Artikel Mittwoch, 29.12.2021 |  Drucken


Das Buch ist im Jahr 2020 auf Arabisch und Englisch erschienen und wird derzeit ins Deutsche übersetzt.
Das Buch ist im Jahr 2020 auf Arabisch und Englisch erschienen und wird derzeit ins Deutsche übersetzt.

Eine Freundschaft, die Welten verbindet

Aiman Mazyek stellt das Buch „The Pope and The Grand Imam - A Thorny Path“ von Mohammad Abdulsalam vor.

Eine Freundschaft bahnt sich an

Die einst abgekühlten Beziehungen zwischen der Katholischen Kirche und dem sunnitischen Islam erfuhren mit Papst Franziskus und dem Großimam der Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb, eine bedeutende Wendung. Die Beziehungen zwischen dem höchsten geistlichen Oberhaupt der Katholiken und dem muslimischen Großimam ruhten und trieben den interreligiösen Dialog nicht wesentlich voran. Gegen den im Westen und Osten üblichen Trend entschieden sich die beiden religiösen Führer den Dialog aufzunehmen und sich gegenseitig zu besuchen.  Dies mündete schließlich in einer tiefen Freundschaft zwischen den beiden religiösen Führern, die zu einer Quelle für zahlreiche Initiativen und Projekte wurde. Der Freundschaft ging ein Prozess der Annäherung und der Verständigung voraus. Es fanden Treffen zwischen Rom und Kairo statt, Schriften wurden ausgetauscht. Schließlich kulminierte das Treffen im Februar 2019 in der Unterzeichnung des historischen Dokumentes über die Geschwisterlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt: der Erklärung von Abu Dhabi, in der die Verbundenheit der Religionen hervorgehoben wird.

Geschenk und Widmung

Wie es zu diesem Dokument kam, darüber legt Mohammad Abdulsalam in seinem Buch „The Pope and The Grand Imam - A Thorny Path“: A Testimony to the Birth of the Human Fraternity Document“ Zeugnis ab. Das Buch ist im Jahr 2020 auf Arabisch und Englisch erschienen und wird derzeit ins Deutsche übersetzt. Abdulsalam, der vor kurzem zu Besuch in Berlin war, überreichte mir ein Exemplar mit einer persönlichen Widmung, in der er den Wunsch äußert, dass die Freundschaft vom Großimam und Papst und die von ihnen vertretene Idee der Geschwisterlichkeit weiter an Bedeutung gewinnt.

Das Umfeld des Autors – verinnerlichte Werte

Das Buch ist eine Manifestation von gelebten und erlebten Erfahrungen und vereint autobiografische Elemente mit Einblicken in die Charakteristika der beiden religiösen Führer. Der Leser wird bekannt mit dem Umfeld Abdulsalams, das den Grundpfeiler seiner verantwortungsbewussten Haltung und Integrität bildete. Besonders prägend seien seine azharitische Bildung der Toleranz und Offenheit sowie die langjährige Zusammenarbeit mit dem Großimam Al-Tayyeb. Detailliert bietet er einen Blick hinter die Kulissen des Dokuments und teilt tiefe Einsichten zu Geschehnissen, Persönlichkeiten und wichtigen Veranstaltungen. Anhand der historischen Aufnahmen und Fotografien am Ende des Buches können seine lebendigen Schilderungen nochmals bildlich ins Gedächtnis gerufen werden.

Sowohl die Worte bekannter Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft als auch die Vorworte der beiden repräsentativen Unterzeichner verleihen der Bedeutung des Dokuments besonderen Nachdruck. Den Stil Abdulsalams beschreibt beispielsweise Azza Karam, Generalsekretärin von Religions for Peace, als einen „Ausdruck des Engagements durch den Stift, die Augen und das Herz von Richter Mohammad Abdulsalam.“ Es bedarf verinnerlichter Werte, um strukturelle Missstände zu erkennen, anzugehen und Menschen für diese Visionen zu begeistern. Diese besitze Abdulsalam und könne dadurch als Vorbote des Friedens agieren, der mit großer Hingabe seine Verantwortung im Dienst für die Menschheit nachkomme. Er sei darum bemüht, Dialog voranzubringen sowie Leerstellen ausfindig zu machen, um förderliche Entwicklungen voranzutreiben.

Verinnerlichte Werte spiegeln sich ebenso in den Eigenschaften der religiösen Führer: Ihr Denken und Handeln rührt von ihren tief verinnerlichten Prinzipien ihres Glaubens, den sie als Ressource nutzen und eindrucksvoll aus ihm schöpfen. Sie werben für eine in Harmonie lebende, vielfältige Welt und betonen das gemeinsame Band der Menschheitsfamilie. Das „Dokument zur menschlichen Geschwisterlichkeit“ symbolisiert diese Bestrebungen und verfolgt ebenso klare Leitideen wie ihre Verfasser, um dem Ziel des Weltfriedens näher zu kommen. Es vereint essenzielle Elemente und Bedingungen für Toleranz, Dialog und Koexistenz. Die Unterzeichnung dieses Dokuments von Großimam Al-Tayyeb und Papst Franziskus kann als Meilenstein des interreligiösen Austauschs gewertet werden. Es stellt den bisherigen Höhepunkt ihrer Partnerschaft dar. Abdulsalam beschreibt das Dokument als „natürliche Entwicklung“ der harmonischen Beziehung zwischen den beiden religiösen Führern.


Abdulsalam, der vor kurzem zu Besuch in Berlin war, überreichte mir ein Exemplar mit einer persönlichen Widmung, in der er den Wunsch äußert, dass die Freundschaft vom Großimam und Papst und die von ihnen vertretene Idee der Geschwisterlichkeit weiter an Bedeutung gewinnt.

Abdulsalam, der vor kurzem zu Besuch in Berlin war, überreichte mir ein Exemplar mit einer persönlichen Widmung, in der er den Wunsch äußert, dass die Freundschaft vom Großimam und Papst und die von ihnen vertretene Idee der Geschwisterlichkeit weiter an Bedeutung gewinnt.
Freundschaft bedeutet sich zu bemühen

Maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt waren die unermüdlichen Bemühungen des Autors sowie die des Privatsekretärs des Papstes, Yoannis Lahzi Gaid, die von beiden Seiten großes Ansehen und Vertrauen genießen. Der Intellektuelle, Prof. Mustafa Hegazi, bekennt sich ebenfalls zu der Bedeutsamkeit des Dokuments mit großer Wertschätzung für die Verantwortlichen, indem er versichert, dass der Leser auf die Validität der Ziele „durch die große Vornehmheit und Ehrlichkeit derer, die den Weg beschreiten“ vertrauen kann.

Zeremoniell umrahmt wurde dieses historische Treffen in der Hauptstadt des Gastgeberlands, der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Bewusst wurde dieser Ort für die Globale Konferenz zur Verkündung des Dokuments gewählt. Die VAE gelten in ihrer Region als Pionier für auf Toleranz und Offenheit basierenden Initiativen. Vor diesem Hintergrund haben sie das Sponsoring für die Umsetzung des Dokuments zugesichert. Um die Herausforderungen und Konflikte der Menschen anzugehen und die Visionen in eine gelebte Praxis zu übersetzen, wurde der „Höhere Ausschuss für menschliche Geschwisterlichkeit“ gegründet.

Ein bereits initiiertes Projekt bildet z.B. das geplante „Haus der Abrahamitischen Familie“. In Zeiten, in denen hauptsächlich utilitaristisches Gedankengut verherrlicht wird und für die Erreichung wirtschaftlicher Ziele als Hauptventil einer freien Welt gepredigt wird, erscheinen solche Initiativen wichtiger denn je. Denn sie erlauben einen Ausbruch aus der verworrenen Illusion und zeigen einen alternativen Blick auf die Welt und die großen Menschheitsfragen. Es wird für eine Rückbesinnung auf Werte wie Respekt, Toleranz, Gerechtigkeit und Freiheit plädiert. So wie das aus dem Lateinischen stammende Wort Religion eine Rückbindung des Menschen an Gott bedeutet und mit den genannten Werten einhergeht. So ruft Papst Franziskus dazu auf, Religionen nicht als Problem, sondern als Teil der Lösung anzuerkennen „um Wettbewerb in Kooperation umzuwandeln“.

Der Großimam Al-Tayyeb setzt sich dafür ein „an den Forderungen nach der Herstellung des Zusammenlebens, der Wiederbelebung des Dialogs, der Achtung aller menschlichen Überzeugungen und ihres Schutzes zu arbeiten und zu kooperieren“. Ihr Fokus liegt darauf, anhand von Gemeinsamkeiten eine gemeinsame Basis für Solidarität, sowohl im Alltag als auch auf struktureller Ebene, zu schaffen. Dabei soll und kann die eigene Identität bewahrt und gleichzeitig die des Anderen respektiert werden. Mit diesen Ansichten verurteilen sie die Auswüchse von Terrorismus, Extremismus, Gewalt und Ungerechtigkeiten überall in der Welt und halten aktiv dagegen. Das „Dokument zur menschlichen Geschwisterlichkeit“ erfuhr weltweit großen Anklang.

Stimmen zum Buch

Bekannte Stimmen warben für diese Idee in ihrem Buch. Eine dieser Stimmen ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen António Guterres: „Wir werden unser Bestes tun, um die Vereinten Nationen zu ermutigen, sicherzustellen, dass dieses Dokument überall hingeht und von allen gesehen wird“. Eine der weiteren Stimmen ist Miguel Angel Moratinos, der aus Spanien stammende Diplomat und Hohe Vertreter der Vereinten Nationen. Mit seiner Aussage bekräftigt er die außerordentliche Wirkmacht des Dokuments und verdeutlicht, dass das Dokument „eines der wichtigsten historischen Entwürfe des 21. Jahrhunderts“ ist, „historisch, weil noch nie in der modernen Geschichte ein Dokument dieser Art von den beiden prominentesten religiösen Persönlichkeiten, die den sunnitischen und den katholisch-christlichen Glauben vertreten, mitverfasst und unterzeichnet wurde.“

Der Intellektuelle Radwan Al-Sayyed stellt zuversichtlich in Aussicht: „Das Buch konzentriert sich auch auf die historische Bedeutung des Dokuments und die Zukunftsperspektiven, die sie den Anhängern der beiden Religionen und der ganzen Welt eröffnen.“ Praktische Schritte wurden vom ehemaligen Premierminister Libanons, Fouad Siniora, eingeleitet, indem ein Komitee im Libanon für die Umsetzung der Ziele des Dokuments gegründet wurde. In der Tat avanciert das Buch zum Handbuch des Dialoges und bietet eine Art Anleitung mit vorbildhaften Impulsen und Initiativen für zukünftige Generationen, sowie zivilen AkteurInnen und religiöse Institutionen. Es ist bestückt mit tiefen Erkenntnissen und Weisheiten von religiösen FriedensstifterInnen, die große Konferenzen und Treffen nicht bloß formell abhalten, sondern denen das nachhaltig Gute für die Menschheit am Herzen liegt.


Der Intellektuelle und Politiker Prof. Tarek Mitri beschreibt dieses Verhältnis als „Treffen der Herzen“, die Priorität gegenüber „Dialogen der Gedanken“ haben und die, aufgrund ihres nicht konfrontativen Umgangs miteinander und der eigenen Interessenvertretung in üblichen Konferenzen, selten anzutreffen sind. Nicht zuletzt referiert er weiter, dass die beiden religiösen Repräsentanten in ihren gemeinsamen Erwägungen eine gemeinsame Sprache sprechen.

SEINE EMINENZ PROF. MUSTAFA BEN HAMZA, PRÄSIDENT DES ULEMA COUNCIL VON MAROKKO, sagte im Kontext des Projektes: „Das arabische Wort Insan (Mensch) wird mehr als 200 Mal erwähnt im Koran. Darüber hinaus bezieht sich der Koran auf den Menschen, der verschiedene Oberbegriffe verwendet, wie z.b. als Menschen, Menschheit, Kinder Adams und Diener. Als der Koran die religiöse Geschichte der Menschheit darstellte, beschränkte er sich nicht darauf das Prophetentum an den Propheten Muhammad, sondern bestätigte vielmehr die Botschaft des Islam wonach die Propheten seit Anbeginn der Menschheit bis zum Ende weitergetragen Botschaft unterstützt. Gott, der Allmächtige sagt: "Sag (O Muhammad) Sag: "'Ich bin in keiner Weise eine Neuerung unter den Gesandten." (Koran 46:9); "Sicher wir haben euch offenbart, wie Wir (Noah, Abraham, Moses, Jesus) und den Propheten (sogar) nach ihm offenbart haben. (Koran, 4:163) Der Islam erlaubt seinen Anhängern nicht, jegliches Prophetentum zu leugnen. Der Koran erwähnt die Namen von fünfundzwanzig Propheten und Gesandten Gottes und befiehlt den Muslimen an sie alle zu glauben.


In einer Zeit wie dieser sei es notwendiger denn je, so stellt die ehemalige Generalgouverneurin Kanadas Michaëlle Jean fest, „Bemühungen und Stimmen für den Weltfrieden zu vereinen.“ Wie der Titel des Buches andeutet, ist der Weg zum Ziel holprig und birgt Gefahren und Hindernisse. Den ersten Schritt für eine hoffnungsvollere Zukunft bilde das Dokument.

Abschließend kann die Botschaft Mohammad Abdulsalams in einem seiner Plädoyers zusammengefasst werden: Solange große Ziele, hohe Motive, wahre Zuneigung und aufrichtiger Respekt vorhanden sind, können die Haltungen, Erwartungen und Ergebnisse vielversprechend und gar erstaunlich sein, auf eine Weise, die Grenzen von Raum und Zeit übersteigt.



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