksmusik und Trachten kulturspezifische Merkmale herausgebildet. Deren Einzigartigkeit lässt sich nicht ohne weiteres verändern oder translozieren. Ein Schwarzwaldhaus an der Algarve wäre ebenso befremdlich wie eine skandinavische Holzkirche in Saudi-Arabien.

Doch langfristig betrachtet trifft auch auf Kultur zu, dass nur der Wechsel dauerhaft ist (Ludwig Börne) und Bereicherung aus gegenseitigem Einfluss und gegenseitiger Befruchtung erwächst. Wie viele kennen und empfinden heute noch beim Anblick von Zwiebeldächern oder Welschen Hauben auf Sakral- und Profangebäuden deren Herkunft aus dem Orient? Solche Übernahmen sind nicht auf einige Architekturelemente oder eingrenzbare Regionen beschränkt. In seiner Untersuchung über islamische Einflüsse in der Wiener Architektur hat Claudius Caravias gezeigt, welche Stilvielfalt "aus den Schatztruhen des Morgenlandes" in die Baukunst des Abendlandes eingeflossen ist. Als prominentestes Beispiel gilt die Wiener Karlskirche. Ihr Schöpfer, der Barockbaumeister Fischer von Erlach, hat sie nach dem Sieg über die türkischen Belagerer 1683 bewusst als "türkische Moschee" ins Wiener Stadtbild gesetzt. Nicht zufällig wählte er neben der für Moscheen charakteristischen Kuppel zu beiden Seiten des Portals der Karlskirche zwei flankierende Säulen. Dieses an den Salomonischen Tempel erinnernde Aufstellungsmotiv entspricht dem der Konstantinopler Moschee mit ihren Minaretten. Indem die Säulen Krone und Reichsapfel aus dem Wappen Karls VI. tragen, symbolisieren sie dessen Sieg über den Europa jahrhundertelang bedrohenden Islam.

Ebenso wenig wie Wiener und Wien-Besucher die Karlskirche als "türkische Moschee" wahrnehmen, fällt ihnen auf, dass Elemente, die einst türkische Kriegs- und Prunkzelte prägten, zur Gestaltung der Dachlandschaften zahlreicher Schlösser und Repräsentationsbauten dienten, allen voran des Schlosses Belvedere. Islamische Architekturelemente, Arabesken und Rankenornamentik finden sich in der einstigen Donaumonarchie, auf dem Balkan, im vormaligen venezianischen Herrschaftsbereich, auf der Iberischen Halbinsel und im Mittelmeerraum. Nachdem sie seit Jahrhunderten zum Formenschatz europäischer Baukunst zählen, werden sie als ebenso vertraut empfunden wie zahlreiche längst integrierte islamische Einflüsse in abendländischer Wissenschaft, Kunst und Kultur.

Dennoch blieb aus europäischer Sicht das Verhältnis zwischen Orient und Okzident stets ambivalent. Christen und Muslimen galt durch eine lange gemeinsame kriegerische Geschichte hindurch die jeweils andere Seite als aggressiv und eroberungssüchtig. Der Ansturm islamischer Heere auf Europa begann 711 mit der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Omaijaden. Die Abwehrschlachten, Kriege und Feldzüge der folgenden Jahrhunderte sind in das kollektive Gedächtnis europäischer Völker eingegangen.

Emblematisch ragen heraus die Schlacht bei Tours und Poitiers (732), die den ersten Kreuzzug (1096) nach sich ziehende Besetzung Jerusalems durch die Seldschuken (1071), die Schlachten auf dem Amselfeld (1389, 1402 und 1448), der Fall Konstantinopels (1453), die Seeschlacht bei Lepanto (1571), das Vordringen des Osmanischen Reiches auf den Balkan und in den Mittelmeerraum sowie die mehr als 150 Jahre währende Bedrohung Wiens (1529 bis 1683).

Verglichen mit den Ländern des Islam, war Europa kulturell, wirtschaftlich und militärisch über Jahrhunderte hinweg rückständig, unterlegen und meist in die Defensive gedrängt. Martin Luthers 1529 veröffentlichte Schriften "Vom Krieg wider die Türken" und "Heerpredigt gegen die Türken" zeugen ebenso davon wie sein ursprünglich als Kampflied gegen die osmanischen Invasoren verfasstes Lied "Ein feste Burg ist unser Gott".

Es war nicht zuletzt die Furcht vor dem Islam, die in Europa schon früh zu dessen Studium und Erforschung anregte. Mit den Reiseberichten Marco Polos, den Schilderungen von Pilgern, Mönchen, Kreuzrittern und Entdeckern wie Jehan de Mandeville, Felix Fabri, Wilhelm von Rubruk, Hans Schiltberger oder Niccolò di Conti gesellte sich zur Furcht die Faszination.

Durch Abseitigkeit, Rarität und Exotik gewann alles Orientalische für Europa einen suggestiven, ja hypnotischen Reiz. Und je mehr Gewürze, Medikamente und Erzählungen die Phantasien des Sehnsuchtsortes Orient speisten, desto stärker geriet er zum imaginären Fluchtort erträumter Freiheiten, welche das wirkliche Leben mit seinen Hungersnöten, Kriegen, Seuchen und Epidemien nicht zu bieten vermochte.

Auf solche Tendenzen zur Flucht ins "Land der Illusionen" verweisen auch viele der im 18. Jahrhundert von England ausgehenden und überall in Europa kopierten Landschaftsgärten. Mit ihren chinesischen Pagoden, ägyptischen Grabmälern und türkischen Moscheen entführen sie Besucher aus der harten Wirklichkeit Europas in exotische Welten. Eine wachsende Zahl illustrierter Publikationen, Reiseliteratur und Beschreibungen lieferte europäischen Baumeistern, Malern und Schriftstellern reichlich Material über Geschichte, Architektur und Lebensgewohnheiten islamischer Kulturen. Damit verfestigten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts jene Vorstellungen vom imaginären Orient, die im Zeitalter der Industrialisierung und rascher gesellschaftlicher Umwälzungen Eskapismuswünsche in Bild und Schrift intensiver als je zuvor bedienten - es seien nur Jean-Léon Gérôme, Gustav Bauernfeind, David Roberts, Arthur Rimbaud, Captain Richard F. Burton und Karl May genannt. Die Glücksverheißung des mit architektonischen Mitteln inszenierten Orients sollte vor allem bei Gebäuden profan-heiteren Charakters den unternehmerischen Erfolg von Kaffeehäusern, Vergnügungsparks, Dampfbädern und anderen Freizeiteinrichtungen garantieren - galten doch neoislamische Stile als luxuriös, prachtvoll und farbenprächtig. Selbst feudale Sommerresidenzen und repräsentative Bauten wurden häufig in orientalisierenden Stilen errichtet, so die Schwetzinger Moschee (1795), der Royal Pavilion in Brighton (1822), die Wilhelma in Stuttgart-Bad Cannstatt (1846), das Arabische Café in Düsseldorf (1895) oder der Kopenhagener Tivoli (1902). Und nicht zuletzt durch die in zahlreichen Weltausstellungen präsentierten "Orientkulissen" waren den Europäern des 18. und 19. Jahrhunderts islamisierende Bauformen, Stile und Dekorationselemente weit vertrauter als denen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Dies gilt auch für die öffentliche Wahrnehmung der zahlreichen, seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend in Deutschland und Österreich in neoislamischen Stilen errichteten Synagogen (Leipzig 1855, Wien 1858, Berlin 1866, Nürnberg 1874, Kaiserslautern 1886, Pforzheim 1893). Doch selbst bei einem Publikum, das im Zeitalter des Historismus mit exotischen Bauformen vertraut war, blieben Kontroversen über die Errichtung orientalisch anmutender jüdischer Gotteshäuser nicht aus. Die Argumente, die vorgebracht wurden, beschränkten sich keineswegs auf kunstkritische Einwände und erinnern damit an aktuelle Debatten über den Bau von Moscheen in Deutschland und Österreich.

Da es weder eine "jüdische" Architektur noch einen eigenständigen Synagogenbaustil gab und gibt, errichteten die deutschen Juden im Zuge der Emanzipation ihre Gotteshäuser vorwiegend in zwei Baustilen. Mit Verwendung der neoromanischen, an mittelalterliche Kirchen angelehnten Formensprache bekannten sich Juden öffentlich zu Deutschland, setzten sich aber gleichzeitig der Kritik aus, Herkunft und Eigenart zu verleugnen. Im neo-islamischen Stil errichteten sie ihre Gotteshäuser, wenn sie zur Vermeidung solcher Vorhaltungen selbstbewusst ihr Judentum als eigenständige Religion mit Wurzeln im Orient hervorhoben.

Allerdings lief diese Stilrichtung Gefahr, in baukünstlerischer Hinsicht Fremdes zu betonen, Synagogen durch Exotik optisch aus dem Ortsbild zu lösen und damit gleichzeitig Juden als "undeutsch" auszugrenzen. Der Wunsch deutscher Juden, ihre Religion als gleichrangige Konfession anerkannt zu sehen und selbst nicht als fremde Nation zu gelten, blieb trotz aller Anpassungsbereitschaft unerfüllt.

Auch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte Abkehr von orientalisierenden Synagogen und Hinwendung zu Synagogenbauten im zeitgenössischen Stil als Ausdruck des Integrationswillens deutscher Juden gegenüber der christlichen Mehrheitsgesellschaft hat ihnen nicht die ersehnte Anerkennung als Deutsche gebracht. Denn im 19. Jahrhundert hatte infolge der Befreiungskriege gegen Napoleon ein erstarkender Nationalismus in Deutschland das Verständnis für andere Lebensformen zunehmend verengt. Von seinem Selbstverständnis her ist Nationalismus darauf angewiesen, Fremdes oder vermeintlich Fremdes auszuschließen, um sich eindeutig abgrenzen und definieren zu können. Wo es, wie zur Zeit der Romantik, zu einer Verklärung des christlichen Mittelalters und Glorifizierung germanischer Sagenwelten kam, hatten Juden keinen Platz. Es war Heinrich von Treitschke, der während des Antisemitismusstreites 1879 feststellte, die Deutschen seien zu schwach, um Fremdes ertragen zu können - eine Erkenntnis, welche eine wesentliche Ursache der damals herrschenden Kluft zwischen christlichen Deutschen und als Fremde empfundenen Juden zutreffend benennt und in Abwandlung auch heute gegenüber Muslimen eine gewisse
Gültigkeit besitzt.

Selbst im Zeitalter von Historismus und Orientalismus galten neoislamische Synagogen im Bewusstsein der Öffentlichkeit nie als deutsche Baugattung, obwohl sie baukünstlerisch den Spagat zwischen religiöser Eigenständigkeit der Juden und ihrem vorbehaltlosen Bekenntnis zum deutschen Vaterland symbolisierten. Im Unterschied zu heutigen Moscheebauten wurden jüdische Gotteshäuser zwar als "fremd", nicht aber als "bedrohlich" wahrgenommen. Synagogen mit appliziertem orientalisierendem Dekor - der Baukörper war stets "europäisch" - weckten eher Neid, Missgunst und Unbehagen als Ängste, Misstrauen oder Verdächtigungen.

Sie sind im kollektiven Gedächtnis der Europäer nie als Bauwerke einer Europa über Jahrhunderte hinweg bedrohenden Eroberungsreligion aufbewahrt gewesen. Auch jene Exotik, welche neoislamische Synagogen einst umgab und Quelle sowohl von Neugier als auch von Verunsicherung war, hat sich bei heutigen Moscheen in Deutschland zu einer Quelle des Misstrauens und der Angst gewandelt. Längst ist der Sehnsuchtsort Orient allenfalls noch in Erinnerung, Kunst und Literatur gegenwärtig. Heute hat die Berichterstattung über Naturkatastrophen, Hungersnöte sowie soziale und hygienische Verhältnisse Schein und Wunschbild des Orients endgültig aufgelöst. Der einstige Sehnsuchtsort hat sich aus westlicher Perspektive in vielen Regionen längst zum Schreckensort gewandelt: Terror, Fanatismus und ein unbändiger Eroberungswille gelten als dessen Merkmale.

Dieses veränderte Bild bestimmt zunehmend auch Wahrnehmung und Einschätzung des Islam und der ihn repräsentierenden Moscheen. Je fremder und bedrohlicher "der" Islam - unter
Missachtung innerislamischer Vielfalt und Pluralität - erscheint, desto weniger nimmt der nichtmuslimische Teil der Gesellschaft Moscheen als Bauten wahr, die jemals in das Stadtbild integriert werden könnten. Gefördert wird diese Sicht durch Ängste vor Auflösungserscheinungen des in religiösen Belangen zu wachsender Gleichgültigkeit neigenden "christlichen Abendlandes" angesichts eines sich selbstbewusster gebenden Islam.

Daher könnte dem vielerorts zu beobachtenden Widerstand gegen die Errichtung von Moscheen auch die Funktion stellvertretender Abwehr christlicher Glaubensschwäche zukommen; in säkularer Ausprägung könnte der Widerstand als Ausdruck einer instabilen deutschen Identität und zunehmender kultureller Verunsicherung gedeutet werden. Angst vor Moscheen und Minaretten wäre somit auch eine Angst vor dem öffentlich materialisierten Zustand solcher Schwächen und Zweifel.

Schließlich ist in islamischen Ländern das Christentum auf dem Rückzug, in westlichen der Islam auf dem Vormarsch. Dafür aber sind die in Europa lebenden Muslime nicht verantwortlich. Ebenso wenig wie Christen in aller Welt Verantwortung für Entscheidungen des Vatikans tragen, können Juden in ihrer Gesamtheit für die jeweilige Politik des Staates Israel haftbar gemacht werden oder Muslime in Europa und anderswo für diejenige ihres jeweiligen
Herkunftslandes. Schon von daher ist jede Form von Reziprozität unzulässig, auch jene oft gehörte Forderung, in Europa dürften nur ebenso viele Moscheebauten genehmigt werden wie neue Kirchen in muslimischen Ländern. Wo stünden wir, wenn westliche Wertmaßstäbe und Rechtsprechung sich auf spiegelbildliches Verhalten von Diktaturen und Gottesstaaten reduzierte? Was unterschiede uns dann noch grundsätzlich von ihnen?

Dass Muslime und ihre Bauten auch in westlichen Ländern unterschiedlich wahrgenommen werden, zeigt sich in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Dort sind Muslime weitgehend integrierte Staatsbürger; ihre religiöse und kulturelle Eigenständigkeit ist allgemein akzeptiert. Allerdings zählt die Mehrheit dieser Muslime im Unterschied zu denen der meisten europäischen Staaten vorwiegend zur gesellschaftlichen Mittelschicht: aufstiegsorientiert,
wirtschaftlich oft erfolgreich, als Staatsbürger loyal und politisch aktiv.

Die in den Vereinigten Staaten und Kanada lebenden Muslime sind aus Asien, Afrika, Europa und den arabischen Ländern eingewandert. Dagegen stammen in Europa Muslime vorwiegend
aus Nordafrika und dem Vorderen Orient. Aufgrund ihrer Herkunft aus den ärmeren, unterentwickelten Regionen ihrer angestammten Heimatländer sind sie fest in religiöse
Traditionen eingebunden; eine Trennung zwischen Staat und Religion, wie sie vor allem von den zu säkularer Lebensweise neigenden Muslimen aus dem Westen der Türkei mehrheitlich praktiziert wird, ist den meisten von ihnen fremd.

Im Unterschied zu Europäern kennen Nordamerikaner keinen Jahrhunderte währenden muslimischen Ansturm auf ihren Kontinent. So haben die Ereignisse vom 11. September 2001
zwar zu Spannungen zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischer Minderheit geführt, doch sind diese - von keinen entsprechenden Erfahrungen aus dem kollektiven Gedächtnis der Amerikaner angefacht - längst einem erneuten friedlichen Zusammenleben gewichen.

Moscheen, ob mit oder ohne Kuppeln und Minarette, ob in traditioneller oder zeitgenössischer Architektursprache, fügen sich in den jeweiligen städtebaulichen Kontext ein. Kontroversen über deren Errichtung sind angesichts amerikanischer Traditionen von religiöser Toleranz unbekannt.

Je weniger Muslime in Europa als Teil der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft empfunden werden, desto stärker bildet sich Widerstand gegen ihre Moscheen. Ähnlich wie das Sein das Bewusstsein bestimmt, bestimmt auch das Bewusstsein unsere Wahrnehmung. Goethe zufolge sieht man, was man weiß. Was aber, wenn dieses Wissen lückenhaft ist oder an dessen Stelle Vorurteile, gar Ängste treten? Dann sieht man nicht mehr, was man weiß, sondern was man zu wissen vermeint, vermutet - oder sehen will. Wahrnehmung entsteht aus einem Zusammenwirken von äußeren Reizen und (innerem) "Wissen". In einem Akt "subjektiven Konstruktivismus" nehmen wir als wahr an, was wir "wahr nehmen". Unbekannte Reize aber stellen unsere bisher vertrauten Erfahrungsschemata in Frage. Um das daraus
geformte Weltbild nicht zu gefährden, muss unterbunden werden, was es zu destabilisieren droht. Indem aus verständlichem Bedürfnis nach Stabilität und Vertrautheit versucht wird, verunsichernde Veränderungen abzuwehren, werden damit gleichzeitig Chancen vertan, im Neuen auch Möglichkeiten der Bereicherung zu erkennen. Mit zunehmender Erfahrung verengen sich nicht nur Sicht und Bewertung der wahrgenommenen "Wirklichkeit". Uns geht gleichzeitig eine wichtige Fähigkeit verloren: Wir sehen Dinge und Ereignisse immer weniger so vorurteilsfrei wie das kleine Kind, "die Stimme der Unschuld", in Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern.

Auch an scheinbar neutralen Kriterien ausgerichtete Kunstkritik kann Blindflecken aufweisen. Bei der geplanten Kölner Großmoschee soll nach dem Wunsch des Bauherrn, der Türkisch- Islamischen Union (Ditib), der Innenraum im Gegensatz zur klaren Architektursprache der Außenhülle traditionell gestaltet werden. Innen und Außen, so ein kritischer Einwand, müssten formal übereinstimmen, die Gestaltung des Innenraums ("Kitsch") habe der in moderner Architektur gehaltenen Außenhülle zu folgen. Es mag sein, dass solche an herrschenden Maßstäben der Baukunst ausgerichteten Forderungen nach formaler Übereinstimmung berechtigt sind; dahingestellt kann dabei bleiben, welchem Kunstverständnis dieses Ideal entstammt und ob ihm - vor allem aus Sicht der jeweiligen Benutzer - "universelle Gültigkeit" zukommt. Den zukünftigen Betern der Kölner Moschee wäre es vermutlich lieber gewesen, wenn auch die Außenhülle formal in der ihnen vertrauten sinnstiftenden Metaphorik gehalten würde. Dass dies in Köln nicht der Fall ist und durch zeitgenössische Formgebung eine Anpassung der Fassade an die gebaute Umgebung gesucht wurde, verdient zunächst Anerkennung. Stattdessen wird mit Maßstäben der Architekturkritik unausgesprochen die "sicherheitspolitische" Forderung nach "Transparenz" dessen erhoben, was im Inneren dieser Moschee "tatsächlich" vor sich gehen wird - als ob künstlerische Gestaltung dazu in der Lage sei.

Hätte Gottfried Semper, der nie eine Kirche gebaut hat, sich beim Bau der 1840 eingeweihten Dresdner Synagoge von solchen "Forderungen" leiten lassen, dann hätte es diesen einzigen Sakralbau des nach Schinkel bedeutendsten deutschen Baumeisters des 19. Jahrhunderts vermutlich nicht gegeben. Die Stilabweichung bei der Dresdner Synagoge zwischen neoromanischer Außenhülle als Anpassungsgeste gegenüber der christlichen Umwelt und neoislamisch gestaltetem Innenraum als Symbol orientalischen Ursprungs des Judentums war ein den Zeitläuften geschuldeter Kompromiss. In ihm spiegelte sich auf baukünstlerischer
Ebene - an der Nahtstelle zwischen innen und außen - die gesellschaftliche Situation deutscher Juden wider. Die sich abzeichnende "formale Diskrepanz" bei der Kölner Großmoschee ist vorrangig kein ästhetisches Phänomen, sondern, ähnlich wie bei der Dresdner Synagoge, Symptom eines gesellschaftlichen.

Angesichts von Umfragen, denen zufolge ein Drittel der Deutschen "eindeutig islamfeindlich" ist, ein weiteres Drittel den Islam "pessimistisch-kritisch" sieht, viele Deutsche repräsentative Moscheebauten als "Machtdemonstration" empfinden und auf Dominanz von Kirchtürmen im Stadtbild beharren, werden Kontroversen über den Bau von Moscheen auch in Zukunft nicht abreißen. Eine Entschärfung der Auseinandersetzungen ausschließlich über gestalterische Anpassung von Moscheen an das städtebauliche Umfeld durch Vermeidung islamischer Symbole wird scheitern. Selbst im Stil moderner Architektur stünden repräsentative Moscheen bei vielen Nichtmuslimen weiterhin unter Verdacht, Bastionen und Stützpunkte der konspirativ betriebenen Islamisierung Europas zu sein.

Etwa zwischen 1900 und 1933 begannen Synagogen in Deutschland trotz vorausgegangener Kontroversen vor allem in Großstädten allmählich Teil des jeweiligen gewachsenen Ortsbildes zu werden. Mit der Zerstörung von mehr als 1400 jüdischen Gotteshäusern während und nach der "Reichskristallnacht" 1938 - darunter auch der Semper Synagoge in Dresden - endete diese sich anbahnende Entwicklung abrupt, und eine deutsche Baugattung verschwand nahezu vollständig aus dem Bewusstsein der Deutschen. Wäre die Wahrnehmung von Moscheen in Deutschland heute eine andere, hätte das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen nicht stattgefunden?

Gegenwärtig gibt es in Deutschland 2600 islamische Betstuben und 160 als repräsentativ zu bezeichnende Moscheen. Etwa 180 befinden sich im Bau oder in der Planung. Wie die vormalige Geschichte der Synagogen in Deutschland zeigt, gab es in den Auseinandersetzungen über deren Errichtung ähnliche Wahrnehmungs- und Argumentationsmuster wie beim heutigen Bau von Moscheen - mit einem entscheidenden Unterschied: Der jüdischen Minderheit in Deutschland blieb gesellschaftliche Anerkennung im 19. Jahrhundert und ersten Drittel des 20.
Jahrhunderts trotz aller Anstrengung versagt, weil sie und ihre Gotteshäuser angesichts eines schwach ausgebildeten Nationalbewusstseins als Gefahr von "innen" empfunden wurden. Der heutigen muslimischen Minderheit in Deutschland und anderswo wird dies versagt bleiben, solange sie und ihre Moscheen als Symbole einer Gefahr von "innen" und "außen" wahrgenommen werden.

Daran wird sich nichts ändern, solange auch nur einige Moscheen radikalen Gruppierungen als getarnte religiöse Zentren dienen und damit vorhandene Vorurteile und Ängste gegen Muslime als Kollektiv verfestigen. Ein nennenswerter Wandel wird sich erst vollziehen, wenn den europäischen Muslimen gelingt, was Korankritiker trotz der Erfahrungen in den Vereinigten Staaten und Kanada in Europa für wirklichkeitsfremd halten: Islam und Demokratie in Einklang zu bringen.

Im historischen Maßstab betrachtet, hat der öffentliche Streit über die Integration muslimischer Einwanderer und ihrer Moscheen in Europa gerade erst begonnen. Und wie nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um den Bau neoislamischer Synagogen im 19. Jahrhundert in Deutschland belegen, wird trotz heute weitgehend veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse noch viel Zeit vergehen, bis Moscheen mit einiger Selbstverständlichkeit neben Stadt- und Dorfkirchen aufragen werden. Wenn es denn eines Tages so weit sein sollte, dass im kollektiven Gedächtnis der Europäer die Türken nicht mehr vor Wien stehen und die hier lebenden Muslime sich vorbehaltlos zu Europa und seinen Werten bekennen, dann könnten die Zwiebeldächer der Barockkirchen und die geometrische Ornamentik der Moscheen unvoreingenommen von dem künden, was im Bewusstsein des Westens nur unzureichend verankert ist: wie lange Orient und Islam - über Kunst und Architektur hinaus - bereits Teil der europäischen Geschichte und des abendländisch-kulturellen Erbes sind.





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