Artikel Freitag, 05.08.2022 |  Drucken

Institutionalisierung der islamischen Wohlfahrtspflege - Ein Beitrag von ZMD-Vorsitzenden Aiman Mazyek

„Angebote der muslimischen Wohlfahrtspflege gibt es bereits seit Jahren – von der Altenpflege bis zum Kindergarten. Der stets wachsende Bedarf kann allerding nicht nur durch den ehrenamtlichen Einsatz der muslimischen Gemeinden gedeckt werden und erfordert politische Bereitschaft für die Weiterentwicklung und den Ausbau der muslimischen Wohlfahrtspflege.“

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Aiman Mazyek wird der Beitrag aus der Zeitschrift „Herder Korrespondenz Spezial“ hier auf islam.de veröffentlicht:

Kooperation zwischen Staat und Gemeinden

Im Jahr 2015 hat die damalige Bundesregierung über die Deutsche Islam Konferenz (DIK) die Wohlfahrtspflege als Thema der gesellschaftlichen Teilhabe zu einem der Arbeitsfelder der laufenden Legislaturperiode erklärt. Damit wurde die Bedeutung der muslimischen Wohlfahrtspflege unter Beteiligung von Musliminnen und Muslimen sowie ihrer Organisationen für wünschenswert erklärt und die ausdrückliche politische Bereitschaft, diese weiterzuentwickeln, signalisiert. Staat und Gesellschaft anerkennen und unterstützen auf diesem Wege die Verbreitung und die Professionalisierung auch von Muslimen organisierter Angebote, die für alle Menschen in Deutschland offen sind.  

Denn Angebote der muslimischen Wohlfahrtspflege gibt es bereits seit Jahren: von der Altenpflege bis zum Kindergarten, von medizinischenHilfsangeboten bis zur Jugendarbeit in den Gemeinden und Moscheen der muslimischen Religionsgemeinschaften und deren Umfeld. Wohlfahrtsstaatliche Angebote und Dienstleistungen für Musliminnen und Muslime werden zudemverstärkt auch von den Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege entwickelt. Und sie werden zunehmend professioneller durch die Arbeit der muslimischen Verbände, ihre Landes- und Kommunalgliederungen. Die größte Herausforderung wird dabei die weitere Professionalisierung bisher vorherrschend ehrenamtlich geleisteter Arbeit und deren Transfer unter das Dachder sozialstaatlichen Regelleistungen sein. Ein bundesweites »Empowermentprojekt zur Wohlfahrtspflege mit den DIK-Verbänden" beispielsweise zielt auf die Befähigung von Moscheegemeinden zur Erbringung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen im sozialstaatlichen Rahmenbei gleichzeitiger Würdigung bereits geleisteter, zumeist ehrenamtlicher sozialer Arbeit der islamischen Dachverbände und ihrer Gemeinden. Dies ist ein zukunftsweisender Ansatz und kann durchaus als Vorbild jenseits politisierter und polemischer, meist auch oberflächlicher Islamdebatten betrachten werden. Neben der Würdigung der Bedeutung der interkulturellen Öffnung sozialer Dienste und Einrichtungen für alle Bevölkerungsgruppen können auch Vorbehalte gegenüber islamischen sozialen Einrichtungen abgebaut werden. Zugleich hilft es, die Außendarstellung der islamischen Dachverbände und ihrer Gemeinden in Bezug auf ihre sozialen Angebote zu verbessern.

Zukunft des "Islamischen Kompetenzzentrums für Wohlfahrtswesen (IKW) e.V.

Durch besseren Zugang zu Informationen über Förderungsmöglichkeiten, Leistungen, Angebote und Strukturen der Wohlfahrtspflege undVerwaltungsabläufe innerhalb der islamischen Dachverbände und ihrer Gemeinden werden ebenso Defizite innermuslimischer Strukturensichtbar und durch Wissenstranfers und Beratung zu den jeweils relevanten (gegebenenfalls auch zielgruppenspezifischen) Programmenund Projekten in den Kommunen und auf Landes-, Bundes- und europäischer Ebene abgebaut. So entstehen Kooperation und Teilhabe sowiepraktische Hilfen in den Bereichen Ehrenamt, Hauptamt und Qualifikation.Um diese gemeinsam gesetzten Ziele zu verwirklichen, haben die sieben Dachverbände der Muslime in Deutschland (DITIB, IR, IGBD, IGS, VIKZ, ZMD und ZRMD) 2016 den Verein „Islamisches Kompetenzzentrum für Wohlfahrtswesen (IKW) e.V." gegründet. Das vom Familienministerium gefördertebundesweite Empowermentprojekt zur Wohlfahrtspflege mit den DIK-Verbänden neigt sich nach sechs Jahren dem Ende zu. Dieses zielte auf die Befähigung von Moscheegemeinden zur Erbringung wohlfahrtsstaatlicher Leistungenim sozialstaatlichen Rahmen. Das Islamische Kompetenzzentrum für Wohlfahrtswesen hat als Teil des Empowermentprojekts essenziellfür die Professionalisierung des Ehrenamts in den muslimischen Religionsgemeinden mitgewirkt.

Um diesen Prozess nachhaltig weiterzuentwickeln, hat das IKW Ende letzten Jahres zu einer Strategietagung nach Köln eingeladen, bei der alle Verbände auf Vorstandsebene und durch Fachpersonal vertreten waren. Bis dato haben die muslimischen Gemeinden mit ihren Angeboten im sozialen Bereich eine wichtige, sich meist im Stillen abspielen- der Arbeit geleistet und damit eine wesentliche Säule der Dienstleistungen innerhalb der muslimischen Community abgedeckt. Der stets wachsende Bedarf kann allerdings nicht nur durch den ehrenamtlichen Einsatz gedeckt werden und erfordert dieWeiterentwicklung und den Ausbau der muslimischen Wohlfahrtspflege. Die bestehenden Angebote decken die Bedürfnisse der Musliminnen und Muslime nicht mehr ab. Zudem fehlen schlichtweg kulturelle und religiöse Kompetenz und das Commitment in den vorhandenen und etablierten sozialen Einrichtungen.

Schnittstelle zwischen Verbände und Behörden

Vor diesem Hintergrund wurde über die Möglichkeiten eines islamischen Wohlfahrtsverbandes, auch und gerade zusammen mit Referenten der christlichen Wohlfahrtsverbände und über die Zukunft des IKW gesprochen. Dabei wurde bei den Bestandserhebungen der existierenden Angebote der muslimischen Religionsgemeinschaften klar, dass sie schon jetzt infast allen aktuellen Wohlfahrtsthemen unterwegs sind. In den Diskussionen wurden stets die mangelnden Ressourcen, eine unzureichende finanzielle Ausstattung und der Fachkräftemangel genannt. Auch die Kooperation untereinander müsse verbessert werden. Welche Dienste kann das Islamische Kompetenzzentrum für Wohlfahrt nun leisten? Vorgeschlagen wurden Grundlagenarbeit, Qualifizierungsangebote und Beratung bei der Umsetzung neuer gesetzlicher Anforderungen. Das IKW könne eine Schnittstelle zwischen den bestehenden Wohlfahrtsorganisationen der Verbände und den Behörden sein. Dabei ist für das IKW klar, dass nur eine Struktur „von unten nachoben" erfolgversprechend ist. Interessant wird auch die Fragesein, wie die Eigenständigkeit und Heterogenität der aktuellen islamischen Akteure (islamischen Verbände) mit ihren zahlreichen Wohlfahrtsangeboten angemessen berücksichtigt werden können. Mittelfristig wird von einer Mitgliedschaft in der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege (BAGFW) ausgegangen. Zu klären ist noch, ob eine Struktur als islamischerSpitzenverband oder als islamische Wohlfahrtsgemeinschaft angestrebt wird. Einig waren sich alle, dass der Tag ein Auftakt war und dass man mehr gemeinsames Handeln braucht, um eine professionelle Islamische Wohlfahrtspflege aufzubauen. Im Frühjahr sind erste Konzeptideen zu erwarten. Natürlich wird es kein schnelles Ergebnis geben. Hierzu braucht es sowohl eine innermuslimische Koordination wie auch eine Netzwerkarbeit nach außen - und ganz besonders die Politik, die diesen Ball schließlich selbst vor sieben Jahren ins Spielfeld warf und ihn nun wieder aufgreift, damit am Ende so etwas wie ein muslimischer Wohlfahrtsverband steht. Damit wäre in der Tat allen gedient.

In: Mazyek, A. (April 2022). Mehr als Ehrenamt. Herder Korrespondenz Spezial: Delegierte Nächstenliebe. Die Kirche und ihre Caritas, 1.Auflage 2022, 60-61.


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