Euro-islam
Müssen muslimische Vereine sich an das Ausland anlehnen? schrieb:
Der Friede sei mit allen!
Beim Lesen der anderen Mitteilungen und beim diskutieren mit Freunden,
Verwandten, Bekannten (und manchmal auch vollkommen Fremden, die meinten ein Recht
zu haben mich wegen meiner Religion zu verurteilen)ist mir eines immer
wieder aufgefallen:
Beide Seiten - sowohl die muslimische, als auch die nicht-muslimische
-benutzen immer wieder den Satz "Integration muss schließlich von beiden Seiten
geschehen, nicht nur von uns aus". Sinngemäßes wird auch in weniger gewählter
Form immer wieder genannt, manchmal in sehr beleidigendem Tonfall.
Keine der Seiten scheint sich aber vollkommen über die Bedeutung diese
Satzes bewusst zu sein.
Nicht-Muslime meinen, sie würden durch den in Deutschland praktizierten
Islam eingeschränkt und deshalb müssen die Muslime jetzt ersteinmal
Einschränkungen machen, denn schließlich sei Deutschland ja "ihr Land"; Muslime dagegen
erwecken manchmal den Eindruck, als lebten sie in einem totalitären Staat in
dem sie nicht mal zu Hause beten könnten.
Tatsächlich ist unsere Religionsausübung hier wesentlich freier als in manch
einem Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit (z.B.: Tunesien, Türkei).
Andererseits ist es aber auch eine Tatsache, dass sich jeder gläubige Muslim
in Deutschland fast täglich unvorstellbar einschränkt und anpasst,
allerdings auf eine Art und Weise, die der uninteressierte Nicht-Muslim selten
bemerkt.
Beide Seiten interessieren sich nur für die ihren Argumenten
"entgegenkommenden" negativen Aspekte der Lebensweise der anderen Seite, man/frau WILL
überhaupt nicht wissen, was der andere bereits leistet oder geleistet hat.
Wenn man mich fragt, dann ist das sicherlich eine gefährliche Situation. Es
ist unveränderbare Realität, dass in der Zukunft gläubige Muslime und
weitestgehend nicht mal mehr christliche sondern säkulare Nicht-Muslime in diesem
Land zusammenleben werden. Wenn sich diese Seiten nicht mehr für die Nöte der
anderen Seite interessieren (und dies gilt WIRKLICH gleichermaßen für Muslime
und Nicht-Muslime), dann gibt es irgendwann die (heute beim besten Willen
noch nicht wirklich existierenden) Parallelgesellschaften, vor denen rechte und
mitte - rechts Parteien (und neuerdings auch mitte - links Politiker) so
gerne warnen.
Ich habe sicher kein Patentrezept zur Lösung der in Deutschalnd auftretenden
Probleme zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, aber es gibt doch einiges,
was ich mir von beiden Seiten wünschen würde.
Ich fange einmal bei meiner eigenen - der muslimischen - Seite an:
1. Ich glaube die Muslime in Deutschland müssen sich mehr darüber im klaren
werden, was im Islam wirklich wichtig ist.
Als der Islam begann sich unter den Schwarzen in den USA - dem westlichsten
aller westlichen Länder - auszubreiten, da sorgten die dortigen Führer (die
eigentlichen Muslime, ich spreche hier nicht von der sog. " Nation of Islam")
dafür, dass sich der Islam für die zentralen Nöte seiner Anhänger einsetzte.
Sie kümmerten sich wenig um Kopftücher oder ums Schächten, sondern viel mehr
darum, dass die Muslime dort einen Platz in der Gesellschaft finden konnten.
Als dies geschehen war, machten auch Kopftücher und dergleichen kaum noch
Probleme. Aber eben erst danach!
Ich würde mir ein ähnliches Verhalten auch von den führenden Muslimen hier
wünschen. Das hat nichts mit "Veränderung" oder "Verwestlichung" der Religion
zu tun. Frühe muslimsiche Gelehrte haben immer gesagt, dass Einschränkungen
im Bereich des Da`wat (was nicht unbedingt mit Mission übersetzt werden muss,
es heißt auch Begegnung zwischen Muslimen und Anderen) gestattet sind, wenn
dies einem höheren Gut dient.
Die "Kopftuchfrage" wird zum Beispiel von vielen Muslimen ebenso hohl und
propagandahaft diskutiert wie von Nicht-Muslimen (als ob der ganze Qur`an nur
von Stoffstücken spräche).
2. Muslime beschweren sich oft, dass sie nicht als Deutsche anerkannt werden
und dass dies zur fehlgeschlagenen Integration beitrage. Das stimmt, ich
kann es unterstreichen und habe es selbst erlebt!
Viele Muslime, ja, ganze muslimsiche Vereine, verhalten sich aber auch nicht
so, als ob sie deutsch wären. Die muslimischen Vereine die sich nicht
irgendwie von ausländischen Kräften steuern oder beeinflussen lassen, seine diese
türkisch, iranisch oder saudi-arabsich, kann man wirklich an einer Hand
abzählen (und man muss nicht mal alle Finger verwenden). Warum diese starke Bindung
an die Türkei, den Iran oder Saudi-Arabien, wenn man doch ein "deutscher
Muslim" sein will?
Natürlich müssen wir Kontakt zur Welt-Ummah halten, natürlich müssen wir
unsere Glaubengeschwister unterstützen, das ist selbstverständlich.....
aber müssen gewisse Vereine wirklich wie inofizielle Botschaften der Türkei
arbeiten, müssen Inahlte deutscher Predigten an sauddi-arabische Ideologien
angelehnt werden?
Bestimmt nicht!
Auch hier haben die Amerikaner es besser gemacht:
Die Afro-Amerikanischen Muslime sagen stolz, dass sie ihren eigenen Weg
gehen wollen, politisch und ideologisch unabhängig von ausländischen Einflüssen,
dafür stärker angelehnt an die Probleme im Inland.
3. Es muss in der muslimischen Gemeinschft in Deutschland einen stärkeren
Diskurs über interne Toleranz geben. Es geht nicht, dass wir nach außen hin
immer wieder tolerant behandelt werden möchten, während wir manchmal
Minderheiten in unseren Reihen zumindest verbal sehr intolerant angehen.
In Deutschland zu leben heißt auch, dass wir mit anderen Werten - z.b. denen
sogenannter sexueller Minderheiten - konfrontiert werden, die im krassen
Gegensatz zu unseren traditionell-konservativen Vorstellungen stehen.
Gehen wir mi diesen genauso tolerant um, wie wir es uns von den
Nicht-Muslimen im Umgang mit unseren Werten wünschen? (Und: Nein, das ist nicht etwas
völlig anderes!)
Nun ja, nun kommen die Dinge, die ich mir von den Nicht-Muslimen (zu denen
übrigens ein Großteil meiner Verwandtschaft zählt) wünsche:
1. Auch Nicht - Muslime sollten sich darüber klar werden, dass die
Diskussion um äußere "Kleinigkeiten" wenig mit dem Verständnis der Essenz einer
Religion zu tun hat.
Bevor ein Nicht-Muslime eine Lehrerin verurteilt, die ein Kopftuch trägt,
sollte er ersteinmal ihre Position zum Kopftuch anhören. Als Nicht-Muslime
urteilt man vorschnell über den "anti-feministischen Symbolgehalt", ob die
Muslima selbst jedoch wirklich unter diesem Symbolgehalt zu leiden hat, ja, ob
überhaupt irgendein Muslim in Deutschland mit dem Kopftuich eine geringere
Stellung der Frau assoziiert,dass scheint kaum jemanden zu interessieren. Hier wird
über die Köpfe von Menschen hinweg entschieden, für die solche
Entscheidungen Karrieren und Leben ruinieren können.
Nicht-Muslime meinen allzuoft und allzuschnell, dass sie alles über den
Islam, das Kopftuch, islamischen Tierschutz etc. wissen, ohne sich je mit einem
gläubigen und gebildeten Muslim über diese Themen unterhalten zu haben.
Was viel schlimmer ist:
Selbst wenn sich ein Nicht-Muslim mit einem solchen Muslim unterhalten hat,
zieht er es oft vor, der allgemeinen Stimmungslage, der Presse etc. und nicht
seiner persönlichen Begegnung zu glauben.
2. Nicht-Muslime sollten im Umgang mit Muslimen mehr Geschichtsbewusstsein
zeigen.
Es wird immer wieder von der besonderen Verantwortung gesprochen, die die
Deutschen auf Grund des Holocaustes besitzen. Hierbei geht es auch aber nicht
nur um die Verantwortung den Juden gegenüber, sondern auch um die generelle
Verantwortung im Umgang mit Menschen, die in Deutschland leben, aber eine
andere Religion und Kultur praktizieren.
Vieles was den Deutschen an den Juden früher fremd war (Essensgebote, andere
Kleidung bei orthodoxen Juden etc.) ist ihnen auch heute wieder bei Muslimen
fremd. Viele Vorurteile, die die Deutschen einst gegen Juden hatten
(Beeinflussung der Wirtschaft/Arbeitswelt zu Ungunsten der "echten Deutschen",
gewollte Abkappselung durch "Ghettoisierung" bzw. Nichtassimilation) tauchen nun
auch im Zusammenhang mit den Muslimen wieder auf.
Nein, ich glaube nicht, dass uns ein zweiter Holocaust bevorsteht.
Aber so wie Nicht-Muslime in Deutschland heute Muslime betrachten, so haben
hier Nicht-Juden vor einigen Jahrhunderten begonnen Juden zu betrachten. Die
bedauerlichen langfristigen Folgen kennen wir alle ... .
3. Geschichtsbewusstsein heißt auch, sich darüber im Klaren zu sein, dass
Deutschland schon seit Jahrhunderten immer wieder zur Bevölkerungszahl
proportional sehr große Einwanderungswellen erhalten hat.
Die französischsprachigen Hugenotten, die zu bestimmten Zeiten jeden dritten
Einwohner Berlins stellten und die Polen im Ruhrgebiet zählten hierzu und
waren den damaligen Deutschen nicht weniger fremd, als dies heute Türken und
Pakistaner sind. Auch damals machten einige Leute mit diesem "Zustand"
polemisch Politik und Panik, aber mit der Zeit löste sich das Problem von selbst.
Hugenottische Familie blieben ihrer Konfession und Tradition oft bis in die
heutige Zeit treu, nahmen jedoch ganz automatisch nach einigen Generationen
die deutsche Sprache an und unterschieden sich - außer in der Religion und in
einigen wenigen kulturellen Merkmalen - nicht mehr von anderen Deutschen.
Die Nicht-Hugenotten wiederum hatten sich an die Religionsausübung der
"Franzosen" gewöhnt und lernten die kulturellen Einflüsse derselben schätzen und
lieben.
Das ist in der Geschichte immer wieder passiert und wird, trotz heutiger
Panikmache, auch weiterhin geschehen.
Alles Gute,
Leyla
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