Newsnational Dienstag, 29.12.2009 |  Drucken

Kopenhagen legt drastisch die Krise des westlichen Systems offen

Der Erhalt von Gottes Schöpfung als Auftrag für die Gegenwart
Wie die Muslime dem drohenden Klimawandel begegnen können - Von Mohammed Khallouk

Spätestens mit der ohne konkrete Globalverpflichtung beendeten Klimakonferenz von Kopenhagen sind die Schattenseiten des modernen, vorrangig auf Konsumierung der Erdschätze ausgerichteten, vom Westen gesteuerten globalen Wirtschaftsmodells der Weltöffentlichkeit demonstriert worden. Die Konferenzteilnehmer, bestehend u.a. aus den Staats- und Regierungschefs der großen westlichen Industriestaaten ebenso wie den politischen Verantwortungsträgern der sogenannten Schwellenländer konnten sich auf keine für jede Nation verbindliche Verpflichtung zur Senkung des klimabedrohenden Treibhausgases CO2 einigen.

Der nationale Egoismus, die Erwartung, der jeweils andere werde den ersten Schritt wagen, sowie letztlich die Furcht vor einem allgemeinen Konsumverzicht erwiesen sich als stärker als das Bewusstsein für das Weltklima und die Endlichkeit der Energielieferanten des Erdbodens, die zuvor in den Sonntagsreden von allen Seiten angemahnt worden waren.

Mancher Muslim mag sich in seiner Ansicht bestätigt sehen. Habe man nicht schon seit je her gewusst, dass das vom Westen ausgehende, moderne, ökonomisch bestimmte Gesellschaftssystem die Menschheit früher oder später ins Verderben ziehen werde. Dort wo der Marktwert materieller menschlich erzeugter Produkte höher geschätzt werde als der Mensch selbst und die ihm von Gott geschenkte Natur, werde man sich nicht in der Lage zeigen, auf die rational erkannten und bereits in den Siebziger Jahren durch den Club of Rome angedeuteten Grenzen des Wachstums sich angemessen einzulassen.

Wo materielle Werte über die Spiritualität gestellt würden, ebne die Menschheit sich selbst den Weg in den Abgrund und steuere einer neuerlichen Sinnflut (durch Abschmelzen der Polkappen) entgegen. Sofern die Muslime sich weiterhin ihrem Gott gegenüber treu erwiesen, würden sie die rettende Arche vor sich liegen sehen und könnten daher mit Spott und Herablassung auf die von Nichtmuslimen und ihren Gemeinwesen gesteuerte Massenselbstzerstörung hinunterblicken.

Kein Grund zur Schadenfreude für die Muslime

Aber besitzen nicht gerade die Muslime, die sich als Wissende um den göttlichen Ursprung der Natur verstehen, erst recht eine Verantwortung für den Schutz der gemeinsamen Lebensgrundlage aller Menschen auf diesem Globus? Trägt nicht manch einer von ihnen ebenfalls zu diesem als „heidnisch“ erkannten, auf den Augenblick ausgerichteten, die Zukunft ignorierenden System bei? In der Tat sind die führenden Wirtschaftsnationen, die zugleich den höchsten CO2 – Verbrauch aufweisen, ausschließlich majoritär nichtmuslimisch und ihre politischen Eliten bekennen sich – sofern sie überhaupt religiöse Werte für beachtenswert einschätzen – fast ausnahmslos nicht zum Islam.

Ein globales System hat die Muslime jedoch ebenso erfasst wie jede andere Weltreligion und stellt für jeden gleichermaßen eine Herausforderung dar. Schließlich stammt das CO2, das aktuell in Ländern wie den USA oder China so massenhaft in die Atmosphäre ausgestoßen wird, zu einem nicht geringen Teil aus fossilen Brennstoffen, die zuvor in islamischen Staaten dem Erdboden entnommen wurden. Nun ließe sich dieser Befund durchaus derart interpretieren, dass Gott „seine treuen Diener“ weit mehr mit Ressourcen gesegnet habe als die „Ungläubigen“, deren überschüssigen Verbrauch man ihnen gnädigerweise aus dem eigenen Repertoire liefere, damit sie noch ein wenig mehr Zeit bis zum Umdenken bekämen.

Gerade die Energieträger der majoritär muslimisch besiedelten Region beschränken sich jedoch nicht auf dem Erdinnern zu entziehende fossile Brennstoffe wie Öl und Gas, auf die muslimische Gesellschaften ebenso wie der Westen nach wie vor fixiert sind. Für alternative Energien, vor allem die Solarenergie, bietet die islamische Welt, insbesondere die ölreiche arabische Wüstenlandschaft ebenfalls prädestinierte Bedingungen. Das gerade die Kernstaaten der islamischen Zivilisation von den negativen Folgen einer anthropogen produzierten Klimaveränderung verschont bleiben, scheint angesichts der bereits heutzutage dort vielfach beklagten Wasserknappheit erst recht nicht garantiert.

Vielmehr erfordert es sich einzugestehen, dass gelegentlichem Hochmut gegenüber dem Westen zum Trotz die Muslime mittlerweile vollständig in das dort entstandene, als gegen die göttliche Natur sich präsentierende Gesellschaftsmodell integriert sind. Zugleich besitzen sie die Pflicht und das Potential, sich selbst und langfristig darüber hinaus der materialistisch konsumorientierten westlichen Welt zu demonstrieren, wie durch ihren Beitrag die Grundlage für ein System gelegt werden kann, das die Schöpfung bewahrt und erhält.

Nicht zuletzt die Abhängigkeit der industriellen Großmächte vom Ressourcenreichtum islamischer Staaten gilt es als Chance zu begreifen, einerseits aktiv der drohenden Katastrophe entgegenzusteuern und andererseits die gegenwärtigen Hauptproduzenten des klimaschädlichen Gases zum Umstieg auf ein ressourcenschonendes Wirtschaftssystem zu zwingen sowie ihnen die Folgen ihrer Konsummentalität bereits in der Gegenwart vor Augen zu halten.

Die Muslime als Pioniere des Klimaschutz

Ein massiver Ausbau der alternativen, nicht fossilen Energieträger böte beispielsweise die Möglichkeit, die Abnehmerstaaten für Öl und Gas zur gleichzeitigen Abnahme eines bestimmten Prozentsatzes von alternativer Energie zu verpflichten. Bei den Preisverhandlungen der OPEC ließe sich zudem durchsetzen, dass die Lieferung zu den von Abnehmerseite erstrebten Konditionen nur noch gewährleistet wird, sofern diese sich zur Verbrauchsminderung und eventuell zur Speicherung des CO2 bereit erklärt.
Wenn die Menschheit zudem erkennt, dass sich Wohlstand nicht daran misst, wie hoch die Wolkenkratzer der Metropolen in den Himmel hinaufragen und wie aufwendig die Touristenhotels gestaltet sind, sondern mindestens in gleichem Maße an schonendem Umgang mit der Natur, an sauberer Luft und trinkbarem, reichlich vorhandenem Grundwasser, können gerade die Muslime in Regionen, die diesbezüglich ohnehin an die Grenzen des Erträglichen gelangt sind, demonstrieren, dass begrenzte Ressourcen kein Manko an Lebensqualität darstellen müssen.
Bereits der Prophet hat seine Anhänger immer wieder zur besonderen Achtung jeglichen Lebens aufgefordert. Wenn sie gemeinsam in den Krieg zogen und die Stätten des Feindes in Begriff zu erobern waren, mahnte er seine Mitkämpfer, nicht mehr zu zerstören als für den Sieg in der Schlacht unbedingt erforderlich. Tiere und Pflanzen sollten ebenso erhalten und geschützt werden, wie die Lebensgrundlage jeglicher Menschen zu sichern sei, die den berechtigten Anliegen der Muslime keine Barrieren auferlegten.
An diese Grundsätze gilt es sich in der heutigen Zeit wieder zu erinnern und zu beweisen, dass ein aufrechter muslimischer Lebensstil einen schonenden Umgang mit der Natur beinhaltet und den ärmeren Bevölkerungsschichten ebenso wie den nächsten Generationen die gleichberechtigte Teilhabe an den Gütern dieser Erde garantiert. Hiermit wäre die vom Islam verlangte Bereitschaft zur Teilung mit Umwelt und Mitmenschen zeitgemäß interpretiert. Auf diese Weise wird die Menschheit daran erinnert, dass der Islam schon seit je her ein Konzept besitzt, wie Mensch und Umwelt miteinander in Einklang zu leben in der Lage sind und das globale Ökosystem über den heutigen Tag hinaus Bestand haben kann.

Zum Autor: Der Deutsch-Marokkaner Dr. Mohammed Khallouk habilitiert u.a. bei Prof. Wolffsohn in München und ist Dozent an der Uni Marburg




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