Euro-islam Mittwoch, 30.10.2002 |  Drucken

Euro-islam



Zum Leserbrief von Abdurahman: Völkermord bleibt Völkermord schrieb:



zum Leserbrief von Abdurrahman:

Lieber Herr Abdurrahman,
sie betonen in Ihren Leserbrief ihre türkisch-osmanische Abstammung und distanzieren sich von der
europäischen Kultur. Wörtlich schreiben Sie unter anderem folgendes:

"Würde ich mich für einen Europäer halten, hätte ich die gleichen Vorfahren wie die deutschen(
drittes Reich) oder wie die Italiener( Moussilini) oder Spanier (zerstörung von Islamisch Andalusien,
Ermordung vieler Tausend Muslime, Franco), Frankreich (Kolonnien in Islamischen Staaten,
Ermordung vieler tausend Algerischen Brüdern und Schwestern etc.) England (Blutige
Kolonialmacht unteranderem in Indien etc.). Mit Mord, Gier, Materialismus, Ateismus, Darwinismus,
Marxismus,Kreuzzüge, Linke, Rechte, Kommunismus und all die anderen Europäischen Ideologien,
habe weder ich, noch meine Vorfahren etwas zutun.

Die differenzen zwischen Muslimen und Europäern sind viel zu gross als das man auf ewig in
Frieden mit den Europäern leben könnte. Irgendwann wird man mit uns das selbe probieren wie mit
den Juden oder den Bosniern oder den Albanern oder den Tchetchenen oder den Palästinensern.
Dessen bin ich mir eigentlich sicher. Deswegen sollte kein Muslim seine Identität leugnen
geschweige denn sie eintauschen."
Diese Auffassung reizt mich zum Widerspruch. Wenn Sie Herr Abdurrahman in Europa geboren
und aufgewachsen sind, aber kein Europäer sein wollen, was sind Sie denn dann ? Immer noch
Türke wie Ihre Vorfahren ?

Versuchen wir doch mal Ihre Ansichten von Europa von einer anderen Seite zu beleuchten.

Es ist richtig, daß es diese dunklen Seiten in der europäischen Geschichte gegeben hat. Leider
haben die politischen und geistlichen Führer im christlich geprägten Europa nicht nach den Lehren
des Christentums gehandelt. Gerade in Deutschland war die Zeit des Nationalsozialismus eine sehr
schmerzliche Epoche.

Leider vermittelt Ihr Leserbrief den Eindruck, daß Sie zwar über die dunklen Seiten der
europäischen Geschichte recht gut Bescheid wissen, nicht aber über die dunklen Seiten der
islamischen Welt. Sie stellen offenbar einem idealisierten Bild einer türkisch-islamischen
Gesellschaft ein negativ gezeichnetes Bild der westeuropäischen Kultur gegenüber.

Lieber Herr Abdurrahman, sie sehen zwar die von Israel getöteten Palästinenser, aber vor der
Unterdrückung des kurdischen Volkes durch seine muslimischen Nachbarstaaten verschließen Sie
die Augen. Sie wissen, von den Opfern der Kreuzzüge, aber nichts von den Opfern der islamischen
Eroberungszüge. Sie kennen den Hass der Serben auf die Bosnier, wissen aber nichts
über "Knabenlese" unter den Serben durch die osmanischen Herrscher. Sie erwähnen den
Befreiungskampf der Algerier gegen Frankreich aber wissen nicht, daß beim Befreiungskampf der
Timoresen etwa 30% der dortigen Bevölkerung durch die indonesischen Kolonisatoren umgebracht
wurden. Im osmanischen Reich wurden viele nicht-türkische Völker unterdrückt. Aufstände der
Griechen und Serben wurden blutig niedergeschlagen. Höhepunkt der Brutalität war wohl der
Völkermord an etwa 1,5 Millionen Armeniern. In der Türkei ist bis heute keine Aufarbeitung dieses
Völkermordes erlaubt. Im größten moslemischen Staat, in Indonesien findet mit der Umsiedelung
von moslemischer Bevölkerung in den indonesischen Teil Neuguineas nichts anderes als
Kolonialpolitik statt.

Mit der gleichen Logik wie Sie Herr Abdurrahman könnte ich jetzt den Spieß umdrehen und
schreiben: "Die differenzen zwischen Muslimen und Europäern sind viel zu gross als das man auf
ewig in Frieden mit den Muslimen leben könnte. Irgendwann wird man mit uns das selbe probieren
wie mit den Armeniern oder den Serben oder den Timoresen oder den Griechen oder den Papuas.
Dessen bin ich mir eigentlich sicher. Deswegen sollte kein Europäer seine Identität leugnen
geschweige denn sie eintauschen."

Lieber Herr Abdurrahman, diese Aufzählung liese sich noch lange fortsetzen, aber es geht nicht
darum sich gegenseitig Schlechtes aufzurechnen. Es geht darum aus den Fehlern der
Vergangenheit und aus der Unvollkommenheit der eigenen politischen und geistlichen Führung zu
lernen und diese Fehler in Zukunft zu vermeiden. Ich hoffe sie verstehen, daß es in allen Kulturen
und Weltreligionen gute und schlechte Entwicklungen gab.

Wenn eines Tages die Türkei der EU beitritt, dann ist der Massenmord an den Armeniern genauso
Teil der europäischen Geschichte wie der Massenmord an den Juden. Ich werde mir dann als
Europäer auch noch diesen dunklen Fleck aufladen lassen müssen.

Ich denke, daß viele Staaten der islamischen Welt eine sehr idealisierte Sicht der eigenen
Geschichte lehren. Eine Aufarbeitung negativer Aspekte der eigenen Geschichte findet nicht statt.
Dies trifft sicher auch auf einige westliche Staaten (USA, GB, Japan, ...) zu. Diese einseitige
Sichtweise eigener Geschichte trifft durch Einwanderer aus diesen Ländern in Deutschland natürlich
mit einer sehr selbstkritischen Sicht der deutschen Vergangenheit zusammen, dies führt vielleicht
noch zu einer Verstärkung des Idealbildes des jeweiligen Herkunftslandes.

Genauso, wie sogenannte "christliche Staaten" christliche Grundsätze mißachtet haben,
mißachteten vermutlich auch "islamische Staaten" die Gebote des Islams. Gerade deshalb müssen
Christen und Muslime uns immer wieder an unseren eigenen Maßstäben prüfen lassen.


Herr Abdurrahman, ich möchte Ihnen noch ein Gleichnis von Jesus ans Herz legen, den Muslime ja
auch als Propheten verehren:

"Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt! Denn euer Urteil wird auf euch
zurückfallen, und ihr werdet mit demselben Maß gemessen werden, das ihr bei anderen anlegt.
Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und
bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen ? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner
Schwester sagen: >Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen<, wenn du selbst
einen ganzen Balken im Auge hast? Scheinheilig bist du ! Zieh doch erst den Splitter aus deinem
eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern" (Matt. 7,
1-5)


Viele Grüße

Günter B.


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