Artikel Montag, 18.08.2008 |  Drucken

Die Menschen wollen kein Abu Graib mehr, kein Guantanamo, kein Blutvergießen im Nahen Osten und kein Krieg im Irak - Islamische Wort (SWR) von Aiman A. Mazyek

Über 200.000 Menschen füllten die Straße von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor, als kürzlich Barack Obama zum Mikro griff und eine Rede an die Völker der Erde richtete. Dazu hat er eigentlich kein politisches Mandat, denn er ist lediglich US-Senator. Aber Obama ist – politisch gesehen – mehr: Er ist aussichtsreicher Kandidat der Demokraten für das mächtigste Amt der Welt. Obama könnte der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden.

Hunderte TV-Kanäle haben die Rede an diesem Abend live übertragen. Tausende Kommentatoren und ebenso viele Politiker brachten sich weltweit in Stellung, um diesen Auftritt zu beobachten, zu beschreiben und zu bewerten.
Woher kommt dieses gewaltige Interesse der Weltbevölkerung? Woher dieser Hype für diesen Mann?
Es entspringt einer tiefen Friedenssehnsucht vieler Menschen - gleich ob sie religiös sind oder nicht. Für Menschen rund um den Globus wird Obama zur Projektionsfläche für eine bisher unerfüllte Friedenssehnsucht. Deshalb sind so viele Menschen zur Siegessäule gekommen, deshalb lieben sie ihn. Die Menschen hier ebenso wie in den USA wollen kein Abu Graib mehr, kein Guantanamo, kein Blutvergießen im Nahen Osten, kein Krieg im Irak. Sie wollen Frieden. Sie sind gekommen, um den Hoffnungsträger zu sehen, und sie wollten ihm ihre Hoffnungen und Erwartungen signalisieren. Und so rief er den Menschen in Berlin zu, in jener Stadt, die einst schlimme Erfahrungen mit Mauern und Barrieren gemacht hat:
„Die Mauern zwischen reichen und armen Ländern müssen fallen. Die Mauern zwischen Rassen und Stämmen; zwischen Inländern und Einwanderern; zwischen Christen und Muslimen und Juden dürfen nicht stehen bleiben. Das sind jetzt die Mauern, die wir niederreißen müssen“.

Es sind genau diese Sätze, die wir alle hören wollen. Und Barack Obama spricht sie aus. Die Kriege sollen aufhören, das Unrecht in der Welt soll beseitigt werden, es muss mehr Gerechtigkeit auf dieser Erde herrschen. Eine gewaltige Verantwortung erwächst da für den möglichen neuen amerikanischen Welt-Präsidenten. Barack Obama spürt das und er weiß auch, dass er das nur mit den Menschen, mit den Völkern der Erde zusammen schaffen kann. Deswegen spricht er sie auch direkt an, wenn er sagt: „Die Bürde der Weltbürgerschaft bindet uns. Ein Wechsel in Washington allein ändert daran nichts. Von uns allen wird mehr erwartet, nicht weniger“.

Er macht deutlich, er allein kann kein Heiland des Friedens sein. Es kommt auf die Taten vieler an, wir alle müssen für den Frieden eintreten. Lippenbekenntnisse bringen uns nicht voran. Im Koran wird z.B. eindringlich vor einem Lippenbekenntnisfrieden gewarnt:
„Und wenn ihnen gesagt wird: ‚Stiftet kein Unheil auf der Erde’, so sagen sie: ‚Wir sind doch die, die Gutes tun.’ Gewiss jedoch sind sie jene, die Unheil stiften, aber sie empfinden es nicht.“ (Sure 2, 11-12)

Ein Friedensengel ist man noch lange nicht, wenn man sich Flügel anklebt. Botschafter des Friedens werden wir nur dann, wenn wir die Herausforderungen des Alltags meistern; wenn wir uns mit unserem Nachbar oder unserer Arbeitskollegin ins Benehmen setzen; wenn wir fair sind im Studium und beim Spiel; wenn wir in der Synagoge, in der Kirche oder in der Moschee über Ausgleich und Versöhnung sprechen; wenn wir das bei den zwischenmenschlichen Begegnungen ebenso praktizieren wie bei den Dialogveranstaltungen mit Andersgläubigen. Das Bekenntnis zum Frieden wird immer wieder auf die Probe gestellt: was bringen uns konkret unsere Friedensappelle, welchen praktischen, menschlichen Nutzen haben sie für unsere Familie, für Freunde oder auch für Konkurrenten?
Gottes Gesandter (s) Mohammad sagte dazu: "Ein guter Mensch ist jener, der den Menschen nützlich ist." (berichtet nach Jabir aus: Qudâ'i). Er sagte übrigens nicht, „der dem Muslim am Nützlichsten ist“.

Was nützt es beispielsweise, wenn wir Muslime immer wieder beteuern: Islam bedeutet Frieden, und ein Muslim definiert sich als einer, der mit sich, seiner Umwelt und mit Gott Frieden macht? Was nützt dies, wenn viele Menschen hierzulande Angst vor DEM Islam haben? Wenn ihre Furcht angesichts manch grausamer Tat, vermeintlich begangen im Namen des Islams, weiter wächst? Es ist an uns Muslimen, sich noch mehr anzustrengen als bisher - oder wie es Barack Obama sagen würde: „Jetzt wird noch mehr als früher von uns erwartet“?

Erwartet wird, dass wir unseren Dienst am Menschen intensivieren, dass wir hart für eine Friedensdividende arbeiten – egal ob in Deutschland, den USA, Mekka oder Rom.
Obama endete seine Rede mit den Segenswunsch: Gotte schütze und segne dieses Land.

Letztendlich denken wir als gläubige Menschen, dass es Gottes alleinige Macht und sein alleiniger Wille ist, Frieden auf Erden zu bringen. Ihn um dieses Geschenk zu bitten, Ihn zu preisen und bei Ihm Zuflucht vor dem Bösen und der Versuchung zu suchen, ist die Erwartung Gottes an uns Menschen. Ich hoffe für uns alle, dass wir als Menschheitsfamilie eines Tages seine Erwartungen erfüllen können.





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