Artikel Samstag, 23.02.2013 |  Drucken

Der Islam im Prokrustesbett - von Rachid Boutayeb

Prokrustesbett benannt nach der Foltermethode der griechischen Mythosfigur Prokrustes. Alle Körperteile, die über die Maßen des Bettes hinausragten, ließ Prokrustes abgeschlagen.

Brauchen wir heutzutage eine Modernisierung des Islam? Oder eher ein modernes Verständnis der Religion, das sie als eine private und persönliche Angelegenheit der Individuen versteht? Das Plädoyer verschiedener Islamwissenschaftler in westlichen Staaten für eine moderne islamische Theologie gleicht einem Anachronismus. Sie zwingen den Islam in ein Prokrustesbett, das ihm Gewalt antut.


Die Islamgeschichte besteht aus verschiedenen Traditionen und Islamen

Ähnlich in der Intention, aber konsequenter in der Ausführung ist der Versuch des islamischen Theologen Mouhanad Khorchide, der sein Prokrustesbett mit Überzeugung möglichst eng zimmerte. Dies lässt sich aus seiner Vorverurteilung der Tradition herauslesen. Man kann nicht über die Tradition im Allgemeinen sprechen, sondern nur über Traditionen, ebenso wenig wie man über einen Islam im Absoluten sprechen kann, sondern lediglich über Islamen. Genau diese Differenzierung ist es, die Khorchide in seinem Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ von der ersten Seite an unterlässt. Wir Muslime leben seit eh und jäh in Islamen, in verschiedenen Traditionen. Wir leben innerhalb des Islam in verschiedenen Religionen.


Ein barmherziger Gott ist schwach und ohnmächtig

Zweifelsohne hat der Verfasser Recht, wenn er die Reduzierung des Islam in Saudi- Arabien auf die juristische Ebene, bzw. auf die Scharia, kritisiert. Es handelt sich hier um eine Kritik, die schon viele arabische Denker vor ihm vorgebracht haben, deren Namen er allerdings unerwähnt lässt. Betreibt er dessen ungeachtet nicht selbst eine „Eindimensionalisierung“ des Islam, in dem er diese Religion auf die Barmherzigkeit reduziert? Seine Zentralthese, wonach der islamische Gott in seinem Wesen barmherzig sei, übersieht die anderen Wesensmerkmale dieses Gottes, wie sie im Koran und in der Sunna zum Ausdruck kommen. Im Islam, um das kurz und bündig zu fassen, kann man nicht über einen „schwachen Gott“ sprechen. Nur ein toter Gott ist barmherzig!

Der islamische Gott ist totalitär und damit auch autoritär. Er mischt sich in alle Bereiche des Lebens und in alle menschlichen Angelegenheiten ein, sogar in den Geschlechtsakt. Die Beziehung des Menschen zu Gott im Islam ist unbedingte Hingabe und nicht eine Freundschaftsbeziehung, als welche sie Khorchide darzustellen sucht. Der islamische Gott hat und braucht keine Freunde, er ist selbstgenügsam, er ist allein, denn die Freundschaft, wie sie schon Aristoteles erläutert hat und anschließend auch eine wichtige Figur jener Tradition, welche Khorchide mit einem Handstreich abzuschaffen sucht, nämlich A-tawhidi, existiert nur zwischen Gleichen und ist nur dort, wo die politische Herrschaft schwach ist, möglich.

Der Despotismus- und das wissen wir seit Goethe- duldet keine Wechselrede und demzufolge keine Freundschaft. Gott verlangt Gehorsam, unbedingten Gehorsam. Er steht über den Menschen. Deshalb ist die Rede über eine „zeitgemäße Lektüre des Korans“ ein bloßes Herumtappen. Was wir stattdessen innerhalb der Kultur des Islam benötigen, ist ein modernes, bzw. säkulares Verständnis der Religion, das sie als spirituelle und private Beziehung zu Gott, als „religio“, hervorhebt, und auf diese Weise die Religion von jeglicher politischen Instrumentalisierung befreit.


Christianisierung des Islam bedeutet Entmündigung der Muslime

Der Jargon von der Barmherzigkeit ist ein christlicher. Er gehört zu einer anderen Tradition, welche die Errungenschaften der Moderne hervorgebracht hat und die Reformation ebenso wie die Aufklärung erlebt hat. Der aus der Anlehnung an diesen Diskurs erkennbare Versuch, den Islam zu christianisieren, zeugt von einer eroberungssüchtigen Logik, welche den Anderen, sein Idiom, seine Singularität, seine Sprache und seine Andersheit ausschließt. Die Nächstenliebe erweist sich, Nietzsche zufolge, nur als ein „Drang nach neuem Eigentum“!

Die von Khorchide propagierte Hingabe zu Gott ist im Islam Ausdruck der Furcht, des Gehorsams, der menschlichen Ohnmacht, jedoch keine „Zusage an Gottes Liebe und Barmherzigkeit“. Der islamische Gott liebt nicht, er lebt auch nicht, er steht über dem Leben. Es handelt sich nicht um einen Jesus, der sein Selbst für die Menschheit geopfert hat, sondern um einen Gott, der Menschenopfer verlangt. Er befiehlt, belohnt und bestraft. Es handelt sich um ein Gesetz, das in einem bestimmten historischen Kontext entstanden ist, das nicht mehr unser ist oder unser sein kann; ein totalitäres Gesetz und damit eine Gesetzlosigkeit!

Was die Muslime in der europäischen Diaspora heutzutage bedürfen, ist nicht der Islam, es sind nicht die Minarette, die Gottes Allmacht demonstrieren, aber auch nicht die Barmherzigkeit, die Gottes Schwachheit bedeutet, sondern eine Erziehung zur Demokratie und eine gerechte Politik, welche die selbstgenügsame Logik der Monodemokratien Europas überwindet, die bis jetzt die Muslime als schlechte Bürger brandmarkt und ihnen demokratische Reife abspricht.

Dr. Rachid Boutayeb ist Philosoph und Islamwissenschaftler sowie Publizist bei renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie Merkur und Lettre Internationale






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