Artikel Mittwoch, 28.03.2012 |  Drucken

Filmbesprechung: "Kaddisch für einen Freund" - Über eine (un)mögliche muslimisch-jüdische Annäherung im Kiez

Seit 15. März läuft der Film „Kaddisch für einen Freund„ in den deutschen Kinos. Mit „Kaddisch“ bezeichnet man im Judentum  ein Gebet, das in Erinnerung an Verstorbene gesprochen wird. Von einem nahen männlichen Verwandten wie Sohn, Neffen oder Bruder wird es nach dem Tod des Verstorbenen gesprochen. Leo Khasin hat das Buch zu „Kaddisch für einen Freund“ geschrieben und führte auch die Regie des Films. Khasin wurde 1973 in Moskau geboren.  

In dem Film geht es um eine sehr merkwürdige und auch sehr unmögliche Freundschaft. Der 14 jährige Ali Messalam (Neil Belakhdar) ist in einem palästinensischen Flüchtlingslager aufgewachsen. Früh haben ihm „die Großen“ beigebracht, Schuld an allem Unglück auf Erden sind „die Juden.“ Ali und seine Familie flüchten aus dem Libanon und es verschlägt sie nach Berlin-Kreuzberg. Hier trifft der Junge auf neue Kumpels.  

Diese arabischstämmigen neuen „Freunde“ haben ihre eignen Lebensregeln aufgestellt. Man ist ja Muslim und ist stolz darauf. Für diese männlichen Kids bedeutet das nach den von ihnen selbst gemachten „islamischen Regeln“, einem deutschen Mädchen, das kein Kopftuch trägt, darf man schon mal an „die Wäsche gehen“, auch wenn das Fräulein das gar nicht möchte. Die Regeln machen sie. Sie bestimmen generell, wo es langgeht in ihrem Kiez.   In der Hochhaussiedlung über der Wohnung des Alis  wohnt ein alter Jude (Ryszard Ronczewski).  Er ist einst aus der ehemaligen UdSSR nach Berlin gekommen. 

Die jugendliche Truppe plant Krawall gegen den Juden zu machen. Der alte Herr ist doch ein ideales Opfer für die „Halbstarken.“ Sie wollen dem Juden zeigen, dass er unerwünscht ist. Judenfreie Zone lautet ihr Motto. Man dringt in die leere Wohnung des „Feindes“ ein und verwüstet das Mobiliar. Ali hat eine Spraydose dabei und sprüht das Wort „Jude“ an die Wohnzimmerwand. Der alte Mann kommt überraschend zurück und zeigt, was er als ehemaliger Boxer noch so alles kann. Während die anderen Täter fliehen, kann der Wohnungsinhaber Ali nicht nur einwandfrei erkennen, er zieht ihm auch noch einen Turnschuh bei dessen Flucht aus. Ein besseres Beweismittel kann sich die herbeigerufene Polizei gar nicht wünschen.

Einen Film über Menschen, die in Berlin-Kreuzberg und anderswo „im Grunde Tür an Tür leben, bisher aber keine Berührungspunkte haben"

Da Ali und seine Familie nur geduldet in Deutschland leben, droht die Abschiebung für den nun kriminell gewordenen Jungen und den Anhang. Jetzt hat Alis Mutter (Sanam Afrashteh) ihren großen Auftritt. Sie macht dem Sohnemann klar, es gibt nur einen Weg, der Abschiebung zu entgehen: Man muss auf den jüdischen Nachbarn zugehen, Abbitte tun und den Schaden auf „Heller und Pfennig“ ersetzen. Alis Vater (Neil Malik Abdullah) weis weder von der Straftat seines Kindes noch von der „Annäherung an den verhassten jüdischen Feind.“  

Langsam, fast millimeterweise, kommen sich „der Jude und der Muslim; der ehemalige Sowjetbürger und der ehemalige in Arabien lebende Ali“ näher. Oft hängt die Zusammenarbeit am seidenen Faden. Es ist immer wieder die Mutter, die Ali klarmacht, er hat hier nicht „den Feind“ bekämpft, sondern einem alten Herrn die Wohnung zerstört.  

Der alte jüdische Nachbar war früher Lehrer von Beruf. Er hat das zeichnerische Talent von Ali erkannt. Doch Alis Vater sieht in Landschaftsporträts und anderen Zeichnungen keinen Sinn. „Wir müssen eine Familie ernähren“, teilt er mit. Das geht  seiner Meinung nach nur mit körperlicher Arbeit, nicht mit Kunst. Der Vater scheut sich auch nicht davor zurück, die Zeichnungen seines Sohnes im Müll zu entsorgen. Trauriger Höhepunkt ist dann Alis Aussage gegenüber seinem Vater: „Ich hasse Dich.“   Regisseur Leo Khasin zeigt in äußerst mühevoller Kleinarbeit, wie schwierig eine Annäherung ist. Er stellt aber auch dar, die Annäherung ist möglich. Die Beteiligten müssen es nur wollen!    

Leo Khasin sagte gegenüber islam.de, er habe zu den Themen Migration und „dem Leben in der Fremde natürlich einen  anderen Zugang als Deutsche. Ich selber kam in der ehemaligen UdSSR zur Welt und musste mich in Deutschland, in einem mir völlig fremden Land, einer anderen Sprache und einer anderen Kultur, einleben.“ Daher war schon sehr lange in ihm der Wunsch entstanden, einen Film zu drehen über Menschen, die in Berlin-Kreuzberg und anderswo „im Grunde Tür an Tür leben, bisher aber keine Berührungspunkte hatten.“  

An der Pressevorführung in Berlin nahm auch der SPD-Politiker Rainer-Michael Lehmann teil. Er gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus an und ist Sprecher seiner Fraktion für Integration. Offen gab der SPD-Parlamentarier  gegenüber islam.de an: „Dieser Film hat mich aber so beeindruckt, gefesselt und fasziniert, dass ich hellwach war. Der fiktive Film gefällt mir auch deshalb so gut, weil er das Leben der Migranten ehrlich wiedergegeben hat. Ich werde meinen Fraktionskollegen und den für Integration zuständigen Kollegen aus den anderen Fraktionen empfehlen, sich den Film „Kaddisch für einen Freund“ unbedingt anzuschauen.“(Volker-Taher Neef, Berlin)



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