Artikel Dienstag, 28.06.2011 |  Drucken

Sarrazin revisited: Zehn Thesen zur Islamfeindlichkeit - Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl

Thesenübersicht

These 1: Die Islamfeindlichkeit ist ein Rassismus.

These 2: Die Islamfeindlichkeit ist über 1.000 Jahre alt und besteht aus einer langen wie aus einer kurzen Welle.
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These 3: Die lange Welle der Islamfeindlichkeit ist vor allem mit den Termini Kreuzzüge und Türkenkriege verbunden und liefert die stereotype Munition für die aktuelle Islamfeindlichkeit.

These 4: Der Kern des Neuen bei Sarrazin besteht in der Hypostasierung des Islam zum Schlüsselproblem des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens, zu dem zentralen Feindbild überhaupt.

These 5: Das qualitativ Neue bei Sarrazin besteht darüber hinaus in der Mischung eines kulturellen Rassismus mit Elementen eines biologischen Rassismus.

These 6: Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ verdeutlicht, dass es einen tiefverankerten Antisemitismus in unserem Land gibt, der generationenübergreifend internalisiert wurde.

These 7: Die Funktionalität des Sarrazin-Diskurses entspricht weitgehend den Funktionen des klassischen Rassismus.

These 8: Die Sarrazin-Debatte verweist auf zahlreiche ungeklärte Selbstverständigungen in unserem Land.

These 9: Die Islamfeindlichkeit verfügt über vielfältige psychologische Seiten.

These 10: Zwecks Bekämpfung der Islamfeindlichkeit muss verstärkt über problematische wie produktive Gegenstrategien nachgedacht wie gestritten werden.



Thesenausführung

Erstens: Die Islamfeindlichkeit ist ein Rassismus.
Islamfeindliche Äußerungen sind rassistische Äußerungen, wer sich wie Sarrazin über Hunderte von Seiten eugenisch wie islamfeindlich artikuliert, ist ohne wenn und aber als Rassist zu bezeichnen.
Wenn Zeitungen wie die FAZ diese Bezeichnung bis zuletzt ablehnen, namhafte Persönlichkeiten wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler gar von einem im Kern sozialdemokratischen Buch sprechen, wenn man trotz faschistoider Positionen aus Rücksichtnahme vor der „vox populi“ Mitglied in der SPD bleiben darf, dann haben wir ein ernsthaftes Problem in Deutschland.
Die Ursachen diesbezüglich liegen auch in Unklarheiten beim Rassismus-Verständnis. So wird etwa im Netz argumentiert die sogenannten Islamkritiker könnten gar keine Rassisten sein, da sie ja nichts gegen eine „Rasse“ hätten, sondern nur gegen eine Religion. Dieses Statement übersieht, dass sowohl in der Soziologie als auch in diversen Deklarationen der Vereinten Nationen nach 1945 Rassismus über die Methode der aggressiven Exklusion des anderen definiert wird und nicht über das zugrundegelegte Merkmal, mit dessen Hilfe die abgelehnte „Fremdgruppe“ konstruiert wird.
Islamfeindlichkeit äußert sich als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegenüber dem Islam und den Muslimen und trat in den letzten Jahren vor allem in Form des kulturellen Rassismus auf.


Zweitens: Die Islamfeindlichkeit ist über 1.000 Jahre alt und besteht aus einer
langen wie aus einer kurzen Welle.

In der Wissenschaft wie im Netz wird strittig diskutiert, seit wann es Islamfeindlichkeit gibt. In meinem Buch „Islamfeindlichkeit in Deutschland“ (VSA, Hamburg 2010) lege ich ein Modell zugrunde, welches davon ausgeht, dass die Islamfeindlichkeit aus einer langen wie aus einer kurzen Welle besteht, die sich in ihrer Wirkung addieren sowie durch den 11. September verstärkt werden. Die lange Welle ist bereits über 1000 Jahre alt, die kurze Welle besteht seit dem Zusammenbruch des Ost-West-Konflikts. Auf der Suche nach einem neuen Feindbild ist der Islam als „Sieger“ hervorgegangen.


Drittens: Die lange Welle der Islamfeindlichkeit ist vor allem mit den Termini
Kreuzzüge und Türkenkriege verbunden und liefert die stereotype
Munition für die aktuelle Islamfeindlichkeit.

Im Kontext der langen Welle wird das Abendland mit dem Christentum gleichgesetzt sowie das Morgenland mit dem Islam, bildet sich überhaupt erst die Orient-Okzident-Dialektik heraus.
Entscheidend ist hierbei, dass die Konstitution des modernen Europa durch eine mörderisch-aggressive Exklusion sowohl gegenüber dem Judentum als auch dem Islam geschieht. Der Widerspruch, der auf den Wulff-Ausspruch: „Der Islam gehört auch zu Deutschland“ erfolgte, verweist darauf, dass die lange Welle der Islamfeindlichkeit das kollektive europäische Bewusstsein tiefgreifend wie nachhaltig geprägt hat und die Islam-Abwehr ein Teil des historisch generierten wie internalisierten Europa-Verständnisses darstellt, was auch die EU-Beitrittsdebatte der Türkei verdeutlicht.
Die lange Welle hat indes nicht nur das kollektive Bewusstsein sondern auch das individuelle Bewusstsein über den Islam entscheidend geprägt. Erinnert sei an dieser Stelle stellvertretend für die Vielzahl bewusster wie unbewusster Bilder an den „Sarotti-Mohr“, das Haremsmotiv, an die Orienterzählungen von Karl May sowie die Erzählungen aus 1001 Nacht.
Die Muster des aktuellen islamfeindlichen Denkens, d. h. der kurzen Welle, stammen primär aus der langen Welle der Islamfeindlichkeit, sie sind in Gestalt zahlreicher Diskurse historisch tradiert. Die kurze Welle verfügt damit verglichen nur über wenige genuin eigene, postmoderne Stereotype, so etwa der Vorwurf der Homosexuellen- wie der Judenfeindschaft gegenüber dem Islam und den Muslimen.


Viertens: Der Kern des Neuen bei Sarrazin besteht in der Hypostasierung des Islam
zum Schlüsselproblem des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Lebens, zu dem zentralen Feindbild überhaupt.

„Deutschland schafft sich ab“ markiert den Übergang der klassischen Islamfeindschaft zu einer „German-Weltanschauung“ in Gestalt des antimuslimischen Rassismus vergleichbar dem Übergang von der klassischen Judenfeindschaft zum modernen Antisemitismus Ende des 19. Jahrhunderts.
Weltanschauung als qualitativ Neues bedeutet, dass der Islam und die Muslime erstmals bei Sarrazin demagogisch in das Zentrum der gesamten Gesellschafts- und Kulturkrise gerückt werden. Insofern ist es falsch, wenn vielfach behauptet wird, bei Sarrazin stünde nichts Neues, wir könnten all dies bereits bei Necla Kelek und anderen lesen.
Bedeutsam ist darüber hinaus das Zusammenspiel des Buchinhalts mit dem massenmedialen Hype, welcher darauf verweist, dass relevante Teile der liberalen Mitte von der Islamfeindlichkeit in Deutschland bereits erfasst sind. Der Verkaufserfolg sowie der Hype verdeutlichen, dass das Buch ein Ablassventil für die de facto nicht-existente rechtspopulistische Partei in Deutschland darstellt. Eine Mehrheitsfähigkeit bezüglich einzelner rechtspopulistisch-islamfeindlicher Items, so wird deutlich, ist bereits vorhanden.
Eine ideologische Verwirrung in der Debatte kommt dadurch zustande, dass keine klassischen altrechten oder neorechten Argumente bedient werden, sondern Werte der Aufklärung, liberale Prinzipien sowie humanistische Ideale zugunsten einer Logik der Zwangsaufklärung missbraucht werden, wie dies etwa bei der „EMMA“-Kampagne gegen das Kopftuch von Schülerinnen an Schulen zum Ausdruck kommt. Das Segeln der Islamfeindlichkeit unter der Fahne westlicher Werte, das sich aufklärerisch gebende neokoloniale Sendungsbewusstsein sowie die äußerst heterogene Trägerschaft der Islamfeindlichkeit schaffen Verwirrung.


Fünftens: Das qualitativ Neue bei Sarrazin besteht darüber hinaus in der Mischung
eines kulturellen Rassismus mit Elementen eines biologischen Rassismus.

Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ besteht aus vier Teildebatten, die miteinander vielfältig verwoben und verzahnt sind. Der Sarrazin-Diskurs umfasst - um ihn erst richtig zu verstehen - eine Islamdebatte, eine Eugenik-Debatte, eine Integrationsdebatte sowie eine IQ-Debatte, deren Focus jeweils die Islamfeindlichkeit darstellt. Die Verbindung von kulturellen wie biologischen Elementen des rassistischen Konstrukts bei Sarrazin ist mit dem Berliner Antisemitismusstreit von 1880 und seinem weiteren Verlauf vergleichbar, bei dem es gleichfalls zur Verbindung kulturalistischer wie biologistischer Elemente kam.


Sechstens:  Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ verdeutlicht, dass es einen
tiefverankerten Antisemitismus in unserem Land gibt, der generationen-
übergreifend internalisiert wurde.

Die Kontinuität des Antisemitismus kommt im mühelosen Transfer, in der nahtlosen Duplizierung antisemitischer Stereotype auf eine weitere Opfergruppe zum Ausdruck sowie im Gerede von einem Juden-Gen. Die rassistische Biologisierung des Judentums bei Sarrazin wird begleitet durch die Übernahme der Thesen des US-amerikanischen Antisemiten Mac Donald (diesbezüglich sei verwiesen auf meinen Artikel in der „Jüdischen Zeitung“ vom Oktober 2010).
Der Transfer antisemitischer Topoi wird u.a. daran deutlich, dass im wilhelminischen Deutschland Juden der Vorwurf gemacht wurde, einen „Staat im Staate“ zu bilden, ein integrationsunwilliger Fremdkörper zu sein, während bei Sarrazin von Parallelgesellschaften die Rede ist, von mangelnder Integrationsbereitschaft, ja von Integrationsunfähigkeit des Islam. Während es beim Berliner Antisemitismusstreit von 1880 hieß: „Die Kinder Israels vermehren sich in Berlin genauso heftig wie einst in Ägypten“, lautet die transferierte Passage bei Sarrazin: „Die Araber und Türken haben einen zwei- bis dreimal höheren Anteil an Geburten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entspricht.“ Während Heinrich von Treitschke den Spruch „Die Juden sind unser Unglück“ benutzte, um eine scharfe Assimilation zu fordern und seine Verachtung gegenüber den sogenannten „Ostjuden“ im Terminus „hosenverkaufende Jünglinge“ zum Ausdruck brachte, lautet die Quintessenz des Sarrazin-Buches: Die Muslime sind unser Unglück, werden Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund als „Obstverkäufer“ bezeichnet, produzieren bei Sarrazin Muslime ständig neue kleine Kopftuchmädchen. Während es im faschistischen Propagandafilm „Opfer“ aus dem Jahre 1937 hieß: „Das jüdische Volk stellt einen besonders hohen Prozentsatz an Erbkranken. Auch für sie müssen gesunde deutsche Volksgenossen arbeiten“ lautet die entsprechende Passage bei Sarrazin: „Ganze Clans haben eine lange Tradition von Inzucht und entsprechend viele Behinderungen. Es ist bekannt, dass der Anteil der angeborenen Behinderungen unter den türkischen Migranten weit überdurchschnittlich ist.“ Die bevölkerungsdystopischen Vorstellungen Sarrazins weisen dabei vielfältige Parallelen zur faschistischen Rassenhygiene auf.
Während sich der Antisemitismus im wilhelminischen Kaiserreich als eine Art Abwehrkampf gegen das angeblich übermächtige Judentum stilisierte, als Kampf gegen die drohende „Judaisierung“, empfiehlt Sarrazin sich als Kämpfer für den Erhalt deutscher Identität und Kultur, als Retter vor der drohenden „Islamisierung“ Deutschlands. Während der Wegbereiter des deutschen Faschismus Oswald Spengler sein Werk „Der Untergang des Abendlandes“ betitelte, prophezeit Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“.


Siebtens: Die Funktionalität des Sarrazin-Diskurses entspricht weitgehend den
Funktionen des klassischen Rassismus.

Rechtspopulistische Kräfte bemühen sich derzeit um eine Art Themen-setting, sie wollen Druck auf die etablierten Parteien ausüben, damit sich diese in der Migrations- wie Integrationspolitik weiter nach rechts öffnen. Bedenkt man, dass als Reaktion auf Sarrazins Buch bereits kurze Zeit später seitens der politischen Klasse von „Integrationsverweigerern“ die Rede ist, so geschieht dies offensichtlich derzeit mit Erfolg.
Die Funktionalität des Sarrazin-Diskurses besteht in der Stärkung einer Politik, die Europa zu einer Festung erklärt und in diesem Kontext Positionen einer nationalistischen Volkszugehörigkeit revitalisiert. Das „Ius sanguinis“, das „Recht des Blutes“, das rassistische Abstammungsprinzip soll wieder zum alleinigen Kriterium des Deutschseins dienen und nicht additiv das „ius soli“, das Geburtsortsprinzip. Die Gesellschaft wird gespalten in eine Wir- und eine Fremdgruppe und in rassistischer Manier erfährt diese Differenz eine Biologisierung wie Verewiglichung. Einmal Migrant immer Migrant, Deutsch ist nur der rassistisch konstruierte „Rassedeutsche“.
Wie beim klassischen Rassismus, so besteht eine Hauptfunktion der Sarrazin-Debatte in der Ablenkung von den eigentlichen Ursachen der ökonomischen wie gesellschaftlichen Krise. Einmal mehr fällt auch hier die Parallele zum Antisemitismus des wilhelminischen Kaiserreichs auf. Der Antisemitismus der 80-er Jahre konstruierte den „jüdischen Spekulanten“ zum Sündenbock des Börsencrashs, diffamierte in der vielgelesenen „Gartenlaube“ den Juden als angeblichen Verursacher der Krise. Im Zeitalter der Globalisierung, der virtuellen Finanz- und Eurokrise, ist es bei Sarrazin der muslimische Migrant, der durch seine „Fortpflanzungswut“ und sein „Schmarotzertum“ leere Staatskassen produziert, wobei die Vorstellung vom Parasiten, der seinen Wirt aussaugt und existentiell bedroht erneut dem Antisemitismus entlehnt ist.
Die Spaltung in ein „Wir“ und „die anderen“ forciert den Abschied von der Solidargemeinschaft, der Elitenrassismus a la Sarrazin dient der Verstärkung gesellschaftlicher Entsolidarisierungsprozesse, der forcierten Etablierung einer Ellebogengesellschaft mit dem verbrieften Recht des Stärkeren. Salonfähig werden soll ein ökonomistisch-utilitaristisches Denken. Realisiert werden sollen eugenische Praxen, die an die Stelle der Menschenwürde den Menschennutzen setzen und Menschen in „Valid“ und „Invalid“, in „Nützlich“ und „Unnütz“ unterscheiden und die Menschenwürde ad acta legen.
Der angebliche Kampf der Kulturen, den auch Sarrazin konstatiert, dient dabei der Legitimation außenpolitischer Militäreinsätze und dem Ausbau der inneren Sicherheit sowie dem Abbau der Rechtsstaatlichkeit.
Die Sarrazin-Debatte bietet darüber hinaus vielfältige Entlastungsfunktionen für die sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Nicht sie ist es, welche Versäumnisse in der Integrationspolitik primär zu verantworten hat, der Migrant ist es, der an seiner eigenen Lage Schuld trägt. Nicht unsere Gesellschaft ist weit davon entfernt gleiche Rechte für Frauen zu realisieren und der Homosexuellenfeindlichkeit die rote Karte zu zeigen, der Muslim ist es, der frauen- wie homosexuellenfeindlich zugleich sei.
Keineswegs zuletzt erfüllt die Sarrazin-Debatte die Funktion eines Ablassventils für die „Political Correctness“ beim Antisemitismus. Endlich darf man einmal das sagen, was man auch gerne dem Juden sagen würde, aber nicht darf. Aussprechen kann man es nun wenigstens gegenüber dem Muslim und trotz des offensichtlichen Transfers althergebrachter antisemitischer Stereotype muss man dabei noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, da man sich als moralisch überlegener Philosemit stilisieren kann, der es dem antisemitischen Muslim mal so richtig zeigt.
Die generelle Funktion der Sarrazin-Debatte besteht somit in der ideologischen Verschleierung der gesellschaftlichen Realität in Gestalt der „Islamisierung“ sämtlicher ökonomischer, sozialer wie kultureller Probleme und dies reicht von der Ethnisierung der Kriminalität über die Islamisierung von Schulproblemen bis hin zur Islamisierung der Finanzkrise und der Arbeitslosigkeit.
Bei der Darlegung der Funktionalität des Diskurses darf indes nicht übersehen werden, dass das qualitativ Neue bei Sarrazin auch im Hass besteht: Der Ausdruck „ständig werden neue kleine Kopftuchmädchen produziert“ verweist nicht nur auf eine autoritäre Persönlichkeit und ihr gestörtes Verhältnis zur Sexualität - ihr Ekel gegenüber der imaginierten „schmutzigen Sexualität“ der sogenannten Unterschicht - sondern macht auch auf eine tiefenpsychologische Seite des Diskurses aufmerksam, die sich bereits nicht mehr gänzlich funktionalisieren lässt. Die präfaschistische Seite des sich verselbständigenden Hasses wird bei Sarrazin deutlich.


Achtens Die Sarrazin-Debatte verweist auf zahlreiche ungeklärte
Selbstverständigungen in unserem Land.

Die Wirkungsmächtigkeit der Sarrazin-Debatte ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die von ihm angesprochenen Themen in unserer Gesellschaft weder ausreichend debattiert noch konsensual geklärt sind. Welches Deutschland wollen wir eigentlich ein säkulares, ein christliches oder ein laizistisches? Wie soll das Verhältnis von Schule und Religion aussehen? Wer oder was ist ein Deutscher, was ist überhaupt Deutschsein? Gibt es eine jüdisch-christliche Tradition oder ist dieser Terminus nur eine historische Verschleierung angesichts der Ermordung von sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens? Was ist Integration im Unterschied zu Assimilation? Geht die Meinungsfreiheit über alles oder soll sie beschränkt werden? Wo verläuft die Grenze zwischen Religionskritik und Religionsfeindschaft? Diese Liste ließe sich nahezu endlos weiter fortführen.
Dergestalt betrachtet ist die Sarrazin-Debatte auch eine Debatte der sogenannten Mehrheit über sich, eine Selbstverständigungsdebatte.


Neuntens: Die Islamfeindlichkeit verfügt über vielfältige psychologische Seiten.
Der Orient hat jahrhundertelang als Reflexionsfläche, als Identitätsstifter gedient. Dabei hat es den Orient, wie Edward Said berechtigt festgestellt hat, nie gegeben. Der Orient ist das, was wir selber sind, er ist ein Spiegel. Identitäten kollektiver wie individueller Art wurden mit Hilfe des konstruierten Orients kreiert, Wir- und Ich-Stärken auf Kosten der zu „Orientalen“ stilisierten Menschen gebildet. Die Bearbeitung psychologischer Verunsicherungen durch Europäisierung und Globalisierung greift somit auf ein althergebrachtes Bewältigungsmuster zurück. Der Orient dient erneut der Wir- und Ich-Stärke per Abgrenzung. Am neodeutschen Mann, der sich als Frauenfreund stilisiert, der mittels Aufgreifens orientalistisch produzierter abendländischer Haremsbilder den Muslim als Pascha diffamiert, soll die Welt genesen.


Zehntens und Letztens: Zwecks Bekämpfung der Islamfeindlichkeit muss verstärkt
über problematische wie produktive Gegenstrategien nachgedacht wie
gestritten werden.

Sarrazin lässt sich nicht auf der Basis von Zahlen erfolgreich bekämpfen, er ist nicht „statistisch“ zu besiegen, sondern primär politisch wie „ideologisch“. Statistiken in Antwort auf „Deutschland schafft sich ab“ haben darüber hinaus die Tendenz Markierungen wie „mit“ und „ohne Migrationshintergrund“, „muslimisch“ versus „deutsch“ zu perpetuieren und damit die dichotome Spaltung der Gesellschaft a la Sarrazin gedanklich zu verfestigen.
Stattdessen gilt es zu betonen: Es sind keine in irgendeiner Form existenten Probleme des Islams oder der Muslime, die den antimuslimischen Rassismus entstehen lassen, es sind gesellschaftliche, politische, ökonomische Verhältnisse, welche die Islamfeindschaft als manipulative, instrumentelle und verschleiernde Strömung ermöglichen.
Um abschließend noch einmal die Verwandtschaft zum Antisemitismus zu betonen ein entsprechend abgewandeltes Broder-Zitat:
Der Islamfeind nimmt dem Muslim nicht übel, wie er ist und was er tut, sondern dass er existiert. Der Islamfeind nimmt dem Muslim sowohl die Abgrenzung wie die Anpassung übel. Reiche Muslime sind Ausbeuter, arme Muslime sind Schmarotzer, kluge Muslime sind überheblich und dumme Muslime eine Schande für den Islam. Der Islamfeind nimmt dem Muslim prinzipiell alles übel, auch das Gegenteil.
Wohin Rassismus, Rassenhygiene und Antisemitismus in Deutschland geführt haben, wissen wir bereits. Es darf nicht vergessen werden, dass Sarrazin im Lande des Holocaust, im Lande der Schoah spricht.


Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl lehrt Soziologie an der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Zu seinen Lehr- und Forschungsgebieten zählen die Bioethik und die Rassismusforschung.
Erste Veröffentlichungen im Rahmen des Forschungsprojekts u.a.:

Achim Bühl: Islamfeindlichkeit in Deutschland: Ursprünge, Akteure, Stereotype. VSA Verlag, Hamburg, Oktober 2010, 319 Seiten





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