Newsnational Montag, 29.08.2016 |  Drucken

"Wir sind Deutsche, deutsche Muslime und dies nicht nur auf Bewährung."

Ein Debattenbeitrag des Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, über die angespannten deutsch-türkischen Beziehungen und deren Auswirkungen in Deutschland, insbesondere der muslimischen Commnunity.

(Erstveröffentlichung in der Islamischen Zeitung am 25.08.2016) Gerade weil wir ein Staat sind, in dem Religion und Politik getrennt sind, müssen wir die Diskussion über Muslime und deren Religionsgemeinschaften hierzulande wieder versachlichen. Drohungen und Dialogabbrüche sind kein Ersatz für praktische Politik und haben der Integration seit jeher geschadet.

Ich appelliere an die Politik, trotz Wahlkampf weder den Kopf zu verlieren, noch der Rhetorik der AfD zu verfallen, die sich das Ziel gesetzt hat, die Muslime in Deutschland zu bekämpfen und zu Bürgern 2. Klasse zu machen.

Viel Porzellan ist in den letzten Tagen, insbesondere im Zuge des gescheiterten Putschversuchs in der Türkei, zerschlagen worden. Einige scheinen ein Interesse daran zu finden, alles Türkische unter Vorbehalt zu stellen. Muslime geraten so unter Generalverdacht. Damit laufen wir Gefahr, längst zugeschüttet geglaubte Gräben wieder aufzureißen und Abmachungen und Verträge, die über Jahrzehnte erarbeitet worden sind, wie es die Diskussionen in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und jetzt in NRW zeigen, leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei steht die Türkische Community in Deutschland gespalten dar. Verschiedene Lobby-Organisationen treiben hier wie dort die Spaltung weiter voran. Ansätze, diesen Streit in Deutschland nicht eskalieren zu lassen, sind noch zu wenig erkennbar. Die Folge: Das Deutsch-Türkische Verhältnis, ohnehin seit Jahren nicht zum Besten bestellt, scheint derzeit am Boden zu sein.

Die Politik hat keine Antwort darauf, wie der Umgang mit dem Großteil der hier lebenden Deutschtürken aussehen soll, die durchaus Sympathien zur AKP hegen und das womöglich sogar mehr als im Verhältnis zu den Türken im eigenen Mutterland. Mich erfüllt mit Sorge, wenn wir diese Gruppe, die inzwischen sprachfähig und gut ausgebildet ist, ständig nur marginalisieren, diskreditieren und zum Spielball innenpolitischer Ränkespiele machen. Wir verlieren damit eine ganze Generation.

Und die AKP-nahen Politiker und Aktivisten hierzulande haben bisher auch keine erkennbaren Konzepte und Vorstellungen entwickelt, wie die Gruppe der Deutschtürken eines Tages als gleichwertige Deutsche eingegliedert werden sollen. Ihre Bemühungen beschränken sich oft darauf, in Deutschland ein Karrieresprungbrett für das türkische Parlament zu sehen, anstatt eine nachhaltige Integrationspolitik zu formulieren.

Hinzu kommt, dass vielen deutschen wie türkischen Medien inzwischen auch nicht mehr einfällt, als mit dem Fähnchen der Objektivität die Gruppen in „Erdoganfans und -hasser einzuteilen“. Damit leisten sie der Polarisierung weiter Vorschub mit dem Ergebnis, dass der gegenwärtige Diskurs weder die Realität angemessen beschreibt, noch eine Basis für vernünftige Analyse der Situation darstellt. Das ist Stunde der Populisten, der Vereinfacher und der Hassprediger. Empathie bleibt auf der Stecke.

Beispiel eins: Zu wenige haben hierzulande mit dem Türkischen Volk mitgefühlt, das soeben einen Putsch erfolgreich niedergerungen hat und nichts mehr fürchtet als eine erneute Militärdiktatur.
Beispiel zwei: Zu wenige Deutschtürken begreifen, dass nicht wenige Deutsche sich fürchten, dass zu oft noch türkischer Wahlkampf auf deutschem Boden ausgetragen wird.

Wir wollen den Deutschtürken erklären, dass sie hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Das erreichen wir aber nicht, indem wir alles Türkische diskreditieren und abstrafen, oder indem Außenpolitik gegenüber der Türkei zur deutschen Innenpolitik hochstilisiert wird.

Unser Lebensmittelpunkt ist Deutschland. Dies ist unser Land. Daran besteht kein Zweifel und der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) wird hier als deutsche Religionsgemeinschaft agieren, stets auf dem Boden des Grundgesetzes und im Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Gruppen. Wir werden keine Einflussnahme von außen, egal um welches Land es sich handelt, dulden. Wir werden uns gegenüber jeder extremistischen Gruppe zur Wehr setzen, seien sie rechts, links, religiös oder völkisch-nationalistisch.

Das gebietet uns nicht nur unser muslimischer Glauben. Auch als Bürger des Landes stehen wir mit unseren Werten allemal dahinter. Niemals wird der ZMD zulassen, dass ideologisch motivierte Bewegungen, seien sie religiös oder nationalistisch, auf unsere Agenda Einfluss nehmen. Zu diesem Selbstverständnis hat sich der ZMD immer bekannt und dies seit Jahrzehnten praktiziert. Darin wird sich erst recht in diesen Zeiten nichts ändern.

Der derzeitige Diskurs übersieht aber sträflich, dass die strukturelle und alltägliche Diskriminierung und Feindseligkeiten gegenüber den Muslimen bereits jetzt Realität ist. Sie wird durch die gegenwärtige Diskussion noch schlimmer. Es ist Zeit, in allen Richtungen verbal abzurüsten. Die Vorbehaltsdiskussion gegenüber den Muslimen muss ein Ende nehmen. Wir sind Deutsche, deutsche Muslime und dies nicht nur auf Bewährung.

Wir machen auch einen großen Fehler, wenn wir die muslimischen Religionsgemeinschaften in Deutschland, jene, die die organisierte muslimische Mitte repräsentieren, diskreditieren und gesellschaftspolitisch isolieren. Dadurch werden radikale Gruppierungen und Einzelpersonen jeglicher Couleur gestärkt. Geschwächt wird das muslimischen Leben in Deutschland, Integration und Prävention ein weiteres Mal vertragt. Scharlatane und falsche Anbieter werden leichtes Spiel bekommen.




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