Artikel Dienstag, 07.07.2015 |  Drucken


Baccalaureat: Eine multireligiöse Examensverleihungszeremonie Von Shelley A. Sackett

Mein jüngster Sohn erhielt vor Kurzem seinen Abschluss an der Tufts Universität, es stellte einen Übergangsritus für ihn und das Ende eines Lebenskapitels für uns beide dar. Den Tag vor der Abschlussfeier sind wir bei der Baccalaureatsaushändigung gewesen. Im dem Meer aus Kappen und Talaren konnte man meinen Sohn kaum von seinen 1250 Kommilitonen unterscheinen. Unter den Zuschauern zwischen Eltern mit Tränen in den Augen saß ich. Es erwies sich als ein schwieriges Unterfangen, sich gegenseitig im Auge zu behalten, während die feierliche Prozession voranschritt. Es handelte sich nicht um eine persönliche, private Situation, in der man für sich allein den Weg von einem Lebensabschnitt zum nächsten feiert. Man befand sich im riesigen Familiensport- und Versammlungscenter Gantcher, der, wie es schien, dabei war, aus allen Nähten zu platzen.

Anders als bei der Abschlussfeier am folgenden Tag schien die Baccalaureatsaushändigung ein magisches Netz zu weben, das jedes Individuum im Gebäude aneinander band. Trotz der höhlenartig wirkenden, leidenschaftslosen Umgebung berührte mich das Wesen dieser Aushändigung in einer Weise, die unerwartet intim, spirituell und bindend wirkte.

Es war kein geringer Kraftakt für irgendeine obskure christliche Tradition aus dem Mittelalter. Die ursprüngliche Absicht des Baccalaureats bestand wortwörtlich darin, Hochschulabsolventen mit „Loborationen“ zu versehen, weil sie in Begriff waren, die Schwelle zum Leben nach ihren Hochschuljahren zu überschreiten. Die Zeremonie, ein religiöser Schulentlassungsbrauch, der bis ins Jahr 1437 an der Universität zu Oxford zurückreicht, bestand aus einem Gottesdienst mit Anbetung in Feier und Dankgebet für ein Leben in Strebsamkeit und in Weisheit.

An der Tufts Universität wird das Baccalaureat vom Universitätskaplan und dem interreligiösen Studentenrat koordiniert. Es bildet die letzte Gelegenheit der Oberklasse, noch einmal alleine als Klasse zusammen zu sein. Als Eltern versucht man innerlich nachzuverfolgen, wie schnell die 21 Jahre vom Austritt des Kleinen aus dem Mutterleib bis hierher vergangen sind. Da erscheint es eine hilfreiche Erfahrung, sich bewusst zu werden, dass dieser Tag für meinen Sohn selbst ebenfalls ein bittersüßer sein würde.

Es war eine multireligiöse Feier, die das von Studenten (und ihren Eltern) geteilte Erbe aus einerseits Verschiedenheit und andererseits den gemeinsamen Werten des Lernens, des Dienens und der Zusammenarbeit würdigen sollte. Das Programm legte seinen Akzent auf Gebet, Meditation und Besinnlichkeit. Begleitet wurde es von Livemusik: Zuerst kam Jazz, diesem folgte ein traditionelles gälisches Lied und abschließend ein traditionelles afroamerikanisches Spiritual.

Sogar das Programmheft fühlte sich mehr wie ein globales Gebetsbuch an als ein Ablaufplan einer Hochschulabsolventenfeier. Anstatt aus Seiten mit Auflistungen der Gewinner von Wettbewerben und Preisen, bestand das Programm verblüffenderweise aus Lesungen und Segenssprüchen. Das Titelblatt bildete die 15 religiösen und philosophischen Symbole sämtlicher Traditionen ab, die auf dem Tufts Campus gepflegt werden.

Fünf sogenannte „Lesungen der Inspiration“ zeichneten die verschiedenen Formen nach, welche die aus insgesamt 37 Nationen und 47 Staaten stammenden Studenten jeweils als Gottesverehrung verfolgen. Ausgewählt wurden Texte aus den Heiligen Büchern der Hindus, der Juden, der Christen, der Muslime und der Humanisten. Bei der Lesung der englischen Übersetzung war es unmöglich, die Ähnlichkeiten nicht herauszuhören und zu bestaunen.

Wenn man die Texte nun in den Originalsprachen zu hören bekam; aus der Upanischad auf Sanskrit, aus der Bibel auf Hebräisch, aus dem Koran auf Arabisch, kam noch mehr Tiefe zum Vorschein. Diese Sprachen ließen einen sowohl melodisch als auch hymnisch die Heiligkeit „spüren“. Jedes Gebet sprach vom Frieden, von der Schönheit des Lebens und von dem Gottesgeschenk der Geduld. Es war eine machtvolle Erinnerung daran, dass wir, trotz unserer Divergenzen in der Form der Gottesverehrung und des kraftvoll zum Ausdruck gebrachten Stolzes auf unsere eigenständigen Identitäten, eine Gemeinschaft sind, die uns zusammenschließt und keine Furcht vor der Andersheit kennt.

Anthropologen beschreiben den Übergangsritus als die Markierung einer Stufe im Lebenszyklus einer Person von einer Phase zu einer anderen. Was für ein überzeugender und würdiger Schlussstein das war für diese herangehenden Erwachsenen. - Und ebenso für uns Eltern.


Shelley A. Sackett war Redakteurin der Zeitung The Jewish Journal in Boston/Massachusetts sowie Wissenschafts- und Kulturfeatureschreiberin für die amerikanisch-jüdischen Zeitungen The Forward und The Jewish Voice. Beim Jewish Journal verfeinerte sie ihre journalistischen Schreibfertigkeiten und entwickelte Geschmack an einem breiten Themenfeld. Ihre Texte reichen von der Sparte Kultur über Nachrichten, Features bis hin zu Meinungsartikeln. Ihre gleichzeitige Ausbildung als Juristin und Jogalehrerin bot ihr eine einzigartige Perspektive, die sie auf ihrem Blog mitteilt. Wer sich einen Einblick verschaffen möchte, findet ihn unter http://shelleysackett.com .
Im Jewish Journal erschien dieser Artikel im englischen Original am 28. Mai 2015. Mohammed Khallouk hat ihn für islam.de ins Deutsche übertragen.






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