Artikel Mittwoch, 10.06.2015 |  Drucken

Der Hebräische Humanismus Bubers – Grundlage einer pluralistischen Wertegemeinschaft in moderner Gesellschaft - Von Mohammed Khallouk

Am 13. Juni 2015 wird der Tod des österreichisch-israelischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) bereits ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Seine philosophisch-ethische Botschaft besitzt heute jedoch mehr denn je ihre Aktualität. In Zeiten, in denen im zionistischen Judentum, aber auch in anderen Religionen wie Islam oder Christentum exklusivistische Strömungen in der Öffentlichkeit Resonanz erfahren und in der Gesellschaft insgesamt das individuelle materielle wie ideelle Wohlbefinden vielfach über religiös begründete Kollektivbedürfnisse gestellt wird, sind diejenigen Stimmen besonders gefragt, die vorrangig den Anderen im Blick haben. Dabei gilt es jenen Denkern erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen, die Wert darauf legen, dass gerade die Ethik der abrahamitischen Religionen darauf basiert, sich in einer Gemeinschaft mit Mitmenschen zu begreifen, deren Anliegen und Ansprüche stets auch für das Identitätsempfinden des Ego maßgebend sind. Wie Gott Jahwe sich dem Menschen in der Thora durch seine permanente Nähe trotz scheinbarer Verborgenheit offenbart, so sollen der jüdischen Ethik Bubers zufolge sich auch die Menschen untereinander trotz divergenter Weltanschauungen begegnen, in Dialog miteinander treten und sich gemeinsam für eine humane Welt einsetzen.

Die Botschaft der Tanach für die moderne Welt neu entdeckt


Zeit seines Lebens bemühte sich Buber darum, eine Verbindung zwischen dem traditionalistischen orthodoxen Judentum und der Wertschätzung der westlichen Moderne herzustellen sowie die göttliche Verheißung an das Volk Israel auf die Gegenwart zu beziehen. Als Enkel des bedeutenden Experten für die Schriftauslegung im osteuropäischen chassidischen Judentum, Salomon Buber, und, geprägt durch die Kindheit im damals zur Habsburger Doppelmonarchie gehörenden, heute ukrainischen Lemberg, hatte Martin Buber die tiefgründig wurzelnde Gemeinschaft mit Gott und anderen Glaubensgenossen, die für das traditionsverhaftete Ostjudentum kennzeichnend war, in besonderem Maße als identitätsstiftend erfahren. Er beanspruchte dies als die ethische Basis für eine auf gegenseitiger Achtung und Mitmenschlichkeit sich stützende Gesellschaft. Sein Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik, Psychiatrie und Psychologie an verschiedenen Universitäten des deutschsprachigen Raumes hatte Buber ebenso bereits frühzeitig mit dem vernunftgeleiteten wissenschaftlich geprägten Denken der westlichen Moderne anvertraut. Dabei gelangte er zu der Einsicht, dass der religiöse Glaube nur noch eine Zukunft haben würde, wenn er erstens nicht als Gegensatz zur Aufklärung verstanden werde, zweitens dazu beitragen könne, die als unumkehrbar erkannte technologische Entwicklung in eine humane Richtung zu lenken, und drittens dazu animiere, die gesamte Menschheit an den Errungenschaften der Moderne teilhaben zu lassen. Aus dem Bewusstsein heraus, dass Israel vom Berg Zion aus als erstes Volk die an das Gemeinschaftsleben gerichteten göttlichen Gebote vermittelt bekommen habe, sollte in Bubers Gegenwart erneut Israel das Modell einer aus Solidarität und Hinwendung zum Nächsten beruhenden Gemeinschaft präsentieren, welche sich als Vorbild für die Menschheit schlechthin erweisen würde. In diesem Sinne interpretierte Buber den von Theodor Herzl ausgehenden Zionismus und das neuzeitlich wieder verstärkt aufkommende Interesse der jüdischen Diasporagemeinden an ihrem Ursprungsland. Er hatte dabei weniger politisch territoriale, ausschließlich auf Juden konzentrierte Ziele im Blickpunkt als mehr propagierte er einen „Kulturzionismus“ als Vorboten eines „hebräischen Humanismus“, dessen Grundsätze für Juden wie Nichtjuden auf dem gesamten Globus den künftigen Maßstab darstellen sollten. Das Bewusstsein, dass die Botschaft der hebräischen Bibel in keiner Weise exklusiv an die Hebräer gerichtet sei, bildete die Motivationsgrundlage von Bubers schriftstellerischer Tätigkeit in verschiedenen jüdischen Publikationsorganen. Hieraus zog er zudem die Motivation seiner Lehr- und Forschungstätigkeit als Honorarprofessor für jüdische Religionslehre und Ethik in Frankfurt am Main (1924-1933) und später als Dozent für Anthropologie und Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem (1938-1951). Sie erwies sich nicht zuletzt als Antrieb der gemeinsam mit Franz Rosenzweig begonnenen und nach dessen Tod alleine vervollständigten, am hebräischen Urtext orientierten Übersetzung der Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums, ins Deutsche. Schließlich sollten nicht nur die vielfach des Hebräischen mächtigen Juden, sondern auch die Christen, die ihr Altes Testament bereits seit fast zwei Jahrtausenden in griechischer und lateinischer und seit Luther ebenso in deutscher Übersetzung vorliegen hatten, einen Eindruck davon bekommen, wie Gott seine Botschaft in der ursprünglichen Form an sein Volk gerichtet hatte und welche Aussagen damit für die gesellschaftliche Gegenwart verbunden sind.

Israel als Zufluchtsort eines weltweit bedrängten Judentums oder eines exklusiv jüdischen Territorialanspruchs?


Bubers persönliche Bekanntschaft mit Theodor Herzl, sowie seine Freundschaften zu anderen bedeutenden Zionisten wie Felix Weltsch, Max Brod, Chaim Weizmann und Hugo Bergman hatten dazu geführt, dass die zionistische Idee zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Religionsphilosophie heranwuchs. Auch wenn er sich nicht aktiv politisch im Sinne der Rückkehr der Juden aus den verschiedensten Gebieten der Diaspora ins „Land ihrer Väter“ engagierte, publizierte er in zionistischen Zeitschriften und trat auf Zionistenkongressen als Redner auf. Behielt Buber einerseits das Ideal stets im Blick, zeigte er andererseits immer ein Gespür für die Erfordernisse der Realität, wobei sich seine auf den Dialog und die Begegnung des Ichs mit einem Gegenüber, einem Du, ausgerichtete religiöse Ethik als inspirierend erwies. Für ihn stellte Palästina nicht nur das „Verheißene Land“ der Söhne und Töchter Isaaks dar, sondern wurde ebenso von den Nachfahren Ismaels zu Recht als Heimstätte beansprucht. Schließlich lebten seit der Vertreibung der Juden durch die Römer zwischen Jordan und Mittelmeer ununterbrochen palästinensische Araber, zogen bis in die Gegenwart aus diesem Land sowohl ihre ethnische als auch religiöse (islamische wie christliche) Identität heraus und standen – anders als ihre römischen Vorgänger – auch in späteren Jahrhunderten sich dort erneut niederlassenden Juden immer wieder die Koexistenz und ungehinderte Praktizierung ihrer Religion zu. Wenn der Zionismus nach vielen Generationen die kollektive Rückkehr in der Diaspora ebenfalls heimisch gewordener Juden in das Land Kanaan propagiere, dürfe er dieses Ziel nur im Einklang mit dort bereits ansässigen Palästinensern anstreben. Vielmehr sehe man sich dazu verpflichtet, eine Verständigung mit den gegenwärtigen arabischen Bewohnern zu suchen, sie als Nachbarn und Mitbewohner mit allen ihnen zustehenden Rechten zu respektieren und sie als Partner für den Dialog sowie zur gemeinsamen Konzeptentwicklung für eine auf humanem Miteinander beruhende Zukunft des Nahen Ostens zu gewinnen. Selbstverständlich erfordere die Marginalisierung und Diskriminierung, die Juden in anderen Regionen des Globus neuzeitlich Buber zufolge wieder erfahren müssten, ihnen einen sicheren Zufluchtsort zuzugestehen, wofür das Gebiet des historischen Israels, das bereits in antiker Zeit die Befreiung aus ägyptischer Sklaverei und babylonischer Gefangenschaft repräsentiert hatte, ihm am geeignetsten erschien. – Buber hatte schließlich selbst das Exil vor der nationalsozialistischen, antisemitischen Willkürherrschaft seines deutsch-österreichischen Ursprungslandes in Jerusalem gefunden. – Ein politischer Herrschaftsanspruch dieses wieder neu entstehenden Israels, der sich gegen andere Völker richte und auf Entrechtung oder gar Vertreibung basiere, dürfe damit jedoch nicht einhergehen. Hierin sah Buber einen Verrat seines idealisierten „hebräischen Humanismus“ und letztlich gleichermaßen am Zionismus, den er zwar primär als Aufforderung an die Juden, sekundär jedoch ebenso als Mahnung an Jedermann zur Rückbesinnung auf die gemeinschaftsstiftenden Werte Gott Jahwes in der von inhumanen Ideologien geprägten modernen Welt verstand. Die wissenschaftlichen Errungenschaften der Moderne könnten sich zwar durchaus als förderlich erweisen, aber nur, sofern sie im Sinne der religiösen wie der gesellschaftlich-sozialen Gemeinschaft eingesetzt würden und für das Du gleichermaßen bestimmt seien wie für das Ich. Insofern galt die Realisierung eines nationalen, demokratischen Selbstbestimmungsrechts der Juden in Palästina für Buber durchaus als religionsethische Pflicht, jedoch nicht losgelöst von der gleichzeitigen Realisierung eines palästinensischen Selbstbestimmungsrechts. Einem exklusiv „jüdischen Staat“ stand der jüdische Religionsphilosoph ebenso ablehnend gegenüber wie der heutzutage für das Gebiet majoritär favorisierten Zwei-Staaten-Lösung. Stattdessen forderte Buber ein auf Koexistenz basierendes, bi-nationales jüdisch-arabisches Gemeinwesen. Er differenzierte zwischen dem von ihm vertretenen Kulturzionismus und einem gleichzeitig vehement zurückgewiesenen „staatsnationalen Zionismus“, der „keine höhere Autorität als das –vermeintliche! – Interesse der Nation“ anerkenne. Dieser erweise sich als eine „Form der nationalen Assimilation, die gefährlicher ist, als jede individuelle war, denn diese verdarb nur die sich assimilierenden einzelnen und Familien, die nationale aber zersetzt den Wesenskern Israels.“ Zwar erkannte Buber nach seiner Anfangsskepsis die Existenz des politischen Staates Israel durchaus als gegebene Realität an, seine Forderung, diesen Staat fortan als sowohl jüdisch als auch arabisch legitimiertes Gemeinwesen zu konzipieren, hielt er bis zu seinem Tod aufrecht. Der Stadt Jerusalem sei dabei der Status eines „internationalen Zentrums des Dialogs und der Kooperation“ zuzuweisen, sowie darüber hinaus Israel in eine Föderation mit den es umgebenden arabischen Staaten einzubinden. Eine gelegentliche Stigmatisierung als „jüdischer Gegner des Zionismus“ konnte den bekennenden Zionisten Buber von dieser Vision nicht abbringen.

Am multikulturellen Miteinander orientierter Universalist oder vom Auserwähltheitsglauben geleiteter jüdischer Egozentrist?


Obwohl Bubers Ethik sich explizit aus seinem Verständnis des Judentums speiste, nimmt seine Philosophie heutzutage in nicht spezifisch „jüdisch“ geprägten Diskursen einen mindestens ebenso hohen Stellenwert ein wie bei Debatten über eine zeitgemäße Praktizierung und Auslegung des Judentums. Man erkennt an, dass Buber mit seinem „hebräischen Humanismus“ ein Gesellschaftsmodell propagierte, welches nicht nur in Israel, sondern in einem modernen, multikulturellen Gemeinwesen generell eine Richtschnur darstellen könnte. Der Kommunitarismus Amitai Etzionis beruft sich ebenso auf die Bubersche Ethik mit der permanenten Verständigungssuche scheinbar gegeneinander gerichteter Interessengruppen wie der institutionalisierte interreligiöse Dialog seine Propagierung der Begegnung und Orientierung am Gegenüber als dem Ego ebenbürtig zum Fundament erhebt. Dabei hing Buber durchaus einem jüdisch-zionistischen Auserwähltheitsglauben an, verstanden in dem Sinne, dass Gott Jahwe mit Israel als erstem Volk seinen Bund geknüpft habe, die Israeliten in der Historie zum Beweis der Realisierbarkeit einer wahrhaftig humanen Gemeinschaft auserwählt habe und daher auch in der Gegenwart von Israel eine moralische Vorreiterrolle verlange. – In wie weit der heutzutage bestehende Staat Israel diesem Anspruch tatsächlich gerecht wird, darüber darf und sollte nach Auffassung Bubers weiterhin eine sowohl akademische als auch politische kontroverse Debatte geführt werden. – Wenn ein von Solidarität jedes Mitglieds getragenes Kollektiv sich jedoch als konstitutiv herausgestellt habe, könne dieses Modell prinzipiell in jeder auf menschlichen moralischen Normen sich stützenden Kultur implementiert werden – im christlich geprägten Europa ebenso wie in der Islamischen Welt. Vielmehr stelle dieses permanente Eintreten für die Rechte und Ansprüche des Anderen die Grundlage für eine angemessene Einbeziehung ethnisch-religiöser Minoritäten in ein demokratisches Gemeinwesen. Bubers Gemeinschaftsfixierung kontrastiert nicht nur mit antidemokratischen Ideologien, sondern auch mit dem Selbstbezug des neuzeitlichen Individualismus, der die westliche Konsumgesellschaft charakterisiert. Insbesondere wendet sich Bubers Ethik zudem gegen den Überheblichkeitsdünkel eines willkürlich ausgewählten und konstruierten Kollektivs gegenüber den Anderen. Die hiervon ausgehende Bedrohung hatte Buber im nationalsozialistischen Vorsehungsglaube zu spüren bekommen, fand aber auch später in den Nationalismen arabischer wie jüdischer Ausrichtung Exempel hierfür vor. Das Wort Gottes erfüllte sich für Buber immer im Dialog mit Anderen und darüber hinaus im Handeln im Sinne der Mitmenschen. Es bedeutete in keiner Weise den Verzicht auf eigene Individual- wie Kollektivansprüche, sondern eine Realisierung dieser unter Berücksichtigung des Anderen, so dass nicht nur das Ego oder die eigene Gemeinschaft, sondern darüber hinaus die Menschheit insgesamt davon profitiere. Erst in der Blickrichtung auf das Du findet Buber zufolge das Ich seine Identität und wird in die Lage versetzt, als moralisch aufrechte Persönlichkeit einen Beitrag zum gottgewollten humanen Fortschritt zu leisten.

Mohammed Khallouk ist Politologe und Islamwissenschaftler. Sein letztes Werk „Salam Jerusalem“ erschien 2015 beim Rimbaud Verlag in Aachen.





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