Newsnational Dienstag, 08.04.2014 |  Drucken


Ein Muslim blickt auf seine deutsche Heimatstadt

Wie der Marburger Autor Mohammed Khallouk seine Stadt zum Lebensmittelpunkt und zum Gegenstand eines Buches macht – Von Aiman Mazyek

Obwohl Muslime heutzutage fast in jeder deutschen Großstadt sichtbar zum Alltag gehören und selbst von vielen nichtmuslimischen Stadtbewohnern für so selbstverständlich als Teil ihrer Umwelt wahrgenommen werden wie katholische oder evangelische Christen, wird in einigen deutschen Medien das Bewusstsein vermittelt, die Muslime beschränkten sich im Wesentlichen auf bestimmte Stadtviertel und Gesellschaftsbereiche, in denen sie außerhalb der Schul- oder Arbeitszeit fast ausschließlich mit Ihresgleichen interagierten. Dieses verzerrte, realitätsfremde Bild ist nicht nur durch die Millionen Muslime in diesem Land widerlegt, die tagtäglich gemeinsam mit Nichtmuslimen in Parteien, Vereinen und Sozialinitiativen gesellschaftlich aktiv sind, sie kann auch an den literarischen Erzeugnissen in Deutschland lebender Muslime abgelesen werden, die ihren Bezug zur deutschen Heimat erkennen lässt, ohne ihre gleichzeitige muslimische Identität zu leugnen.

Ein großartiges Beispiel liefert der Marburger Autor Mohammed Khallouk, der die Stadt seines Lebensmittelpunkts zum Gegenstand eines Buches erhebt. Er ist in seiner fragmentarisch verfassten Prosabeschreibung stets als Bürger der traditionsreichen Universitätsstadt zu erkennen, der sich auch mit Kultur und Geschichte der Wirkungsstätte bedeutender Geistesgrößen wie dem Mediziner Emil von Behring oder den Philosophen Martin Heidegger und Hannah Arendt auseinandersetzt. Nimmt er manches Verhalten deutscher Bürokraten, zum Beispiel bei der Einreise auf dem Flughafen, aber auch gegenüber Immigranten auf der Ausländerbehörde durchaus mit Befremden auf, identifiziert er sich dennoch so sehr mit Deutschland und speziell Marburg, dass er sogar Sehnsucht an diese Stadt empfindet, als er sie zeitweilig verlassen muss.


In Deutschland angekommen: Der Deutsch-Marokkaner und Wissenschaftler Mohammed Khallouk

Seine mannigfaltige Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart in Deutschland drückt aber nicht nur eine intensive Beschäftigung des Autors mit dem Wahrgenommenen und Beschriebenen aus, sondern auch seine Fähigkeit zur Reflexion aus seinem muslimischen Werteverständnis heraus. Er bereichert somit neben der umfangreichen, auf eine Stadt bezogenen Prosaliteratur auch die gesellschaftliche Debatte. Seine muslimische Betrachtungsweise tritt sogar bei auf den ersten Blick profan erscheinenden Themen wie dem Verhältnis zwischen gut situierten Altstadtbewohnern und in Plattenbauten lebenden ärmeren Stadtbewohnern mit Migrationshintergrund hervor, nicht zuletzt aber bei der hierzulande vielfach auf Trivialitäten verengten Diskussion um Begriffe wie Ehe, Familie und Sexualität.

Über literarische Werke wie Khallouks „In Deutschland angekommen Marburg“ wird der muslimische Beitrag zur deutschen Debattenkultur sichtbar, ohne dass dahinter ein missionarischer oder gar herabwürdigender Tenor gegenüber dem Bestehenden, größtenteils auf Nichtmuslime Zurückgehenden herauszulesen ist. Indem Khallouk mit allen Sinnen und seinem Denken im Alltag und der Gesellschaft in Deutschland angekommen ist, demonstriert er zugleich, dass die Muslime im Mittelpunkt des intellektuellen selbstreflektierenden Diskurses Deutschlands angekommen sind.

Mohammed Khallouk: In Deutschland angekommen: Marburg
Mit einem Vorwort von Murad Hofmann und einem Nachwort von Reinhard Kiefer
Rimbaud Verlag, Aachen 2013 ISBN: 978-3890864389



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