Newsnational Donnerstag, 22.04.2010 |  Drucken

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Bekommen wir bald einen Staats-Islam?

Zur Causa Kalisch, wie Staat und Universitäten sich ihre muslimischen Vertreter selber aussuchen und was das noch mit den Spielregeln einer freiheitlichen Demokratie zu tun hat

Der umstrittene Professor Muhammad Sven Kalisch ist vom muslimischen Glauben abgerückt. Dies bestätigte am Mittwoch ein Sprecher der Universität Münster, wo Kalisch seinen Lehrstuhl innehat. "Es wird derzeit rechtlich geprüft, ob das Konsequenzen hat", sagte der Sprecher. Zudem habe Kalisch, der als Jugendlicher zum Islam konvertiert war, die Hochschulleitung gebeten seinen Vornamen Muhammad zu streichen.

Der 44-Jährige hatte ursprünglich an der Ausbildung von Islamlehrern mitwirken sollen. Weil er die Existenz des Propheten Mohammed anzweifelte, hat für erheblichen Wirbel und Probleme in der Uni gesorgt. Eine Mehrheit der Studenten boykottierte daraufhin die Vorlesung und nach mehreren Vermittlungsversuchen durch die muslimischen Verbände rieten dann am Ende die islamischen Religionsgemeinschaften vom Studium bei Kalisch ab. Zwischenzeitlich zweifelt Kalisch auch die Existenz des Koran an.

Der Bayreuther Religionswissenschaftler Christoph Bochinger sprach in der Süddeutschen Zeitung im Zusammenhang der Causa Kalisch von einer "Katastrophe". Der Schritt nähre den Verdacht unter Muslimen, dass an deutschen Universitäten ein Staats-Islam etabliert werden solle.

Vor einigen Tagen hat der Staatsrechtler und Professor Michael Heining (siehe auch unterer Link in einer Veranstaltung in Wittenberg) in einem Aufsatz in der FAZ vor ähnlichen Tendenzen im Zusammenhang der Islamkonferenz gewarnt.

Wörtlich schrieb er: „Das Grundgesetz verbietet die Einrichtung einer Staatskirche, ergo auch eines Staats-Islams (..) Ebenso wenig darf der Staat im Widerstreit zwischen konservativen und progressiven Strömungen einer Religion Partei ergreifen(…)Die Neutralität des Staates in Religionsangelegenheiten sei „eine zivilisatorische Errungenschaft ersten Ranges in Europa.“

Darf sich der Staat seine genehmen Vertreter selber aussuchen?

Zudem kritisierte Heining, das Einzelpersonen von Innenminister ernannt worden sind, die nicht für den Islam sprechen können, sondern stets für sich allein.„Einzelpersönlichkeiten, Prominente und Intellektuelle könnten die Verbände nicht ersetzen, da sie „von niemandem legitimiert sind und sich gegenüber niemandem rechtfertigen müssen“, so Heinings in seiner Begründung. Wenn die Muslime sich von den bestehenden Verbänden nicht repräsentiert fühlten, müssten sie selbst Vereine gründen. „Das sind die Spielregeln in einer freiheitlichen Demokratie. (…) Dem religiös-weltanschaulich neutralen Staat aber bleibt nichts anderes übrig, als mit den islamischen Verbänden zusammenzuarbeiten, die die Gesellschaft hervorbringt. Sich einen ihm besonders genehmen Partner schaffen darf er nicht“, erklärt er.

DITIB fordert Anerkennung

Unterdessen haben die muslimischen Organisationen erneut die Anerkennung des Islam von der Politik gefordert. Der Vorsitzende der DITIB, Sadi Arslan, rief anlässlich einer Veranstaltung zum Prophetentag die Politik auf den Islam in Deutschland endlich den offiziellen Status als anerkannte Religion zu gewähren. Dies sei für die Muslime notwendig, damit sie „auch rechtlich mit Anhängern anderer Religionen gleichgestellt sind“, zitieren SABAH und TÜRKIYE.



Lesen Sie dazu auch:
Identität in der Abgrenzung - Europa und seine Werte

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