Artikel Samstag, 29.05.2010 |  Drucken


„Wenn ich Fußball spiele, vergesse ich, das ich blind bin“

„Wenn ich Fußball spiele, vergesse ich, das ich blind bin“ – Türkei : Deutschland vor dem Reichstag und Bundeskanzlerin

Am 20. Mai fand das erste Heimländerspiel der Blindenfußballnationalmannschaft Deutschlands statt.
Gegner war die Türkei. Das 1. Heimländerspiel fand auf dem Rasen vor dem Berliner Reichstag statt.

Bundeskanzlerin Merkel übernahm die Schirmherrschaft. Sie betonte: „Mit ihren beeindruckenden Leistungen werden die blinden und sehbehinderten Akteure zu Vorbildern in unserer Gesellschaft. Denn sie zeigen: Blindenfußball steht für Selbstvertrauen und Leistungsfähigkeit.“
5 Spieler sind auf dem Feld. Der Torwart als einziger auf dem Platz darf ein Nichtsehbehinderter sein. Ein Stirnpolster schützt die blinden Sportler vor Kopfverletzungen. Der Ball hat eingebaute Rasseln, da nach Gehör gespielt wird. Die Längsseiten des Spielfeldes sind durch Banden begrenzt. Die Gesamtspieldauer beträgt 50 Minuten. Alle Spieler tragen Schlafmasken, so ist Chancengleichheit hergestellt. Die Zuschauer müssen sich ruhig verhalten, nur der Trainer, der Torwart und ein so genannter Guide dürfen ihr Team durch Zurufe lenken. Gegnerische Spieler, die sich dem Ball führenden nähern, rufen das spanische Wort „Voy“ (ich komme) aus. Diplom- Sportlehrer Ulrich Pfisterer ist der deutsche Nationaltrainer.

In Deutschland leben ca. 145.000 blinde und nochmals eine halbe Million sehbehinderte Menschen. Seit 2006 wird weltweit aktiv Blindenfußball gespielt. Wie bei den Nichtsehbehinderten Fußballern, haben große Fußballernationen auch in dieser Behindertensportart das Sagen. Der amtierende Weltmeister im Blindenfußball heißt Brasilien, Frankreich ist Europameister. Bei der Europameisterschaft 2009 belegte Deutschland Rang 5. Mittlerweile gibt es sogar hierzulande eine eigene Bundesliga für den Blindenfußball. 9 Mannschaften kämpfen um den Titel der Deutschen Meisterschale. Bei der Eröffnungszeremonie vor dem Reichstag war Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) ebenso anwesend wie die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag (SPD) und zahlreiche Bundestagsabgeordnete.
Islam.de befragte Bundestagspräsident Norbert Lammert nach dem Stellenwert des Blindenfußballsports. Der Parlamentspräsident erklärte, es habe ihn hier „menschlich tief beeindruckt und erstaunt, wie sehbehinderte Menschen es schaffen, sportliche Leistungen zu erbringen, die mancher von uns Nichtbehinderten gar nicht im Stande ist zu leisten.“ In unserer Gesellschaft gebe es noch viel zu tun, um sehbehinderte Mitbürger sowohl zu fördern als auch andererseits aufgrund ihrer Erblindung nicht auszuschließen.

Der Vorsitzende des Berliner Behindertenverbandes, der Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert (DIE LINKE) erklärte uns gegenüber: „Vor dem Reichstag konnte man sehen, so man nicht erblindet ist, das sehbehinderte Menschen auch in der Lage sind, ihr Können unter Beweis zu stellen.“ Dr. Ilja Seifert, Literaturwissenschaftler von Beruf, ist aufgrund eines Sportunfalls seit seinem 16. Lebensjahr querschnittsgelähmt. Er verwies auch auf unsere Sprache. Wie oft sage man im Alltag, „man habe etwas bestimmtes gesehen oder frage jemanden, ob er dieses und jenes gesehen habe. Diese Menschen hier auf dem Spielfeld kamen teilweise erblindet zur Welt.“ Unterschiede zwischen „hell und dunkel sind ihnen fremd. Daher gebührt ihnen so viel Respekt vor ihren Leistungen.“

Das Deutschland am Ende die Türkei mit 3:2 besiegte, war unter den Sportlern nur ein Nebeneffekt. Ein deutscher Spieler drückte das aus, was deutsche und türkische Blindenfußballer betraf: „Wenn ich Fußballspiele, vergesse ich, das ich blind bin.“(Text: Volker- Taher Neef, Berlin;Bild: Günter Meissner)



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