Artikel Montag, 13.05.2013 |  Drucken

Fatima Grimm: Ihr Leben kommentiert den Koran – Nachruf von Hamida Behr

Fatima Grimm war, was viele in diesem Land nicht für möglich halten wollen, eine unabhängige deutsche Muslimin, gebildet, wortgewandt und mitfühlend. Voller Verständnis für das Unverständnis der Anderen, nie belehrend, nie abweisend. Auch ihre Glaubensgeschwister nahm sie, wie sie zu ihr kamen, sie war nie dogmatisch, sondern begegnete jedem freundlich und wertschätzend.

1960 im Alter von 26 Jahren wurde sie Muslimin. Sie verließ daraufhin mit ihrem Mann Bayern und ging nach Pakistan, wo damals die muslimische Intelligenzija zusammenkam. An diesem place to be studierte sie religiöse Lehrschriften. Danach lebte sie in München und Hamburg. Sie nahm sich den Anliegen der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland an und nutzte ihren Heimvorteil als ‘echte‘ Deutsche, um sich für die Gründung von muslimischen Kindergärten und Schulen einzusetzen, entwickelte Lehrmaterial für Kinder und Jugendliche, unterrichtete und hielt Vorträge. Ressentiments und Vorurteile räumte sie geduldig aus dem Weg, und mit viel Freundlichkeit erklärte sie religiöse Traditionen, um muslimisches Leben in Deutschland zu ermöglichen. Fatima Grimm hatte Freude am Austausch über ihre Religion. Mit ihren Hamburger Mitbürgern setzte sich Fatima Grimm geduldig und achtsam auseinander. Sie nahm an vielen interreligiösen Dialogveranstaltungen teil, stand Journalisten Rede und Antwort und publizierte Aufsätze über das Zusammenleben in Deutschland. Auf populäre Fragen, wie nach dem Kopftuch, antwortete sie pragmatisch mit Verweis auf den Koran. Dabei stellte sie die Komplexität der Schrift dar, ließ Raum für persönliche Auslegung und verdeutlichte die Freiheit der Frau.

Ihr wahrscheinlich größtes Vermächtnis ist die Übersetzung des Korans mit ausführlichen Kommentaren. Dies ist die erste deutsche Übersetzung, die gemeinsam von sunnitischen und schiitischen Muslimen erarbeitet und herausgegeben wurde. Dieses Werk gehört zu einem neuen Kapitel der deutschen Koranrezeption. Die Geschichte deutscher Übersetzungen des Korans geht weit zurück, doch Muslime spielten bis ins letzte Jahrhundert keine Rolle dabei. Bei der ersten Übersetzung von Teilen des Korans ins Deutsche vor über 600 Jahren ging es nicht darum, die Worte zu erfassen in ihrer Tiefe und Vielschichtigkeit, ganz im Gegenteil, Männer der Kirche wollten die Schrift entlarven. In Konkurrenz zur eigenen Religion sollten dem Koran und seinem Überbringer Mohammed teuflische Gesandtschaft nachgewiesen werden. Islamwissenschaftler folgten im vergangenen Jahrhundert mit Übersetzungen des Korans und bemühten sich um philologisch genaue Übersetzungen. Dennoch wurden eigene Orientvorstellungen in die Übersetzung projiziert, wie es beispielsweise in der Übersetzung Rudi Parets von Jenseitsvorstellung oder Frauenbeschreibungen deutlich wird.

Fatima Grimm hingegen wollte die Worte des Korans und ihren Sinn vertraut machen. In ihrer Übersetzung bleiben sie nicht fremd und exotisch. Vielmehr entschlüsselt sie den lokalen Kontext und macht die Aussage dadurch erkennbar. Vom lokalen und historischen Kontext befreit wird der Koran greifbar und gegenwärtig. Fatima Grimm wählte zeitgenössische Korankommentare auf Arabisch, Englisch und Urdu aus und übersetzte sie mit einem Kreis von Experten, vor allem deutschen und arabischen Frauen, ins Deutsche. Die fünf Bände entstanden unter Mitarbeit zahlreicher Kollegen und Kolleginnen über den Zeitraum von sechzehn Jahren. Sie sind weit verbreitet und werden vielerorts zum Koranstudium genutzt. Für die deutschen Wissenssuchenden sind sie ein Schlüssel zum Koran. Noch haben Islamwissenschaftler sich nicht mit ihrem Werk auseinandergesetzt. Doch in den neuen Abteilungen für Islamischen Theologie findet man ihren Kommentar.

Fatima Grimm hat den deutschen Muslimen Wissen und Worte zu ihren religiösen Schriften gegeben. Am 6. Mai ist Fatima Grimm im Alter von 78 Jahren gestorben. Sie ist ein großer Verlust für unsere Gemeinschaft – Von Gott kommen wir und zu ihm kehren wir zurück. Möge Er mit ihr zufrieden sein.

Die Autorin hat Islamwissenschaften und Erziehungswissenschaften in Hamburg und Khartum studiert und kennt Fatima Grimm von Kindheit an





Ähnliche Artikel

» Hungern im Heiligen Land
» Zum traurigen Fall von Marwa...
» Groß-Scheich Mohammed Said Tantawi ist tot
» Tod, Leid und Zivilisation
» Was sagt der Islam zu Sterbehilfe sowie Selbsttötung unter ärztlicher Beihilfe oder Aufsicht?

Wollen Sie einen
Kommentar oder Artikel dazu schreiben?
Unterstützen
Sie islam.de
Diesen Artikel bookmarken:

Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Folkd Google Bookmarks
Linkarena Mister Wong Newsvine reddit StumbleUpon Windows Live Yahoo! Bookmarks Yigg
Diesen Artikel weiterempfehlen:

Anzeige

Hintergrund/Debatte

Jeder soll nach seiner Facon selig werden Ausstellung „Türcken, Mohren und Tartaren“ in Wustrau
...mehr

Erneute Verwirrung um die Causa Khorchide, der barmherzige Umgang untereinander im Kontext neuerlicher Beschuldigungen und ein Wort zum neuen Gastdozenten Bekir Alboga
...mehr

Ressentimentgeladene Diskussion über Salafismus lenkt ab, dass der Islam zum gegenwärtigen Zeitpunkt dem Juden- und Christentum weder rechtlich gleichgestellt noch im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft gleichwertig ist - Von Prof. Mohammed Khallouk
...mehr

Hahnenkämpfe, andere Peinlichkeiten und der islamische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Deutschland - Replik auf den Artikel von Abdel-Hakim Ourghi in der FAZ. Von Dr. des. Jörg Imran Schröter (M.A.)
...mehr

Außenansicht: Warum müssen sich die Muslime für Mörder entschuldigen?
...mehr

Alle Debattenbeiträge...

Die Pilgerfahrt

Die Pilgerfahrt (Hadj) -  exklusive Zusammenstellung Dr. Nadeem Elyas

88 Seiten mit Bildern, Hadithen, Quran Zitaten und Erläuterungen

Termine

Islamische Feiertage
Islamische Feiertage 2012 - 2015

Tv-Tipps
aktuelle Tipps zum TV-Programm

Gebetszeiten
Die Gebetszeiten 2014 zu Ihrer Stadt im Jahresplan

Der Koran – 1400 Jahre, aktuell und mitten im Leben

Marwa El-Sherbini: 1977 bis 2009