Artikel Montag, 14.02.2011 |  Drucken

BERLINALE: Zum Film „Alemanya- Willkommen in Deutschland“

Bei der diesjährigen BERLINALE läuft der deutsche Spielfilm „Almanya- willkommen in Deutschland“ in der Kategorie Wettbewerb, außer Konkurrenz.
Der Film aus dem Jahre 2010 stammt von den Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli . Yasemin und Nesrin schrieben das Buch, zusätzlich ist für die Regie Yasemin zuständig.

Die beiden deutschen Türkinnen (hier beginnt schon das 1. Problemchen, denn es sind ja auch türkische Deutsche) erzählen mit sehr viel Gefühl, Humor und Ironie auch einen Teil ihres Lebens und das ihrer Familie.
1964 kommt ihr Großvater Hüseyin Yilmaz (dargestellt von Vedat Erincin, war 2010 im Berlinale- Film „Shahada“ zu sehen) nach Deutschland ins Wirtschaftswunderland. So treten gleich in den ersten Filmszenen Hazy Osterwald und seine Mannen in einem Originalfilm aus der Wirtschaftswunderzeit auf und singen im Maßanzug und Krawatte sowie Bowler, die Symbole der Arbeitgeber: „Gehen Sie mit der Konjunktur.“ Nicht als irgend ein unbekannter Gastarbeiter kam der Großvater. Er hat die (von seinen Enkellinnen posthum verliehene) Gastarbeiternummer 1.000.001. Der Opa ist ein freundlicher Herr und ließ einem anderen Gastarbeiter bei der Passkontrolle den Vortritt. Der Mann aus Portugal ging in die Geschichte ein, als Gastarbeiter mit der Nummer 1.000.000. Zur Belohnung gab es für Herrn Rodriguez ein Mofa.

Yasemin und Nesrin Samdereli begleiten Opa und die gesamte Familie fast 5 Jahrzehnte. Hüseyin ist Vater von fünf Kindern. Erst lebte er allein in Deutschland, seine Frau und 3 Kinder blieben in Anatolien. Später gibt es die Familienzusammenführung und die Familie vergrößert sich. 2 der 5 Kinder sind „Made in Germany.“ Opa hat einen 6 Jahre alten Enkel namens Cenk. In der Schule werden eines Tages zwei Fußballteams gebildet. Deutsche sollen gegen Türken spielen. Die deutschen Jungens wollen Cenk nicht, sein Vater ist ja Türke. Die Türken wollen Cenk nicht, denn seine Mutter ist ja eine Deutsche. Dazu eine sehr hübsche und intelligente und blonde Frau (Petra Schmidt Schaller, glänzte bereits bei der Berlinale 2009 in „Nacht vor Augen.“)
Cenks junge Tante, seine 22 Jahre alte Cousine Canan, tröstet Cenk. Opa Hüseyin und seine Frau sind seit ein paar Tagen deutsche Staatsbürger. Der Rentner Hüseyin teilt allen, auch seiner Angetrauten, zur deren Überraschung mit, er habe ein Haus in der Türkei gekauft. Man fährt mit einem Kleinbus Richtung Anatolien, mancher Gast fährt gerne mit, mancher nur widerwillig. Am Ende ist aber die gesamte Familie im Kleinbus und Canan verkürzt die Reisezeit für Cenk, indem sie ihm von Opas Reise 1964 erzählt. Nach dem Motto: „Wie alles begann.“ Große Angst hatten Cenks Vater und Cenks Onkel und Tante vor deren Reise nach Deutschland, als Opa Hüseyin sie nach Deutschland holte. Hatte man ihnen doch beigebracht in Anatolien, die Deutschen trinken Blut, sind sehr schmutzig und beten ein Holzkreuz an. Als einzig wahr erwies sich später, in Deutschland ist es nicht so warm wie in der Türkei.

Mit der Zeit leben sich die Kinder sehr gut ein und wollen in Deutschland auch Weihnachten feiern. Böse Vorwürfe erhält Mama, weil sie die Weihnachtsgeschenke nicht, wie es Brauchtum ist, eingepackt hat. Mama hat eine pragmatische Lösung, als sie am Heiligen Abend die Geschenke neben einem Miniaturweihnachtsbaum stellt. „Macht doch einfach die Augen zu.“
Nicht nur angenehme Erinnerungen kommen während der Fahrt nach Anatolien auf. Es kommt auch zu Streitereien, Versöhnungen, am Ende auch zu einem Todesfall. Mit ihrem Kinodebüt ist den beiden Filmemacherinnen gelungen, das alte und das gegenwärtige einer türkischen Familie in Deutschland zu beschreiben. Der klassische Gastarbeiter damals, wie ihn die deutsche Nation gern haben wollte. Möglichst ungebildet, wer seine Arbeitsverträge lesen konnte, kannte seine Rechte wie Zuschläge bei der Arbeit an Sonn- und Feiertagen. Mittlerweile gibt es die 3. und bald die 4. Generation. Die studiert aber schon, auch wenn dies ein Mann wie Thilo S., Bundesbänker a. D., nicht wahrhaben will. Im Film studiert Canan nicht nur, sie ist auch schwanger. Vater ihres Kindes ist ein englischer Kommilitone. Das sorgt für Entsetzen bei der Oma, wenn ihr der Allmächtige schon keinen türkischen Schwiegersohn gibt, dann doch bitteschön einen deutschen. „Wir leben ja in Deutschland, warum muss es dann ausgerechnet ein Engländer sein?“ Opa Hüseyin hat großes Verständnis für die Sorgen seiner Enkelin und steht ihr hilfreich zur Seite. Man kann ja witzeln, Vedat Erincin hat es bei seinen Berlinale- Auftritten immer mit schwangeren und unverheirateten Frauen zu tun. Bei „Shahada“ war seine Filmtochter schwanger, bei „Almanya- willkommen in Deutschland“ seine Filmenkelin. In beiden Filmen reagiert er aber mit viel Fürsorge und ist nicht derjenige, der die jungen Mädchen verdammt. Erincin spielt mit dem klassischen Gastarbeiter auch sich selbst. 1978 kam er nach Deutschland, zum Entsetzen von Thilo S. und seinesgleichen, um Textilingenieurwissenschaften zu studieren. Mittlerweile ist der ausgebildete Schauspieler viel beschäftigt und war Mitbegründer des Wupper- Theaters in Wuppertal. Die in Dortmund geborene Yasemin Samdereli hat in München erfolgreich an der Hochschule für Film und Fernsehen studiert.

Der Film hat viele Glanzlichter. Absolute Höhepunkte sind: Opa erfährt, Bundeskanzlerin Merkel lädt ihn ein nach Berlin. Ist er doch die Nummer 1.000.001. „Na, dann werde ich ihr sagen: Sie, Frau Bundeskanzlerin, kommen aus dem Osten. Ich komme auch aus dem Osten. Dem Osten der Türkei. Da haben wir doch etwas Gemeinsames.“
Zwei Szenen noch seien erwähnt, weil hochkarätige Schauspieler aus Deutschland, einmal West, einmal Ost, sich nicht gescheut haben, bei einem Kinodebüt mit Gastauftritten zu glänzen. Axel Milberg. Er erschein Opa Hüseyin einen Tag vor der Ausgabe des deutschen Passes im Traum als korrekter Beamter. Nachdem Beamter „Milberg“ zahlreiche Stempel unter den Antrag zur Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft gesetzt hat, kommt es zum Gesinnungstest. Der Beamte serviert den neuen Deutschen einen Schweinebraten. „Aufessen. Danach Aufnahmeantrag ausfüllen für einen Jodel- oder Trachtenverein.“ Schweißgebadet wacht Großvater von seinem schrecklichen Traum auf. Natürlich haben die beiden Filmemacherinnen auch einen Seitenhieb in Sachen Pass für die türkische Seite zur Hand. Ein geborener Türke kann ja nicht in der Türkei verweilen auf Dauer, wenn er den Deutschen Pass besitzt. Er ist ja dann für die türkischen Behörden Ausländer. Normalerweise. Ein Beamter weiß, mit Summen ab 10.000 Euro lässt sich „da etwas machen hier bei uns für Euch.“ Katharina Thalbach, seit 13.2.2011 Trägerin des „Paula- Preises“, spielt eine Rentnerin, die U- Bahn fährt. Sie sagt zu ihrem Filmehemann, als eine ausländisch aussehende Mutter mit drei Kindern einsteigt: „Die haben nur ein Hobby. Von Pille haben die noch nie etwas gehört.“ Ihr gegenüber sitzt die gar nicht so türkisch aussehende Canan und sagt; vielleicht habe sich diese Frau und Mutter bewusst für drei Kinder entschieden. „Es können ja nicht alle in diesem Lande kinderfeindlich sein.“
Auf der langen Reise in die Türkei finden manche Familienmitglieder zu sich selbst und manche finden zur Familie. Die blonde Mama von Cenk, die Deutsche, erinnert bei der einen oder anderen großen Diskussion der Türken untereinander daran: „Wir sind eine Familie.“ Auch dann, wenn Familienmitglieder unterschiedliche Meinungen haben. Vor der Tour hatte sie die türkische Familienbande immer argwöhnisch betrachtet.

Wer sich zum Thema Integration ab sofort äußern möchte, kommt an diesem hervorragenden Berlinale –Film nicht vorbei. Einzig und allein ist schade, er ist „Außer Konkurrenz.“ Er kann nicht Preise abräumen. Der Film als ganzes; die Schauspieler Vedat Erincin und Petra Schmidt- Schaller wären Kandidaten für allerbeste Darstellerleistungen. Da in 2010 der türkische Film „Bal“ den Goldenen Bär gewann, hätte es bei einer Preisverleihung 2011 für „Almanya- willkommen in Deutschland“ das Problemchen Nr. 2 gegeben: Ist das ein Film von türkischen Deutschen oder deutschen Türkinnen?
Eines sei noch mitgeteilt für Filmbesucher. Die Stimme des „Erzählers“ im Film kommt einem sehr vertraut vor. Bevor man lange nachdenkt, sei mitgeteilt: der ehemalige Chefsprecher der Tagesschau, Jo Brauner, ist zu hören.
(Volker- Taher Neef)



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