Newsnational Samstag, 03.03.2012 |  Drucken

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Diskussion nach der Studie: Der Islam als sozialer Pflegefall?!

Der Islam als Sonderfall für wissenschaftliche Investigationsprojekte in Auftrag der Regierung. Ist das der erkenntnisgenerierende Weg fragt die Wissenschaftlerin Raida Chbib?

Wieder eine Studie zu Muslimen in Deutschland aus der Bundesdruckerei. Wieder großer Rummel, erste Schlagzeile in der Bild, der Innenminister im Scheinwerferlicht. Das Sorgenkind, der Migrantenislam, steht auf den Plan. Die Reaktion auf die Inszenierung der Studie zu den Lebenswelten junger Muslime in Deutschland zeigt jedoch, dass man nicht länger gewillt ist, den Köder der Warnung vor dem radikalen Islam zu schlucken. Es zeigt die wachsende Diffenziertheit von Journalisten in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie spricht ebenso für die steigende Qualität der wissenschaftlichen Arbeit. Von politischer Seite hat sich in den vergangenen Jahren bisweilen viel geregt, um Muslime als facettenreiche Religionsgruppe besser in das Gemeinwesen einzubeziehen. Dies drängt zu der Frage: Warum diese Rhetorik? Wozu diese schlagzeilenträchtige Präsentationsweise, die selbst bei den Verfassern der Studie für Kopfschütteln sorgt. Und vor allem: Warum denn wieder eine Studie, die dasselbe fragt und dasselbe untersucht, wie die Studien der Ministerien vorher? Der Islam als Sonderfall für wissenschaftliche Investigationsprojekte in Auftrag der Regierung. Ist das der erkenntnisgenerierende Weg?  

Islam als Sonderforschungsbereich


Wie sich Religion bei Minoritätengruppen unter den Bedingungen und Nachwirkungen von Migration entwickelt, ist ein breites Forschungsfeld. In den USA hat man sich bereits im Zuge der Einwanderungswelle zu Kriegszeiten in Europa dieser Frage gewidmet und sich damit in Auseinandersetzung mit verschiedenen religiösen Gemeinschaften von Migranten und deren Nachkommen auseinander gesetzt. In Deutschland hat sich die Forschung hingegen mehrere Jahrzehnte später in den 1990er Jahren zunehmend der Frage nach Religion in Zusammenhang mit Migration gewidmet. Dabei stand der Islam meistens als empirisches Fallbeispiel im Vordergrund. Doch die Auseinandersetzung mit dem Islam erfolgte überwiegend religionsimmanent und war bis auf Ausnahmen kaum verankert in religionssoziologische oder  migrationssoziologische Kontexte. Der Islam erscheint in Deutschland als Sonderfall und nicht als ein Beispiel unter anderen. Muslime sind damit etwas anderes, entwickeln aus sich selbst und ihrer religiösen Tradition, was sich nicht mit gesellschaftlichen Verhältnissen vertragen will. Sie sind lange Zeit weder von der Öffentlichkeit noch von wissenschaftlicher Seite als eine gesellschaftliche Teilgruppe betrachtet worden, die sich in Wechselwirkung mit sozialen Kontexten und Bedingungen im Lande unter anderem mit Religion auseinandersetzt. Sie sind je nach Betonung ihrer ethnischen Eigenschaft etwa als „Türken“ oder ihrer religiösen als Muslime als „homines religiosi“ betrachtet worden, die einer Religion zugehören, die grundsätzliche Inkompatibilitäten mit der „christlich-jüdischen“ Kultur aufweist. Erst in jüngerer Zeit sind sozialwissenschaftliche Studien ins Leben gerufen worden, die sich differenziert mit jungen Muslimen und der Entwicklung ihrer Religiosität in Interaktion mit ihrem sozialen Umfeld auseinandersetzen. Endlich hat man sie in ihrer Individualität erkannt und ihnen eine subjektive Auseinandersetzung mit Fragen rund um Identität und Religion bescheinigt. Die Vielfalt steht nunmehr im Vordergrund, die Vielfalt ihrer Identitätsentwürfe, ihrer Lebensgestaltungen und ihrer religiösen Gemeinschaften.  

Religiosität in der Post-Migration


Die Tatsache, dass in Zusammenhang mit Fragen rund um zugewanderter Religion oder von Religion in der (Post-)Migration zumeist Muslime im Fokus der öffentlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung stehen und wenig islamübergreifende und komparative Betrachtungsweisen zu finden sind, bleibt indessen bestehen. Dass Muslime für Zuwanderer und deren Nachkommen typische Umgangsarten mit der Frage nach der Herkunftsethnie, der Residenzgesellschaft und der religiösen Zugehörigkeit an den Tag legen, ist so kaum wahrnehmbar. Muslime in Deutschland setzen sich mit der eigenen Identität und Religion in der selben Weise auseinander, wie etwa Mexikanische Zuwanderer und deren Nachkommen in den USA – mit gewissen Akzenten, die auf die Spezifika ihrer Religion und ihres Kontextes  zurückzuführen sind. Doch prinzipiell greift derselbe Mechanismus wie bei griechisch-orthodoxen Deutschen oder bei tamilischen Hindus in Großbritannien: Manche grenzen sich ab und nehmen religiös orthodoxe Züge an, andere manövrieren geschickt zwischen verschiedenen kulturellen Welten hin und her und entwickeln eine tendenziell werteplurale, im Fachlatein heißt sie „hybride“ Religiosität. Dazwischen gibt es unterschiedliche Formen der sozialen Einbettung und verschiedenartige Umgangsformen und Ausprägungen der Religiosität – bei Deutschlands Muslimen genauso wie bei anderen religiösen Minderheiten in Deutschland und in anderen Ländern auch.  

Pathologisierung des Islam


Die Frage lautet: Ist es sinnvoll, den Islam durch solche Studien etwa als problematische Migrantenreligion abzuhandeln und damit quasi als sozialen Pflegefall zu behandeln? Ein Patient wird nicht gesünder, wenn man ihm ständig einredet, er sei an x-Stellen seines Körpers schwer krank. Auch nicht, wenn man sich eine lokal befallene Stelle vornimmt, sie untersucht, reinbohrt und öffentlich ausdiskutiert, bis sie sich entzündet und ausweitet. Er wird schon gar nicht gesund, wenn man ihm und den behandelnden Ärzten einbläut, er hätte ein unheilbares Leiden, das ihm ein normales Leben in der Gesellschaft unmöglich macht. Ihn in die Heilanstalt zu verweisen, obwohl er in einem aufgeschlossenen sozialen Umfeld sich mit der Zeit akklimatisieren und neue passende Überlebensstrategien entwickeln wird, macht ihn erst zum Krankenfall. Der Islam braucht weder Schonraum noch Sonderbehandlung, er muss nicht übermäßig untersucht, noch therapiert werden. Diese Religion und ihre Anhänger brauchen lediglich ein positives pluralitätbejahendes Umfeld, um sich genauso entfalten und in Wechselwirkung mit der Gesellschaft entwickeln zu können, wie andere Religionen und Menschen im Lande auch. In jeder Religion und in jeder Weltanschauung gibt es radikale Kräfte. Doch in der Regel bleiben sie eine Ausnahmeerscheinung.  

Religion mit Migrationshintergrund?

Fakt ist: Der Islam ist erst mit der Zuwanderung der türkischen, bosnischen und nordafrikanischen Gastarbeiter en masse in der Nachkriegszeit nach Deutschland gelangt. Er hat also eine relativ junge Zuwanderungsvergangenheit, ist mit seiner Migrationsgeschichte noch eng verwoben. Für den Begriff der Migrantenreligion sollte jedoch zumindest ein Ersatz gefunden werden. Wie wäre es beispielsweise mit Religion mit Migrationshintergrund? Um es mit einer Metapher aus der Botanik auszudrücken: Diese Religion hatte bislang nur eine relativ kurze Blütezeit im Lande und war nicht auf gutem Boden gesetzt worden. Damit ist gemeint, dass viele Muslime mit schlechten sozioökonomischen Grundvoraussetzungen ausgestattet in schwierigen sozialen Milieus angesiedelt wurden. Den guten Dünger gab es kaum. Stattdessen begoss man viele von ihnen mit dem „fremder Ausländer-nix -in Schland –verloren“-Wasser. Dass eine derartige Saat auf solchem Boden in so kurzer Zeit nicht zu einer Orchidee wächst ist von der Anlage her vorbestimmt. Dass jedoch daraus trotzdem einiges gewachsen ist, was mit Blick auf die nächste Blüte optimistisch stimmt, sollte betont werden. In der Migrationssoziologie spricht man in diesem Zusammenhang von bestimmten exogenen Kontextbedingungen, die sich auf die Entwicklung der Integration von Zuwanderern in die Gesellschaft auswirken. Was für Voraussetzungen bringt die Gruppe mit, welche Chancen stehen ihr in der Aufnahmegesellschaft offen, welchen Stand hat dort ihre Religion und vor allem welchen Einstellungen sieht sie sich von gesamtgesellschaftlicher Seite überwiegend ausgesetzt? All dies wirkt sich tendenziell förderlich oder hinderlich auf ihre langfristige gesellschaftliche Einbettung aus. Mit Hilfe solcher Sonderstudien wird eine Religion mit ihren Anhängern jedenfalls pathologisiert.  Es sollte nicht verwundern, wenn Muslime in ihrem Umfeld in der kommenden Zeit gemustert würden, als fehle ihnen etwas. Hat der Kollege vielleicht einen Islamistensyndrom? Der geht doch Freitags in die Moschee. Oder hat die Schülerin das Kopftuch an, weil sie aus einem dieser abgeschotteten Elternhäuser kommt? Da muss man ihnen helfen. Seltsamerweise besteht die Hilfe dann oftmals aus Druck, Belehrungen, Verachtung oder Anfeindungen. Auf der anderen Seite kommen aber auch extrem freundliche Umgangsformen zu Tage, die beinahe entschuldigend wirken. In jedem Fall polarisiert der breite Diskurs, in dem viel Halbwissen zu voreiligen Haltungen und Parolen führt.

Raida Chbib ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Religionswissenschaft der Ruhr Universität Bochum und arbeitet am Teilprojekt einer DFG-Forschergruppe zu Transformation von Religion in der Moderne zum Themenfeld „Migration und Religion“.




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