Newsinternational Montag, 19.04.2004 |  Drucken

Im Herzen Arabiens Stolz und Leidenschaft – Begegnung mit einer zerrissenen Kultur

Rezension von Rupert Neudeck über das Buch von Michael Lüders

Das Buch sprudelt nur so von Erkenntnissen und Informationen, die wir nicht so einfach bekommen. Riecht doch die Welt der Araber für uns Westler verdächtig, verschwörerisch, halb feindlich. Er bringt Informationen über den strahlenden Aufstieg von hervorragenden Fernsehsendern wie Al-Jazeera und wie der libanesische Sender LBC. Das „Deutschland sucht den Superstar“ gibt es, wie Lüders schreibt, auch in der arabischen Welt. In dem Libanon Sender LBC heißt die Sendung schlicht „Superstar“ und ist der größte Straßenfeger aller Zeiten. Zehn Millionen Araber beteiligen sich per Fax, Internet oder Telefon am ersten Finale im August 2003. Eine syrische und eine jordanische Sängerin waren im Endspurt. Die Jordanierin gewann mit 52 % der Stimmen. Lüders: Superstar ist auch ein politisches Ereignis. „Arabische Präsidenten gewinnen Wahlen mit 99 Prozent der Stimmen. Allein die Tatsache, daß der Sieg der jordanischen Sängerin so knapp ausfiel, war frische Luft für die arabische Welt“.

Das Gefühl, zu den Verlierern der Geschichte zu gehören, ist bei Arabern weit verbreitet. Lüders erinnert sich an die Diskussion mit einem ägyptischen Historiker, der den europäischen und amerikanischen Sklavenhandel geißelte. Der Autor machte ihn darauf aufmerksam, daß es auch vielfach arabische Stämme gab, die Sklavenjäger waren. Und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Ägypten aus dem Sudan importierte schwarze Sklaven. Warum er dann versäumt habe zu erwähnen? „Weil, so seine Antwort, die Araber ihre Sklaven stets besser behandelt hätten als alle anderen“.
Lüders stellt mit seinem Buch nichts Akademisches vor, er erzählt, was er das von den Arabern gelernt hat. Kleine und große Begebenheiten läßt er vor dem deutschen Leser Revue passieren, damit dieser seine Vorurteilsschablonen zerbrechen kann und begreift, wie vielfältig, reich und angenehm diese Welt ist.

Die arabische Welt ist ein wenig zurückgeblieben, lebt in einer Zwischenwelt. Äußerlich ist sie hypermodern – aber sie ist festgefahren blockiert zwischen Fortschritt und Restauration. Er läßt vier Frauen aus der arabischen Welt erzählen, die alle nicht irgendwelche Sumpfdotterblumen oder Katzen sind, die hinter irgendeinem Herd schnurren. Da ist die Amina Lemrini, 49 Jahre, Vorsitzende der „Demokratischen Vereinigung marokkanischer Frauen in Rabat. Die Amina Lemrini hat noch viel auf ihrer politischen Agenda. Die Frau hat dem Mann zu gehorchen. Tut sie das nicht, sind die Folgen dramatisch. In Marokko kommt es vor, daß Frauen getötet werden, wenn sie sich ihrem Mann nicht unterordnen. Lemrini sagt: „Wir haben ein großes Problem mit den Islamisten. Sie mögen Frauen nicht, die Forderungen stellen, weil wir damit das Patriarchat schwächen“. Nicht der Islam sei frauenfeindlich, „vielmehr mißbrauchen die Männer den Islam, um gegen die Frauen vorzugehen“.
König Mohammed VI ist der juristischen Gleichstellung der Frau gegenüber aufgeschlossen. Die zweite Frau ist Shirin Hamani, 33 Jahre, Unternehmensberaterin in Dschidda Saudi Arabien Sie hat sehr spät geheiratet, ist eine privilegierte Frau. Mariam Karnib, 26 Jahre, Produzentin beim Fernsehsender ASl-Manarin Beirut.
Sie bringt eines der größten Probleme, die die Arabische Welt, auch die Frauen, mit Europa hat, auf den Punkt: Die Palästinafrage. Solange sie nicht gelöst wird, wird es keinen Frieden in Nahost geben, da können die USA noch neben dem Irak, Syrien, Jordanien, den Iran und Äygpten erobern. „Wenn es einen palästinensischen Staat geben sollte und sich die Palästinenser mit Israel abfinden, werden wir uns mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Sollen die Israelis dann ich Leben führen, wir führen unseres.“
Als letzte zitiert Lüders Monika Akin Kiryang, 29 Jahre alt, Mitarbeiterin im „Zentrum zur Förderung der Frau“ im Sudan, Khartoum. Sie ist eine Dinka Frau, gehört zu den Schwarzafrikanern, die in Khartoum nicht sehr gut angesehen sind. Die Regierung unternimmt nichts, um uns zu helfen, sagt Monika, die aus dem Süden aus Bahr el Ghazal kommt, wo sie die Vorsitzende der Frauenunion war. „Nur Christen, die zum Islam konvertieren, erhalten Unterstützung und Geld.“
Der Islamismus, so schreibt Lüders wäre gar nicht denkbar ohne die Mobilisierungsschübe, die vom Westen mitkreiert worden sind: zunächst gegen den Kolonialismus, dann, nach dem 2. Weltkrieg, gegen die Vorherrschaft der USA im Nahen und Mittleren Osten, „vor allem gegen die vorbehaltlose Unterstützung Washingtons und der westlichen Welt für Israel“. Eine Unterstützung, die jetzt ausgerechnet bei Ariel Scharon ihre schlimmstmögliche Steigerung erfährt. Ganz offenbar warnt niemand den US Präsidenten davor. Denn Scharon gilt als der Mitverursacher und Schlächter der Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Chatila, als 1982 in Beirut hunderte von Palästinenser ermordet wurden, innerhalb von Stunden.

Die Erfolgsgeschichte des islamischen Fundamentalismus – so Michael Lüders – wäre ohne die besondere Rolle Saudi Arabiens nicht denkbar gewesen. Als Reaktion auf die schiitische Revolution mit dem Ayatollah Khomeini an der Spitze 1979 begann das ultrakonservative und entsprechend verängstigte Herrscherhaus in Riad, einen heiligen Krieg zu führen und mitzufinanzieren. „In enger Abstimmung mit der CIA versuchte die Familiendynastie der AL Saud, dem Iran revolutionär zu überbieten, aus Sicherheitsgründen weitab der eigenen Grenzen“. Afghanistan kam den Saudis wie gerufen, man hätte die Sowjets ja fast gebeten zu kommen. Der Dschihad gegen die sowjetische Besatzung wurde zum Fanal, „ein Instrument saudischer Eigenlegitimation und amerikanischer Machtpolitik um Wettstreit mit Khomeini, dessen revolutionäres Charisma weit in die arabische Welt hineinwirkte“. Das galt als Vorurteilsschablone in der US Politik bis gestern, bis zu dem Moment, wo die USA den alten Erbfeind Teheran als Vermittler zu dem jungen Aayatollah Murtada Al-Sadr anrufen mußten.

Von den Folgen der Afghanistan Feldzüge erzittern die Staaten der westlichen wie der arabischen Welt auch noch 2004. Nach Abzug der Sowjets 1989 kamen die vielen sog. „heiligen Krieger“ in ihre Ausgangsländer zurück und wollte dort den Gegner der Religion und die etablierten Gewalten beseitigen. Damit begann das Ende der Sicherheit für die Regime in den arabischen Ländern, besonders für solche, die wie die saudische Herrscherfamilie oder der Präsident Ägyptens mit den USA verbandelt sind.
Das Buch gibt uns eine ganz brandaktuelle Erklärung, weshalb der amerikanische Besatzungspolitik im Irak nicht funktionieren kann und zum Scheitern verurteilt ist: Im Schatten eines Invasionsmacht mit imperialen Ansprüchen kann es keine Demokratisierung geben. „Das westliche Gerede von der Demokratisierung glaubt in der arabischen Welt niemand. Der Stolz der Araber ist dabei nicht zu unterschätzen. Die amerikanische Besetzung des Irak wird als Demütigung gesehen.“
Wir müssen wegkommen von der alten Parole, die wir alle tiefinnerlich noch glauben und von der abzukommen für uns Europäer schmerzlich werden wird: The West is best.
Lüders: Was tun? Zunächst einmal müssen wir zur Kenntnis nehmen, „daß die amerikanische Außenpolitik in der arabisch-islamischen Welt große Verheerungen anrichtet und das Gegenteil von dem erreicht, was sie anstrebt. Sie garantiert nicht Freiheit und Sicherheit, sondern befördert Instabilität und Terror. Das zeigt sich deutlich im Irak.“ Deshalb plädiert Lüders mit dem buddhistischen Journalisten Lim Kooi Fong für eine andere Achse des Bösen. Nicht der Irak, der Iran und Nordkorea bilden diese Achse. Die Achse verläuft ganz woanders: Sie betrifft Gier, Hass und Intoleranz.

Michael Lüders: Im Herzen Arabiens.- Stolz und Leidenschaft – Begegnung mit einer zerrissenen Kultur. Herder Verlag Freiburg 2004 224 Seiten




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