Artikel Montag, 16.09.2013 |  Drucken

Am Verhältnis zum Islam zeigt der Autor Kai Hafez den Europäern die Unvollständigkeit ihrer Liberalität auf – Buchbesprechung „Freiheit, Gleichheit und Intoleranz„- Von Mohammed Khallouk

Die meisten Europäer sind davon überzeugt, dass die liberale Demokratie, ihr Gesellschaftsmodell und Grundlage ihrer Staatsordnung, nicht nur das modernste System darstelle, sondern zugleich universell nachahmenswert sei. Es basiere dem eigenen Anspruch nach sowohl auf der individuellen Freiheit des Einzelnen, als auch auf der prinzipiellen Gleichwertigkeit und politischen Steuerungsmöglichkeit aller seiner Mitglieder. Da mehrere Modelle dieses Grundsystems vorherrschen und den unterschiedlichen Zielen je nach Weltanschauung unterschiedliche Gewichtung zugemessen wird, existiert eine fortwährende akademische Debatte, die sich immer wieder an erkannten und gemutmaßten Defiziten des Bestehenden entzündet.

Kai Hafez zufolge bestehe ein solches Defizit in der verbreiteten Ausgrenzung von Muslimen, ausgehend von einer von Stereotypen und Fremdheitskategorien bestimmten Sichtweise der christlich geprägten westlichen Mehrheitsgesellschaft ihnen gegenüber bzw. vom Islam. In seinem neuesten Buch „Freiheit, Gleichheit und Intoleranz – Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas“ erörtert Hafez die Gesellschaftsentwürfe von Liberalen, Konservativen und Linken Europas oder Nordamerikas und zeigt anhand der Realität der muslimischen Minorität in Deutschland, aber auch in besonders hinsichtlich des Verhältnisses von Staat und Religion anders konzipierten europäischen Demokratien wie Frankreich oder Großbritannien, dass große Teile der Eliten wie der Civil Society des Westens die eigens vorgegebenen Universalwerte nur begrenzt als solche verinnerlicht haben.

Der Autor beleuchtet die Stellung des Islam auf verschiedenen Ebenen der Politik versus des Rechts (Kapitel 1) und der Gesellschaft (Kapitel 2), sowie die Einstellung verschiedener Einflussträger auf die öffentliche Meinung, von den Medien (Kapitel 3), über das Erziehungswesen (Kapitel 4) bis zu den Kirchen (Kapitel 5) gegenüber Muslimen. Dabei stellt er nicht nur ein strukturelle Diskriminierung der Muslime, basierend auf einer ihnen tendenziell feindlich gesinnten Umwelt fest, sondern hebt zugleich heraus, dass die meisten in Europa lebenden Muslime sich mit den neuzeitlichen europäischen Leitidealen Demokratie und Menschenrechten in größerem Maße als vielfach angenommen arrangiert haben und das bei ihnen vorherrschende Verständnis ihrer Religion hiermit auch kompatibel ist.

Die aus der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft gebetsmühlenartig wiederkehrende Forderung nach „Integration muslimischer Immigranten“, wertet Hafez als Signum für versteckte Intoleranz, verstünde man darunter doch im Wesentlichen Assimilation und Distanzierung vom islamischen Wertefundament beziehungsweise einen Prozess, der vorwiegend von der Minorität ausgehen müsse. Mit Verweis auf Erhebungen in verschiedenen europäischen Staaten betont er, dass keine Religion im Bewusstsein der Europäer so sehr mit Negativattributen wie „gewalttätig, patriarchalisch oder aufklärungsresistent“ belegt ist wie der Islam. Die europäischen Muslime hätten ungeachtet dessen jedoch ihrerseits in der Mehrheit ein positives Bild sowohl von der westlichen Demokratie als auch ihrer christlich geprägten Umwelt und die meisten Muslime hierzulande identifizierten sich sogar mit dem modernen Deutschland - wenngleich sie größeres Vertrauen in Staat und demokratische Institutionen hätten als in die Mehrheitsbevölkerung.

Mag der postulierte Gegensatz zwischen allgemeiner Sichtweise des Islam auf das Christentum zur majoritären christlichen Sichtweise auf den Islam in Historie und Gegenwart dem eigenen muslimischen Hintergrund des Autors geschuldet sein, die Tatsache, dass die persönlichen sowie von gemeinsamen Interessen und Zielen getragenen Kontakte in Deutschland häufiger von Muslimen zu Nichtmuslimen gesucht werden als umgekehrt, lässt sich nicht bestreiten.

Selbstverständlich ist es für eine Minorität statistisch einfacher, Kontakte zur jeweiligen Majorität aufzubauen und sich vorurteilsfrei auf diese zu zubewegen als umgekehrt für die Majorität gegenüber der Minorität. Innerhalb der Majorität wird der Dialog mit der Minorität auch seltener als notwendig angesehen. Gerade deshalb benötigt die europäische Gesellschaft, wie Hafez zu recht betont, mit dem von ihm propagierten „multikulturellen Liberalismus“ jedoch eine geistig ethische Grundlage, die zur Begegnung mit dem Anderen animiert.

Bekämpfung und Überwindung politischer und sozioökonomischer Krisen könne zwar dazu beitragen, dass die Suche nach „Sündenböcken“ in den Muslimen in geringerem Maße angestrebt werde. Um islamophobe Grundeinstellungen aus der bürgerlichen Mitte herauszubekommen und zur Randerscheinung werden zu lassen, erfordere es jedoch ein auf gegenseitige Anerkennung hinaus zielendes Gesellschaftskonzept, dass in allen Einflussbereichen, besonders im Erziehungswesen zur Geltung gebracht werde.

In Kapitel 4 mit Augenmerk auf Bildung und Wissenschaft hebt Hafez hervor, dass die europäische Sozialwissenschaft durchaus die theoretischen Voraussetzungen besitze, um einen produktiven, dem Miteinander dienlichen Dialog der Mehrheitsgesellschaft mit der muslimischen Minorität zu verwirklichen. Die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas ist nur eines von zahlreichen vorgebrachten Beispielen, mit denen der Autor erkennen lässt, dass sich die europäische Intellektualität der Notwendigkeit eines auf Gegenseitigkeit beruhenden Anerkennungsprozesses zwischen Vertretern verschiedener Religionen und Weltanschauungen bewusst ist. Zugleich kritisiert er die seltene Bezugnahme der Sozialtheorie auf das Verhältnis zu Muslimen, seien Abwehrhaltung und Ausgrenzungsdiskurse doch gegenüber kaum einer anderen Religion derart verbreitet wie gegenüber dem Islam.

Die unzähligen aufgezeigten Beispiele aus der westlichen sozialwissenschaftlichen Literatur, die sich dem Thema Islamophobie und ihrer Bekämpfung zuwenden, verleihen nichtsdestotrotz die Hoffnung, dass auch die öffentlichen Verantwortungsträger in Politik, Medien, Kirchen, Kindergärten und Schulen die Islamfeindlichkeit immer mehr als eine Ursache unzureichender Chancengleichheit und somit auch unvollständiger Liberalität wahrnehmen. Im Sinne Hafez lassen sich hieraus Konzepte entwickeln, dem Islam nicht nur in Sonntagsreden von Politikern, sondern auch im Bewusstsein der nichtmuslimischen Mehrheit die gleichberechtige Partizipation am deutschen Gemeinwesen zuzugestehen. Insgesamt besticht Hafez durch die umfangreiche Kenntnis der europäischen sozialwissenschaftlichen Theorienlandschaft und sein Vermögen, daraus immer wieder gewinnbringende Erkenntnisse im Hinblick auf das künftige Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen im freiheitlich demokratisch verfassten Deutschland und Europa herauszuziehen.  

Kai Hafez : Freiheit, Gleichheit und Intoleranz
Der Islam in der liberalen Gesellschaft Deutschlands und Europas
Transcript Verlag, Bielefeld 2013
ISBN 978-3-8376-2292-8






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