Artikel Dienstag, 20.03.2012 |  Drucken

Muslimische Akademie in Deutschland Bilanz nach sieben ein halb Jahren - Von Christian Abdul Hadi Hoffmann

In den Jahren 2003 und 2004 setzte sich ein Kreis von Muslimen und Nichtmuslimen zusammen, um über die Schaffung einer Muslimischen Akademie in Deutschland zu beraten. Die Idee war es, eine Institution zu schaffen, die die Lücke im System der deutschen Erwachsenenbildung schließen sollte, in dem es neben der Bundeszentrale und den Landeszentralen für politische Bildung, den Stiftungen der Parteien auch die Evangelische und die Katholische Akademie gibt – aber eben keine Muslimische. Ende Juni 2004 wagten die Musliminnen und Muslime den Schritt und gründeten, unter größter öffentlicher Aufmerksamkeit, die Muslimische Akademie in Deutschland e.V. in Berlin. Das Vorhaben war nobel, aber leider von zwei schwerwiegenden Geburtsfehlern begleitet: Die Frage einer gesicherten langfristigen Finanzierung wurde nicht zu Ende gedacht und geklärt. Von Anfang an wurde die Akademie von den muslimischen Verbänden mit Misstrauen beobachtet.

Projektförderung statt institutioneller Förderung


Eine ernst gemeinte Absicht der Bundeszentrale für politische Bildung, bzw. des Bundesinnenministeriums hätte bedeutet, dass nicht nur eine Muslimische Akademie gewünscht worden wäre, sondern dass von Anfang an über deren institutionelle und damit auch finanzielle Gleichstellung mit den anderen Akademien nachgedacht worden wäre - und diese Gleichstellung zumindest mittelfristig verwirklicht worden wäre. Der damalige Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum brachte es in einer Sitzung, zu der er als Berater hinzugezogen worden war, auf den Punkt. Er sagte sinngemäß: „Wenn der (finanzielle) Kuchen für politische Bildung nicht größer werden kann, dann müssen eben die Kirchen auf einen Teil der Förderung verzichten und das Geld muss zwischen allen Akademien gerecht verteilt werden.“ (Er sei dazu bereit.) Doch dieser Gedanke wurde im Vorbereitungskreis nicht weiterverfolgt, so dass von Anfang an das Gespenst der finanziellen Auszehrung über der Akademie schwebte. Spätere Versuche, bei der Bundeszentrale und dem Bundesinnenministerium eine Änderung in dieser Frage zu erwirken, blieben ergebnislos.  

Akademie und Verbände
 

Klare Intention des Vertreters der Bundeszentrale für politische Bildung und einiger islamkritischer Mitglieder des Gründungsgremiums war es, eine Akademie zu errichten, die von „unabhängigen“ (nicht verbandsorientierten) Musliminnen und Muslimen getragen würde und somit eine unabhängige Bildungsinstitution als Gegengewicht zu den Muslimischen Verbänden sein würde und könnte. Die muslimischen Vertreterinnen und Vertreter in diesem Gremium sahen ihrerseits kein Problem darin, als Individuen eine Akademie zu gründen, die dann allen Musliminnen und Muslimen und einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland dienen könnte. Sie machten sich jedoch nicht ausreichend klar, wie sehr dieses Bestehen auf der „Unabhängigkeit“ das Verhältnis zu den Mitgliedern der Verbände belasten würde, die ja schließlich auch Teil der anzusprechenden Zielgruppe sein sollten. Durch schlechte Kommunikation der Akademie und einseitig orientierte Kooperationsveranstaltungen mit der Bundeszentrale wurde diese Situation noch verschärft.  

Der Trägerverein
 

Das Organisationskonzept der Muslimischen Akademie ist einfach und nach dem Modell der Berliner Werkstatt der Kulturen gestaltet. Ein Trägerverein mit einer festgelegten Anzahl von ehrenamtlichen Mitgliedern begleitet die Arbeit hauptamtlicher Angestellter, die für Geschäftsführung, Konzeption und Organisation von Veranstaltungen und Bürotätigkeiten zuständig sind. Anderthalb Jahre (!) nach Gründung und nach zähen Verhandlungen mit der Bundeszentrale erhielt die Akademie die Zusage der Förderung durch die Bundeszentrale. Mit diesen Mitteln konnte die Akademie zwei Jahre lang ein Büro mit einem Geschäftsführer und einer Büroleiterin (beide offiziell halbtags) finanzieren. Durch den Einsatz der beiden Kräfte wurde im Jahr 2007 ein bundesweites Programm mit über 43 (!) interessanten und gut besuchten Veranstaltungen angeboten. Nach Auslaufen der Förderung und der kategorischen Ablehnung einer Anschlussförderung mussten Geschäftsführer und Büroleiterin entlassen werden. Die Akademie wurde ab 1. Januar 2008 vom stellvertretenden Vorsitzenden alleine und überwiegend ehrenamtlich weiter betrieben.  

Da alle Mitglieder der Akademie voll berufstätig sind und, als sie sich bereiterklärten, die Akademie zu gründen, auch von den Vorstellungen eines ehrenamtlichen Trägervereins überzeugt waren, kann ihnen wenig Vorwurf daraus gemacht werden, dass sie keine, bzw. wenig Zeit hatten, aktiv an der Gestaltung des Programms mitzuarbeiten. Da die Mitglieder über ganz Deutschland verstreut wohnen und nicht immer Zeit und Möglichkeit hatten, zu den Mitgliederversammlungen zu kommen (Erstattung der Reisekosten war nicht möglich) oder sonst die Akademiearbeit mit zu gestalten, verfügte die Akademie nicht über ausreichend personelle Unterstützung.   Dennoch gelang es, durch Projekte, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Europäischen Union und vom Berliner Senat gefördert wurden, bis Ende 2011 Programme wie z. B. die bundesweit beachtete Imamfortbildung (2009) durchzuführen. In den Jahren 2010 und 2011 traf die Weiterführung der Imamfortbildung bei den Muslimen in Berlin auf wenig Interesse und das Projekt „Erziehe Dein Kind für seine Zeit“ fand kaum Interesse bei den Berliner Schulen.   Kooperationspartner   Kurz nach der Gründung fand die Muslimische Akademie bereits ihre erste Kooperationspartnerin: Die Kurt-A.-Körber Stiftung. Mit ihr führte sie über eine Reihe von Jahren ein bis zweimal jährlich Tagungen zum Thema „Wertedebatte“ durch: Es waren spannende Begegnungen: zum ersten Mal trafen sich in Deutschland Sunniten, Schiiten, Ahmadiyya und Aleviten zum Gedankenaustausch, in dem fast ohne gegenseitige Kritik und Provokationen sachlich Argumente ausgetauscht wurden. Durch Änderung der Schwerpunktsetzung der Stiftung fand diese Reihe ein Ende.   Besonders interessant waren die Veranstaltungen unter dem Motto „Grün trifft Grün“ mit der Heinrich Böll Stiftung, in der z. B. über „Religionsunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler“, „Muslimische Eliten in Deutschland“ und „Faszination Islam - Religion als Lebensstil?“ diskutiert wurde und mit der zur Zeit eine weitere Veranstaltung geplant wird.  

Besonders interessant ist die Tatsache, dass sowohl die Botschaft des Vereinigten Königreichs und der British Council als auch die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika lange und gut mit der Akademie zusammenarbeiteten. So fand z.B. eine anderthalb tägige Tagung „Islam in Europa“ organisiert von Britischer Botschaft, British Council und Muslimischer Akademie statt. In der Residenz des amerikanischen Botschafters hielt der stellvertretende Vorsitzende der Akademie aus Anlass der fünfjährigen Wiederkehr des 11. September eine Gedenkrede.  

…und das Leben geht weiter  

Die deutsche Politik tat sich da schwerer: Die IslamKonferenz wurde vom Innenministerium mehr oder weniger an der Akademie vorbei gegründet, obwohl vielleicht eine Bündelung der Kräfte mit einer vom Innenministerium geförderten muslimischen Institution sachdienlich gewesen wäre. So entstand eine Institution, die die Trennung von Akademie und Verbänden zusätzlich zementierte, da die Verbände sich natürlich drängten „am Tisch des Herrn“ zu sitzen und ihnen die Akademie noch gleichgültiger wurde als schon zuvor.  

Die Bundeszentrale für politische Bildung ihrerseits ließ es sich nicht nehmen, sich weiter mit dem Thema Islam  zu beschäftigen: sie begann eine jährliche Veranstaltung „Zukunftsforum Islam“ zu organisieren – zunächst in Kooperation mit der Muslimischen Akademie, die aber die „Zusammenarbeit“ aufkündigte, als diese mehr ein Diktat als die Kooperation von Gleichberechtigten wurde.  

Im Frühjahr 2011 gründete der Religionsbeauftragte des Berliner Senats den „Dialog der Religionen“. In der Presseankündigung hieß es: „Im Rahmen der Auftaktveranstaltung ist unter anderem eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Deutschen Islamkonferenz, der Jüdischen Gemeinde sowie der Katholischen und Evangelischen Akademien geplant.“ – Kein Wort von der Muslimischen Akademie, Mitveranstalterin des IslamForums an dem auch der Religionsbeauftragte regelmäßig teilnimmt.      

IslamForum  

Die wichtigste Veranstaltung der vergangenen Jahre war das Berliner IslamForum, das die Muslimische Akademie gemeinsam mit dem Büro des Integrationsbeauftragten der Stadt Berlin bis Ende 2011 insgesamt 16mal durchführte. Zwei bis dreimal im Jahr trafen sich im IslamForum der Innensenator, die Direktorin des Verfassungsschutzes, der Integrationsbeauftragte, Vertreterinnen und Vertreter aus der Verwaltung sowie von den Kirchen und der Jüdischen Gemeinde. Von muslimischer Seite nehmen Vertreterinnen und Vertreter von in Berlin arbeitenden Gemeinden unterschiedlichster religiöser Ausrichtung teil. Das ist ein bedeutender Unterschied zur Bundesislamkonferenz, an der Verbandsvertreter teilnehmen. Durch die Teilnahme von Gemeindevertretern ist das Berliner IslamForum kein Forum der gegenseitigen Deklarationen, sondern ein Gremium, das sich mit aktuellen Fragen des Zusammenlebens von Berlinerinnen und Berlinern beschäftigt, gleich welcher religiösen Zugehörigkeit, das sich bewährt hat. Auch die Tatsache, dass die Gemeindevertreterinnen und – vertreter, das IslamForum für eine positive Einrichtung halten, hat nicht dazu beigetragen, ihre Distanz zur Muslimischen Akademie – immerhin Gastgeber des Forums - aufzugeben. Das Berliner IslamForum wurde in einem Bericht der EU als einziges best practice für den Umgang von Muslimen und offiziellen Stellen in Deutschland bezeichnet.  

Zwei Veranstaltungen für die Zukunft  

Im Jahr 2011 hat die Akademie mit zwei Veranstaltungen Akzente gesetzt, die in die Zukunft weisen: In Zusammenarbeit mit Frau Prof. Stephan und ihren Studenten an der Humboldt Universität wurde die Frage „Islam und Europa – Geschichte eines Missverständnisses?“ diskutiert. Im Dezember fand in Zusammenarbeit mit dem Islamischen Museum Berlin die Präsentation des „Yousef Jameel Online Center für Islamic and Eastern Art“ statt, das im Jahr 2010 am Ashmolean Museum in Oxford eröffnet wurde und rund 11.000 Kunstwerke aus dem islamischen Kulturkreis im Internet zugänglich macht. Beide Veranstaltungen brachten den Durchbruch in zwei neue Zielgruppen: Studenten einerseits und Kunstinteressierte andererseits. Beide Veranstaltungen waren gut besucht. Eine Untersuchung für das Bundesinnenministerium und eine Veranstaltung „Grün trifft Grün“ sind weitere Schritte in die Zukunft.




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