Newsnational Freitag, 09.05.2014 |  Drucken

Radikal-Humanitär

Interview mit Rupert Neudeck zu seinem 75. Geburtstag

Troisdorf - Rupert Neudeck, Journalist und Gründer der Hilfswerke «Cap Anamur» und «Grünhelme», wird am Mittwoch (14. Mai) 75 Jahre alt. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zieht er eine Bilanz seiner Arbeit und erklärt, dass er sich weiter engagieren will. Kritik äußert er an den großen UN-Hilfsorganisationen.

KNA: Herr Neudeck, ist mit 75 noch lange nicht Schluss?

Neudeck: Ich komme aus einer katholischen Familie, in der nur der
Namenstag gefeiert wurde. Meine Mutter sagte immer: Geburtstag hat
jede Kuh. Deshalb ist mir dieser Tag ziemlich egal. So lange es mir
Freude macht, werde ich mich engagieren. Und es gibt nichts
Schöneres, als etwas Sinnvolles tun zu können.

KNA: Mal sind Sie in Syrien, mal in Nordafrika und mal in
Afghanistan. Gibt es eigentlich Kriterien dafür, wo Sie als Helfer
tätig werden?

Neudeck: Manchmal sind es die Spender, die uns beauftragen. Nach dem
Tsunami wollte ich eigentlich gar nicht in Indonesien tätig werden.
Aber dann haben uns unsere Geldgeber von sich aus so viel Geld
gegeben, dass wir gar nicht anders konnten. Der Spenderwille ist
heilig. Manchmal sind auch gute Bedingungen entscheidend: In dem
islamisch geprägten Mauretanien beispielsweise gibt es mit dem
Münsterländer Martin Happe einen unglaublich klugen und beliebten
katholischen Bischof aus Deutschland. Und weil Mauretanien eine
zentrale Ausgangsbasis für Flüchtlinge nach Europa ist, haben wir
dort gemeinsame Bildungsprojekte auf die Beine gestellt. Die
Flüchtlinge erhalten eine handwerkliche Ausbildung, um in ihrer
Heimat ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.

KNA: Für Syrien treffen vermutlich aber beide Kriterien nicht zu...

Neudeck: Manchmal hat man als Hilfsorganisation einfach die
Verpflichtung, sich zu engagieren: Wenn etwa Staaten nichts tun
können oder wollen. Und wenn die Menschen von allen verlassen sind.
Übrigens sind die Spenden für Syrien gar nicht so schlecht. Und bei
allen Projekten von Cap Anamur und den Grünhelmen haben wir noch nie
einen Korb von den Spendern bekommen.

Wenn ich Menschen in Not erlebe, muss ich helfen, und zwar sofort und persönlich

KNA: Was treibt Sie eigentlich an?

Neudeck: Ich bin, wie gesagt, in einer Familie aufgewachsen, die das
Evangelium, besonders die Bergpredigt, sehr ernst genommen hat. Auch
das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter bringt es auf den Punkt:
Wenn ich Menschen in Not erlebe, muss ich helfen, und zwar sofort und
persönlich. Außerdem bin ich dankbar dafür, in einer so
menschenfreundlichen Gesellschaft wie in Deutschland aufgewachsen zu
sein. Rechtsstaat, Sozialstaat: Um diese Dinge beneiden uns
Milliarden Menschen. Von diesem Glück will ich etwas zurückgeben.

KNA: Haben Ihre Kriegserlebnisse auch etwas damit zu tun?

Neudeck: Ende Januar 1945 hat meine Mutter mit uns vier Kindern auf
der Flucht aus Ostpreußen ganz knapp das Lazarettschiff «Wilhelm
Gustloff» verpasst. Wenig später haben wir erfahren, dass das Schiff
in der Ostsee von sowjetischen U-Booten versenkt wurde - mit mehr als
9.000 Opfern. Diese Erfahrung prägt mein Leben. Auch deshalb habe ich
mich so direkt angesprochen gefühlt, als Ende der 70er Jahre Tausende
vietnamesische Bootsflüchtlinge im chinesischen Meer kurz vor dem
Ertrinken standen.

KNA: Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs hat einmal
gesagt, ein Journalist sollte sich mit keiner Sache gemein machen,
auch keiner guten. Haben Sie sich immer noch als Journalist
verstanden?

Neudeck: Ich halte diesen Satz, mit Verlaub, für Unsinn. Natürlich
sollte ich nicht parteiisch über politische Fragen berichten. Aber
wenn ich als Journalist in ein KZ gehe oder das Elend der boat people
sehe, dann muss ich schreien und schreiben.

KNA: Sie haben unter anderem über Camus promoviert. Kommen Sie sich
manchmal vor wie sein Sisyphos?

Neudeck: Als humanitärer Helfer hat man keine Erfolgsgarantie. Man
muss immer wieder einrechnen, dass Projekte scheitern. Aber ohne die
Hoffnung, dass etwas gelingen kann, kann man auch nicht arbeiten.
Aber Camus Aussage ist schon richtig: Wer immer strebend sich bemüht,
kann ein glücklicher Mensch sein.

KNA: Sie arbeiten bei den Grünhelmen ohne großen Apparat. Zugleich
haben Sie immer wieder die großen Hilfsorganisationen wegen
mangelnder Flexibilität kritisiert. Gilt das immer noch?

Neudeck: In der Tat bin ich mit den großen UN-Organisationen immer
noch über Kreuz - wegen ihrer First-Class-Mentalität, ihrem
Absicherungsbedürfnis. Sie bräuchten eine Reform an Haupt und
Gliedern. Sie sind nicht nah genug bei den Menschen in Not. Was aber
nicht heißt, dass ich gegen die UNO bin. Im Gegenteil: Sie wird immer
wichtiger. Was unsere eigene Arbeit angeht, glaube ich, dass wir sehr
effektiv sind, ohne große Bürokratie, mit direkter unmittelbarer
Kommunikation, natürlich nicht ohne Fehler. Da zitiere ich gern
meinen theologischen Lehrer Johann Baptist Metz: Er forderte von
seiner Kirche eine radikale Nachfolge Jesu, die auch manchmal
?subversiv? sein kann. Das gilt auch für die humanitäre Hilfe.

KNA: Damit wären wir bei Ihrer katholischen Kirche, die Sie durchaus
heftig kritisieren...

Neudeck: Natürlich kritisiere ich auch da die Apparate und ein zu
Viel an Weihrauch. Andererseits wird die Kirche immer wichtiger für
die Menschheit - auch wenn die zurückgehenden Mitgliederzahlen in
Deutschland einen anderen Eindruck erwecken. Aber im Evangelium ist
uns nicht verheißen, dass wir unbedingt die Mehrheit der Bevölkerung
stellen müssen.

KNA: Papst Franziskus und sein Besuch auf der Flüchtlingsinsel
Lampedusa dürfte Ihnen sehr gefallen haben...

Neudeck: Das war schon unglaublich, dass Franziskus seinen ersten
offiziellen Besuch bei den Flüchtlingen dort macht. Das ist ein
Auftrag an uns alle. Er verkörpert eine ganz andere Form von Kirche:
Wir brauchen weniger Kirchbauten, weniger Weihrauch und
Selbstbeschäftigung, dafür mehr Telefonseelsorge und konkrete Hilfe
für Menschen in Not. Das ist für mich die Kirche von morgen. Wenn ich
höre, dass der Bischof von Rottenburg-Stuttgart ein leerstehendes
Kloster für Flüchtlinge öffnet, dann ist das ein Signal in diese
Richtung, das mich unglaublich freut.

KNA: Was können denn Menschen tun, die nicht so in der Welt
herumreisen wie Sie selbst?

Neudeck: Jeder kann in seinem Umfeld genug tun. Jeder von uns kann
Flüchtlingen vor Ort helfen, sie bei Behördengängen begleiten, ihnen
Sprachunterricht geben. Man muss ja gar nichts Unmögliches tun - es
kann sogar Spaß machen.

KNA: Was wünschen Sie sich zu Ihrem 75. Geburtstag?

Neudeck: Ich habe drei Wünsche: Ich würde gern noch einmal einen
Marathon laufen, und zwar im Gazastreifen, der eine Küstenlinie von
genau 42 Kilometern hat. Außerdem möchte ich gern noch eine dieser
wunderbaren arabischen Sprachen lernen - zumindest in Ansätzen. Und
drittens möchte ich mich dafür einsetzen, dass die Stadt in
Ostpreußen, die früher Königsberg hieß und noch heute nach dem
Verbrecher und früheren sowjetischen Staatsoberhaupt Kalinin benannt
ist, einen neuen Namen erhält. Ich möchte eine Initiative mit
anstoßen, die Stadt nach ihrem früheren Bürger und größten
Philosophen der Neuzeit zu benennen. Nach Kant.



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